Gott.verlassen - Predigt am Karfreitag in der Christuskirche in Mannheim, 29.03.2024

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
 
Liebe Gemeinde,
 
der Schrei ging mir durch Mark und Bein und traf mich tief in der Seele. Über eine Stunde hatte der Darsteller im Ein-Mann-Stück „Judas“ mich in seinen Bann gezogen. 
 
In der Karlsruher Lukaskirche kniete er auf dem Boden und hat geschrien. Die ganze Verzweiflung über die Verstrickungen seiner Schuld. Die ganze Enttäuschung darüber, dass er so gern mit Jesus gekämpft hätte für eine bessere Welt mit einem gerechten Herrscher. Das ganze Ringen darum, dass er spätestens seit dem Mittelalter der Inbegriff von Verrat und dem Bösen war. 
 
Mit eindringlich verzweifeltem Gesichtsausdruck sagt er: „Da war so viel Hass und Wut in der Luft!“ Auch dieser Satz ging mir durch Mark und Bein. Wut, die aus der Enttäuschung kam. Wut, die aus zerplatzten Hoffnungen bei denen kam, die den König der Welt mit „Hosianna-Rufen“ beim Einzug in Jerusalem begrüßt hatten. So viel Wut, so viel Enttäuschung und ein Schrei, der noch immer in mir nachhallt. 
 
Am Ende des Stückes rüttelt Judas das Publikum auf mit dem Blick auf seine Verzweiflung – und darauf, dass er sein Leben geopfert hat, weil er sich hat mitreißen lassen von der Macht des Volkszorns, weil er auf der richtigen Seite stehen wollte – und weil sie seine Reue nicht akzeptiert haben, als er die 30 Verrats-Silberlinge zurückgeben wollte. Er hatte seinem Leben ein Ende gesetzt kurz bevor auf Golgatha die Welt und ihre Abgründe schonungslos zu sehen waren. 
 
Kurz vor jenem anderen Schrei. 
 
In der Finsternis, die sich über das Geschehen gelegt hatte schreit er. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ 
Stundenlang schon war er der Häme und dem Spott ausgeliefert. Hatte gesehen, wie sie um seine Kleider losten und würfelten. Wie sie das bisschen Stoff, das ihn noch schützen könnte vor den Blicken jetzt lächerlich machten, ihn entblößten, den Nackten und Wundgeschlagenen durch Wegsehen und Missachtung wieder und wieder geschlagen haben. 
Angestarrt und bewacht. Als wäre er die Gefahr.
Er ist ausgeliefert. Zu Tode verwundet.
Seine Wunden liegen offen. 
Er ist erstarrt, festgebunden. 
Sie sehen es. Alle können es sehen. 
Keiner hat Mitleid. Sie gehen vorbei – stecken die Köpfe zusammen, lästern über ihn. 
 
Die Einsamkeit wächst, wenn andere das Leid sehen und nichts tun. So viele Verwundete und Geschundene erleben genau das. 
 
Dass sie ausgeliefert sind – nicht nur ihren Peinigern, die das Vertrauen missbrauchen. Mindestens so schlimm ist, dass sie ausgeliefert sind einer Gemeinschaft des Schweigens und Wegsehens. Viel zu viele Betroffene von sexualisierter Gewalt können genau davon erzählen. Wie andere tatenlos weggesehen haben. Wie leise und manchmal gar nicht so leise Andeutungen davon, dass ihnen hier Schlimmes widerfährt, verhallt sind. In tauben Ohren in ihrem Umfeld, zwischen den Aktendeckeln auch der Kirchenbürokratie. 
 
Immer noch geschieht es, dass so viele sich das Leid der anderen vom Leib halten wollen. Dass Betroffene ausgestoßen werden aus der Gemeinschaft, weil sie die Harmonie stören. 
Dass erstmal gemutmaßt wird, ob sie wohl eigentlich ganz andere Motive haben, davon zu berichten, was ihnen angetan wurde.
 
So viele gehen vorbei, schütteln die Köpfe und raunen: „Sie hätte sich doch wohl wehren können.“ – „Warum hat sie denn nicht sofort die Flucht ergriffen?“ 
 
Auf Golgatha haben sie gespottet: „Andern hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen.“ 
 
„Hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist und steig herab vom Kreuz.“ 
 
Die, die Macht zur Entscheidung und zur Meinungsmache haben, missbrauchen ihre Positionen durch Spott und Häme. Sie schieben ihre Verantwortung weg. Eine neue unheilvolle Gemeinschaft entsteht. Wie ein asozialer Kitt wirkt die Verhöhnung Jesu. Im Verspotten des Gekreuzigten kommen auch die zusammen, die einander sonst nicht grün sind. Wo es gegen den Gekreuzigten geht, da ist man sich einig. 
 
Und Jesus hält all das aus. Er verzichtet auf das Machtgehabe. Debattiert nicht. Wehrt sich nicht. Sucht sich nicht Verbündete. 
 
Selbst seine engsten Gefährten haben verschlafen, als er um ihre Nähe gebeten hat. Wenigstens diese eine letzte Nacht mit ihm wachen. Wenigstens in diesen letzten Stunden die Hand halten. Wenigstens diese eine Nacht die Verzweiflung und die Angst aushalten. Auch damit war er allein. Einsam. Verlassen. 
 
