"Geh aus mein Herz..." - Predigt in der Stadtkirche Karlsruhe, 09.07.2023
Lesung: Mt 6,25-34
Darum sage ich euch:
Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet;
auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.
Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung?
Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
Liebe Gemeinde,
jahrzehntelang gab es keinen Kinobesuch ohne dies: freche und schnelle, lebenslustige Strandszenen mit Surfern und Sonnencreme. Strandschönheiten, die sich auf bunten Handtüchern räkeln. Und der Ohrwurm: So schmeckt der Sommer! Like ice in the sunshine – wie Eis im Sonnenschein, so schmeckt der Sommer. Sagt die Eis-Werbung.
Wie auch immer Ihr ganz persönlicher Sommer-Geschmack aussieht und wie auch immer Sie den Sommer lieben, eins ist sicher: der Sommer ist die Zeit der Überfülle. Der Reichtum der Gaben Gottes in der Schöpfung ist mit jeder Faser zu spüren und zu sehen. Die Bäume stehen voller Laub, die Blumen blühen üppig und schon am ganz frühen Morgen hört man die Vögel singen. Die Sonne hat unendliche Energie – manchmal fast zu viel – und lässt die Tage lange hell sein. Der üppige Sommer macht einen entweder sprachlos oder entlockt den Lippen ein Lied.
Paul Gerhardt hat sich für das Lied entschieden und hat eines der schönsten und längsten Sommerlieder gedichtet, das in unserem Gesangbuch zu finden ist. Wir haben die ersten Strophen davon schon gesungen. Es ist weit mehr als ein Sommermärchen. Es ist auch ein Protestlied gegen den Tod und die lebenszerstörenden Mächte und Gewalten.
Als das Lied entstand, war der 30jährige Krieg gerade mal seit fünf Jahren vergangen. Bittere Armut herrschte auf dem Land, zu wenige Menschen konnten arbeiten und das Land bebauen. In dieser Zeit bekam Paul Gerhardt eine Stelle als Pfarrer in einem kleinen Ort im Spreewald, in jener Zeit heiratete er auch. Das überschwängliche Glück trotz und inmitten der harten Zeiten tönt durch jede Zeile seines Liedes.
Geh aus, mein Herz – auch wenn das, was du draußen siehst und erlebst, was du in den Nachrichten hörst und was dir auf der Seele liegt, alles andere als herzerfrischend ist. Suche Freud‘ in dieser lieben Sommerzeit – lass dir die Sehnsucht nach Freude und Sommergeschmack nicht ausreden – an deines Gottes Gaben. Der üppige Garten der Natur und der Gärten schöne Zier lassen ihm das Herz überlaufen. Das Bild, das beim Singen vor meinem Auge entsteht, ist ein wahres Idyll. Ein echtes Paradies der Natur. Mit reich bewachsenen Böden, der atemberaubenden Schönheit von Blumen – Narzissus und die Tulipan ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide.
In den Worten der Bergpredigt haben wir es vorhin gehört: die Lilien auf dem Feld sind herrlicher und schöner gekleidet als der reiche König Salomo in seinen Palästen. Zur Zeit Paul Gerhardts waren Tulpen etwas Exotisches. Man musste horrende Preise dafür bezahlen und der große Kurfürst in Berlin pflanzte in seinem Lustgarten Narzissen und Tulpen, um seinen großen Reichtum zu zeigen.
Im Garten der Natur entsteht immer und immer wieder neues Leben: die Glucke führt ihr Völklein aus, der Storch bewohnt sein Nest und die Schwalbe füttert die Jungen. Das pralle Leben ist im wonnigen Juchzen der Hirten zu hören und an der unverdrossnen Bienenschar zu sehen.
Die wohltuende Abendkühle des Gartens ist nicht nur ein Geschenk Gottes für uns Menschen. In der Bibel wird auch davon erzählt, wie Gott selbst im Garten spazieren geht. Als der Tag kühl geworden war, hörten Adam und Eva Gott, wie er im Garten spazieren geht. Beschämt werden sie ihrer Nacktheit gewahr. Das Essen vom Baum der Erkenntnis hat ihnen die Augen geöffnet, die Zeit der dämmernden Unschuld ist vorbei. Zugleich sind die Augen geöffnet für die staunende Erkenntnis des übergroßen Reichtums der Schöpfung Gottes.
Dieser Reichtum und die überreiche Fülle des Lebens lassen das menschliche Gemüt singen und loben.
Tun wir das – und singen die Strophen 8-10:
8. Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen, aus meinem Herzen rinnen.
9. Ach, denk ich, bist du hier so schön und lässt du's uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden: was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden, und güldnen Schlosse werden!
10. Welch hohe Lust, welch heller Schein wird wohl in Christi Garten sein!
Wie muss es da wohl klingen, da so viel tausend Seraphim
mit unverdrossenem Mund und Stimm
ihr Halleluja singen, ihr Halleluja singen.
