Liebe Frau Schäuble,
liebe Christine Strobl, lieber Hans-Jörg Schäuble,
liebe Juliane Schäuble, liebe Anna Mayer,
liebe Familien Schäuble, Strobl und Mayer,
liebe Freundinnen und Freunde von Wolfgang Schäuble,
liebe Weggefährten aus der Politik,
liebe Trauergemeinde hier in Offenburg und an so vielen Orten unseres Landes,
In der Woche vor Weihnachten war er noch ein letztes Mal nach Berlin gefahren, um seine Memoiren abzuschließen. Jetzt ist das letzte Kapitel seines Lebensbuches abgeschlossen. Wolfgang Schäuble lebt nicht mehr.
Er hat mit viel Willenskraft dem Leben seine Kraft abgerungen – für Sie, liebe Frau Schäuble, für seine Kinder und Euch Enkel - Mick und Kimi, Ava und Emma.
So lange er konnte, hat er sein Versprechen gehalten: zu kämpfen, zu leben, zu überleben. Als es dann klar wurde, dass es nicht mehr die Sache seines Kampfes ist und dass es nicht den Bruch eines Versprechens bedeutet, das Leben gehen zu lassen – da konnte er gehen.
Beim Blick auf das Leben von Wolfgang Schäuble und die letzten Tage seines Lebens scheinen Worte aus dem ersten Buch Mose auf. Dort ist es der Knecht Abrahams, von dem erzählt wird:
Und er sprach zu ihnen: Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe. (Gen 24,56).
Wolfgang Schäuble hat sich in seinem Leben nicht aufhalten lassen und lebte aus dem Vertrauen, dass sein Leben gehalten ist von Gottes Gnade – auch in allen Brüchen und Verletzungen.
Am 18. September 1942 kam Wolfgang Schäuble in Freiburg zur Welt, in Hornberg ist er aufgewachsen – hier im Schwarzwald hat er seine Wurzeln und ist zeitlebens ein bodenständiger Schwarzwälder geblieben und war zugleich ein weitsichtiger Europäer. Es war ihm wichtig, mit dem Enkel zum Hornberger Schießen zu gehen und als das Leben in den Weihnachtstagen von ihm ging, hat er noch einmal sehr lange auf seinen Schwarzwald gesehen.
Sein Vater hatte einst für den Schwarzwaldverein die Hinweistäfelchen an die Bäume geschlagen – und auch er kannte aus den Wanderungen, die er vor seiner Zeit im Rollstuhl jedes Wochenende machte, alle Winkel und Wipfel des Schwarzwalds.
Jeder und jede von uns hat eigene Erinnerungsbilder aus dem Reisetagebuch mit Wolfgang Schäuble.
Zu den besonders kostbaren Bildern gehören gewiss die vom 23. Mai 1969 – als er seine Ingeborg, Sie, liebe Frau Schäuble, in Freiburg heiratete. Im Studium in Freiburg hatten Sie sich kennengelernt, der junge Gerichtsreferendar und die Studentin der Volkswirtschaft. Auch da ließ er sich nicht aufhalten. „Die werd‘ ich heiraten.“ hat er schon bald einen Freund wissen lassen und für dieses Ziel hat er – wie es so seine Art war – auch da „effektiv gearbeitet“, wie Sie, liebe Frau Schäuble es erzählt haben.
Schon drei Jahre nach Ihrer Hochzeit wurde er Mitglied des deutschen Bundestages und blieb das bis zuletzt, länger als je ein anderer vor ihm.
Wolfgang Schäuble war ein unabhängiger Geist, der sich nicht vor Auseinandersetzungen scheute, aber er war kein Einzelkämpfer.
Er war unerschrocken – auch angesichts der Endlichkeit des Lebens.
„Wer Angst vor dem Sterben hat, darf nicht geboren werden.“ hat er einmal gesagt. Die Freude und das Neuaufbrechen von Leben in Geburten hat er als Vater mehrfach erlebt. 1971 wurden Sie, liebe Christine Strobl, geboren, 1974 Hans-Jörg, 1975 Juliane und 1981 machten Sie, liebe Anna das Quartett im Hause Schäuble perfekt. Ihr Zusammenhalt als Großfamilie hat ihm die Kraft zu seinen Reisen gegeben.
Zu Hause erst in Gengenbach und dann in Offenburg hat er mit ihnen allen „furchtbar gern normal“ gelebt, bescheiden und mit der Freiheit des Privatmanns. Die jährlichen Sommerurlaube mit allen an der Nordsee und im letzten Sommer am Bodensee haben ihn getragen und Sie alle zusammengehalten, auch als die Entfernungen der Wohnorte größer wurden.
Als Politiker und weiser Staatsmann hat er die Reise unseres Landes durch mehr als fünf Jahrzehnte maßgeblich begleitet. Aus den Reisen zwischen Bonn und Berlin seit 1985 wurden 1989 und 90 die von ihm geführten und gestalteten Schritte auf dem Weg zur deutschen Einheit und schließlich der Umzug des Parlaments von Bonn nach Berlin.
Der schmerzhafte Einschnitt in sein Leben im Jahr 1990, als ihn die schicksalshaften Schüsse aus der Pistole eines psychisch kranken Mannes an den Rand des Lebens und schließlich in den Rollstuhl brachten, war eine Wende der eigenen Art. An die Stelle tagelanger Wanderungen über die Pässe der Schweiz und die Berge des Schwarzwalds, an die Stelle von Skifahren und Tennis rückte das Radfahren. „Natürlich hat dieses einschneidende Erlebnis mein Leben völlig verändert. Aber zu behaupten, ich wäre jetzt in den vergangenen 30 Jahren weniger glücklich gewesen, das wäre falsch.“ So hat er es selbst gesagt.