All das liegt in seinem Schrei am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?
 
Vom Kreuz Jesu her dringt dieser ohrenbetäubende Schrei an mein Ohr. 
Jesus schreit seine abgrundtiefe Gottverlassenheit hinaus, er ist den Spöttern ausgeliefert und denen, die ihn hämisch beäugen. 
 
Es ist der Schrei all derer, die Beschämung und Verwundung ausgesetzt sind. 
Es ist der stumme Schrei derer, die ein Leben lang an den Wunden leiden, die ihnen durch sexualisierte Gewalt zugefügt wurden. So viele sind heiser geschrien davon, dass sie immer und immer wieder an Mauern gelaufen sind, wenn sie Gehör gesucht haben. 
 
Das Geschehen an Karfreitag nötigt uns hinzusehen: auf die unheilvollen Allianzen von Mächten und Gewalten, die Jesus ans Kreuz bringen, auf die unheilvollen Bündnisse von Rechthabern und Wegsehern, die Verzweifelte zum Schweigen bringen. 
 
Von Golgatha aus dringt der Schrei Jesu durch die Zeiten. 
 
Im Schrei Jesu hallt der Schrei der Menschen im Gaza-Streifen und im Westjordanland wider, die um ihr Leben bangen und Hunger leiden.
 
Und der Schrei der Menschen in Israel, die immer noch um ihre Lieben bangen, die als Geiseln festgehalten werden. 
 
Im Schrei Jesu am Kreuz liegt der Schrei derer, die verzweifeln angesichts von Tod und Abschieden, von enttäuschten Hoffnungen und abgebrochenem Leben. 
Der Sohn Gottes teilt diesen Schrei. 
 
In diesem Schrei zitiert er Gott herbei. Es ist der Schrei aus Psalm 22. Der Schrei des Beters. Der Schrei dessen, der von Gott alles erwartet – auch in der tiefsten Tiefe. 
Mein Gott! Hast du mich etwa verlassen? 
 
Jesus schreit seine Gottverlassenheit hinaus. Legt alles in Gottes Hände. Schreit mit uns. Bis heute geht mir das durch Mark und Bein. Er schreit mit uns – deswegen sind wir nicht verloren. 
 
Sein Schrei geht nicht ins Leere, sondern Gott in die Ohren. 
Meine Klage geht nicht ins Leere, sondern Gott in die Ohren und ans Herz.
 
Nach einem letzten lauten Schrei stirbt der Gekreuzigte. 
Er stirbt den Tod eines Folteropfers. Verwundet und verspottet. Zu Tode gefoltert und in die Einsamkeit gedrängt. 
 
Sein Tod lässt die Erde beben und Felsen zerreißen. 
Der Tod so vieler Kinder und Frauen und Männer im Gaza-Streifen – er schreit zum Himmel. 
 
Der Tod so vieler Menschen in der Ukraine und die Todesangst derer, die in Russland Demokratie fordern – sie schreien zum Himmel. 
Der Tod des Menschen, ohne den ich mir das Leben nicht vorstellen konnte – er schreit zum Himmel. 
 
Die ermordeten Seelen der von sexualisierter Gewalt Betroffenen – sie schreien zum Himmel. 
 
Die Schreie sind nicht mehr zu überhören.
Die Erschütterungen und die Risse in den Vorhängen unserer Bilder von uns selbst, der Kirche und unserem Miteinander sind nicht zu übersehen. 
 
Am Ende gehen dem Hauptmann und den Wachen auf Golgatha die Augen auf und sie erkennen: „Dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ 
Am Ende sehen die Frauen, die bis zuletzt mit dabei geblieben sind, was hier geschehen ist. Es lässt ihnen keine Ruhe. Sie nehmen die Erschütterung und den Schrei mit in die nächsten Tage. Sie haben eine Ahnung, dass diese Welt nicht verloren ist und dass das Grab nicht das Ende sein wird. 
 
Aber heute, noch, stehen wir auf Golgatha.
Sehen auf den Gekreuzigten.
Die Verwundeten.
Die Verzweifelten.
Die Verängstigten.
 
Sehen, wo wir uns eingereiht haben in die Spötter und die Wegseher, in die Tuschler und in die, denen Harmonie wichtiger ist als das klare Wort und das entschiedene Einstehen und Beistehen für die, denen Schlimmes geschehen ist.
 
Ich stehe unter dem Kreuz, sehe in das verwundete Gesicht Jesu, habe seinen Schrei im Ohr und bin beschämt. 
 
Aber ich wage es dennoch zu hoffen, dass es einen neuen Anfang gibt. 
Ich wage es zu bitten:
„Erkenne mich, mein Hüter,
mein Hirte, nimm mich an!“
 
Jesus hat den Schrei aller Verwundeten und Verzweifelten geschrien. 
Am Ende wird Gott ihn aus dem Tod reißen.
Am Ende meiner Tage, wenn mir am allerbängsten ums Herz zumute sein wird, dann wird er mich aus meinen Ängsten reißen. Denn er ist längst durch sie hindurchgegangen.
 
Und dann wird über allen Rissen Friede.
Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. 
Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.