Mit beiden Beinen fest verwurzelt in diesem Erdengarten mit allem, was er bringt – an Freude und Glück, aber auch an Unkraut und Verwucherungen, an Schürfwunden und Gräben – so kann man einen Blick in den Garten Christi werfen. Der Blick in diesen Garten, den Blick hinter die Grenze unseres Lebens wagen wir nur selten. Für Paul Gerhardt und seine Zeitgenossen war er viel selbstverständlicher. Zu sehr waren Leid und Tod gegenwärtig und Teil des alltäglichen Lebens.
Das überhaupt erst macht die Tiefe dieses jubelnden Sommerliedes aus. Keineswegs war damals alles eitel Sonnenschein. Keineswegs waren jene Zeiten die „guten alten Zeiten“. Ob es diese je gab, ist ohnehin fraglich. Auch heute.
Um sich herum und in seinem eigenen Leben hatte der Liederdichter viel mit unsäglichem Leid und Schmerz zu tun. Umso größer ist sein Aufatmen angesichts der übervollen Sommerzeit.
Mich beeindruckt das an diesem Lied: dass es einer geschrieben hat, der wahrlich nicht nur die lieben und sonnigen Sommerszeiten des Lebens kannte. Das Lob Gottes und der Dank für die großen und kleinen Dinge, die das Leben ausmachen, sieht nicht an den schweren Seiten und Zeiten des Lebens vorbei.
Paul Gerhardt hat einen sehr realistischen Blick auf das Leben hier und jetzt und stimmt doch genau so und genau hier, das Lob an – lassen wir uns mitnehmen und singen wir die Strophen 11+12:
11. O wär ich da! O stünd ich schon, ach süßer Gott, vor deinem Thron
und trüge meine Palmen: so wollt ich nach der Engel Weis
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen, mit tausend schönen Psalmen.
12. Doch gleichwohl will ich, weil ich noch hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen; mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen, zu deinem Lobe neigen.
Wer lobt, dem steht der Himmel offen. Für einen Moment stellt sich der Liederdichter vor, wie es wohl aussieht in jenem Garten dort oben. Für einen Moment könnte man meinen, er sehne sich danach, all die Mühsal hier hinter sich zu lassen. Aber so einfach ist es nicht und so einfach macht er es sich nicht.
Der Wunsch nach dem Paradiesgarten geht nicht an jenem andern Garten vorbei: an jenem Garten Gethsemane. Dort hat Jesus mit dem Vater gerechtet und gebetet: „Wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorüberziehen.“
Ja, zu den Gärten, in denen wir uns bewegen, gehört auch immer wieder der Garten Gethsemane. Der Garten, in dem die verzweifelte Suche nach Trost ihren Platz hat – und die Hoffnung, dass etwas gut ausgehen möge, auch wenn es gar nicht gut aussieht.
Im Garten des Lebens unter Gottes Himmel sind auch diese Erfahrungen aufgehoben. Sie können manchmal wie ein Joch sein, das mich niederdrückt und mir das aufrecht gehen und stehen schwer machen. Nicht immer wird dann das jubilierende Lob gelingen. Auch das ist Lob: in den verwinkelten Wegen der Gärten Gethsemane mit Gott zu rechnen. Damit zu rechnen, dass er mein Seufzen hört. So wird das Bild vom Garten zum Hoffnungsbild für die Überwindung von Leid und Tod.
Am Ende des Sommerchorals von Paul Gerhardt wenden wir uns singend Gott zu und bitten ihn um den Segen, der vom Himmel fließt.
Wie das Regenwasser, das die Pflanzen auf den Feldern blühen lässt, soll der Segen uns zum Blühen bringen. So werden wir selbst zu einem Garten, in dem die Früchte des Glaubens wachsen. Zu einem Garten, in dem der Geist Gottes sich Raum schafft, dass ich dir werd ein guter Baum. Wir sind nicht aus eigener Kraft fromm und geistreich – Gottes Geist selbst sucht sich in uns Wohnung und einen Acker, auf dem er blühende und reiche Früchte treiben lassen kann.
Eine eigenartige Wendung vollzieht das Sommerlied am Ende: vom Lob der wunderschön anzusehenden Pflanzen und Blüten am Anfang kommt es jetzt zu dem Wunsch, dass wir, dass jeder einzelne von uns zu einer schönen Blume in Gottes Garten werden und bleiben möge.
Mehr noch: Erwähle mich zum Paradeis und lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen. Das erinnert wieder an den Spaziergang Gottes im Garten Eden bei Adam und Eva. Gott möge mich selbst zu einem Paradies erwählen, er möge sich seinen Raum in mir suchen.
Auch dann, wenn mein Acker gerade ziemlich verkrustet ist vor lauter Hitze des Lebens. Auch dann, wenn das Unkraut alter Tage immer wieder durchkommt und die frischen Sprößlinge neuen Lebens überwuchert. Auch dann, wenn von der vielen guten Saat nur ganz wenig aufgeht.
Genau auf diesem Boden wird Gott sein Paradies errichten und es wohnen lassen. In seinen Augen und vor seinen Augen sind wir paradiesisch und unendlich wertvoll, schöne Blumen und Pflänzchen – oder gar gute Bäume. Das ist ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit, den ich mir gern gefallen lasse. So schmeckt der Sommer! So ist es! Amen.