Wolfgang Schäuble hat sich selbst und uns allen gezeigt, was möglich ist und welche Kraft im verletzlichen Leben steckt. Nicht immer wird es ihm leichtgefallen sein, die Angewiesenheit anzunehmen. Immer aber war es ein Segen für ihn, dass Sie, liebe Frau Schäuble, auch jetzt an seiner Seite standen. Getragen hat ihn auch, dass Sie, liebe Elke Richter als seine Krankenschwester, seit dem Aufenthalt in Langensteinbach für ihn da waren – und ihn bei allen Reisen und bis zuletzt begleitet haben.
Wolfgang Schäuble hat in seinem Leben den Blick über das Vorfindliche hinaus weiten können. Darin war er ein zutiefst frommer Mensch.
Er wusste um die Endlichkeit des Lebens und von der Unendlichkeit als Sehnsuchtsort. Das wird ihm auch im harten und konfliktreichen politischen Geschäft als Innenminister und Finanzminister, als Bundestagspräsident und als Abgeordneter getragen haben – auch in den Zeiten, in denen Brüche und Verletzungen und scharfer Wind die Tage und vielleicht auch Nächte bestimmt haben. Er war davon überzeugt, dass Politik Kompromiss ist und dass es immer und immer wieder darum gehen muss, das Gegenüber zu verstehen, das eigene Handeln zu erklären und dem Streit nicht aus dem Weg zu gehen.
Wie wenig selbstverständlich das ist, das war ihm als Europäer hier an der deutsch-französischen Grenze sehr bewusst.
Im vergangenen Mai haben wir gemeinsam in einem neuen Stadtteil im Straßburger Hafen eine kleine Kirche, die Chapelle de la Rencontre eingeweiht. Ein deutsch-französisches Projekt, mit einem badischen Pfarrer und einer elsässischen Pfarrerin. Bescheiden wie er war, sagte er mir bei seiner Ankunft, dass er doch eigentlich nicht auch noch sprechen müsste. Glücklicherweise hat er sich dann doch überreden lassen und für uns alle bewegende Worte über die Kraft von Versöhnung gesprochen.
Wolfgang Schäuble hat aus einer Kraft gelebt, die größer war als er selbst. Er hat mit seiner Weisheit und der dem Schwarzwälder eigenen Mischung aus Beharrlichkeit und Verschmitztheit die demokratische Kultur in unserem Land geprägt und für den Erhalt der Demokratie gekämpft bis zuletzt.
Bei allem, was er selbst Wegweisendes gesagt hat, wusste er: Das entscheidende Wort müssen und können wir uns von anderswo her sagen lassen. Die Musik und unzählige Konzerte, die er von seinem Platz in der Berliner Philharmonie hören konnte, haben ihn das ebenso erleben lassen wie der seit 50 Jahren jährliche Genuss des Weihnachtsoratoriums, aufgeführt vom Freiburger Bachchor.
Die Worte der Kantaten hatte er alle im Herzen. Auch sein politisches Engagement hat er immer in jenen größeren Rahmen eingeordnet und begrenzt gewusst, wie es in der Sopran-Arie in der 6. Kantate des Weihnachtsoratoriums für den morgigen Epiphaniastag zu hören ist. Dort heißt es:
„Nur ein Wink von Gottes Händen
Stürzt ohnmächt’ger Menschen Macht.
Hier wird alle Kraft verlacht!
Spricht der Höchste nur ein Wort,
seiner Feinde Stolz zu enden,
o, so müssen sich sofort
Sterblicher Gedanken wenden.“
Die Schlussworte und Schlusstöne der letzten Kantate des Weihnachtsoratoriums machen die Arme weit, in denen Wolfgang Schäuble auch jetzt aufgehoben ist. „Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht.“ Seit Weihnachten und mit der österlichen Hoffnung auf die Auferstehung kann nichts und niemand uns von der Liebe Christi trennen. Auch nicht der Tod.
Wolfgang Schäuble hat die Räume gewechselt, ist ein eine andere Wohnung in Gottes Haus umgezogen – er ist von einer Hand Gottes in die andere übergegangen. Er musste sein Leben aus der Hand geben und bleibt auch jetzt geborgen in Gottes Händen.
Als er an Heiligabend noch einmal mit der Familie hier in der Stadtkirche zum Krippenspiel war, da wusste er, dass seine Tage auf Erden zu Ende gehen. Er hat sich verabschiedet, sehr bewusst, von allen, die wie jedes Jahr am Heiligabend am Familientisch versammelt waren. Er hat noch einmal mit allen im „Ritter“ in Durbach am 1. Weihnachtsfeiertag Rehrücken mit Spätzle und Pfifferlingen gegessen – wie immer – auch wenn sehr klar war: das Immer wird bald zum Einst. „Ciao – unsere Wege trennen sich jetzt.“. – sagte er. So konnte er gelassen und weise sterben. Ohne Angst, nach letzten Anrufen bei Freunden, mit dem Violinkonzert von Mozart im Ohr hat er sich auf seine letzte Reise gemacht. Wer so stirbt, der stirbt wohl.
Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe. Gott hat Gnade zur Lebensreise von Wolfgang Schäuble gegeben. Wir müssen ihn lassen und wir können ihn lassen.
Er ist zum Herrn gezogen. Bei Jesus Christus ist er aufgehoben und geht wie wir der Auferstehung entgehen.
Er ist wie wir von guten Mächten wunderbar geborgen.
Gott ist bei uns und bei Wolfgang Schäuble – am Abend und am Morgen und in Ewigkeit. So können wir getrost erwarten, was kommen mag. Und ihn in Frieden ziehen lassen. Amen.
