Liebe Geschwister,
„Glaubst du das?“ in diesen wenigen Worten, die Jesus an Marta richtet, klingt für mich immer die Skepsis mit, mit der sie mir ein Staubsaugervertreter vor einigen Jahren gestellt hat.
Es war in der Zeit, als ich an meiner Doktorarbeit saß. Wie an so vielen Tagen saß ich in meiner ziemlich kleinen und entsprechend zugestellten 1-Zimmer Wohnung in der Nähe von Heidelberg am Schreibtisch, als es klingelte und ein Staubsaugervertreter vor der Tür stand. Er stellte sich ziemlich seltsam vor und hat angeboten, mir umgehend die Wohnung zu saugen. Das Angebot habe ich lachend abgelehnt mit dem Hinweis darauf, dass es eh alles viel zu voll gestellt ist. Aber er kam in meine Wohnung hinein und staunte über die vollgestellten Bücherregale.
So sind wir ins Gespräch gekommen darüber, dass ich Theologie studiere – und was man da so macht und worüber man da so nachdenkt. „Glauben Sie das alles wirklich?“, fragte er mich irgendwann ungläubig.
Wir hatten ein angeregtes Gespräch über den Glauben und das Leben. Und ich war herausgefordert, Worte zu finden, um zu sagen, wie das ist mit dem Glauben. Am Ende zog er irgendwie nachdenklicher mit seinem Staubsauger weiter.
Vor 1700 Jahren beim Konzil von Nizäa ging es weniger überschaubar zu. Seit 1700 Jahren sprechen wir das Glaubensbekenntnis, das in Nizäa im Jahr 325 formuliert wurde, im heutigen İznik, Türkei. Es verbindet die ökumenische weltweite Gemeinschaft der Christinnen und Christen – Orthodoxe, Katholiken und Evangelische. Wann immer wir es sprechen, leihen wir uns die Worte, die die frühen Christen gefunden haben, um festzuhalten, was uns trägt: der Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der von den Toten auferstanden ist. Licht vom Licht. Wahrer Gott vom wahren Gott.
„Glaubst du das?“ Jesus stellt diese Frage der Marta.
Sie hatte gerade ihren Bruder Lazarus verloren. Sie ist voll Trauer, Verzweiflung und Unsicherheit. So viel Tod und Leid – woher soll jetzt noch Hoffnung kommen. Ihr Zutrauen zu Jesus war allerdings nicht erschüttert: „Wenn du da gewesen wärst, so wäre Lazarus nicht gestorben.“ Aber er war nicht da. Und Lazarus tot. Jesus antwortet ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?“
Marta glaubt es, aber sie hört es als Verheißung für eine ferne Zukunft: Gott wird ihn am jüngsten Tage auferwecken. Dass Gott leibhaftig vor ihr steht – das kann sie zunächst noch nicht glauben. Martas Bekenntnis ist klar – und auf die Zukunft gerichtet: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ Aber als er Lazarus von den Toten auferweckt, weiß sie: die Macht des Todes ist schon jetzt gebrochen. Jesus ist der Christus. Gott selbst steht vor ihr und bei ihr. Der Glaube an den Auferstandenen ist keine Vertröstung auf bessere Zeiten, sondern verändert hier und heute mein Leben und den Blick auf das, was tot da liegt.
„Glaubst du das?“ Die Frage Jesu bleibt. Er richtet sie heute an uns. Die Frage ist gerichtet an alle, die darum ringen, dass der Glaube trägt und dass die Worte des ewigen Lebens, die Jesus spricht auch die Hoffnung gegen den Tod nähren.
Die Frage berührt unsere persönliche Beziehung zu Jesus. Gleichzeitig fordert sie uns als Gemeinschaft heraus:
Was bedeutet es, dass wir inmitten aller Krisen und Konflikte gemeinsam den Glauben bezeugen?
Was bedeutet es, dass wir gemeinsam mit den Christinnen und Christen in Syrien und im Libanon diesen Glauben bekennen? Gemeinsam mit den Christinnen und Christen im Gazastreifen und in Ghana. Gemeinsam mit den Christinnen und Christen in China und in Indien. Gemeinsam mit den Menschen in unserem Land, die eine Migrationsgeschichte haben und die durch menschenverachtende Kampagnen der AfD in Angst und Schrecken versetzt werden.
„Glaubst du das?“ – die Frage führt uns mit ihnen zusammen. Sie führt uns zusammen hier in diesem Gottesdienst.
Und sie führte die frühe Kirche in schwierigen Zeiten zusammen. Als sich vor 1700 Jahren Bischöfe aus der ganzen christlichen Welt im kleinen Ort Nizäa versammelten, war die Kirche noch jung, aber bereits zutiefst zerrissen.
Wie ist das zu verstehen, dass der Mensch Jesus Christus zugleich und ganz und gar Gott ist? Das war und ist keine Frage für theologische Studierstuben, sondern eine Frage, an der sich die Gemüter erhitzten. Am meisten gestritten haben sie sich über die Auffassung von Arius. Arius war ein Priester aus Alexandria. Er lehrte, dass Jesus Christus zwar ein herausragendes Geschöpf sei, aber nicht wahrhaft göttlich – nicht „eines Wesens mit dem Vater“. Diese Lehre spaltete die Kirche. Sie führte zu Konflikten und sogar Gewalt. Deswegen berief der römische Kaiser Konstantin das Konzil ein. Erst wenige Jahre zuvor (313) hatte er das Christentum durch die Mailänder Vereinbarung erlaubt. Seine Vision war Einheit über alle Unterschiede hinweg. Eine geeinte Kirche und auch ein geeintes römisches Reich. Über 300 Bischöfe kamen in Nizäa zusammen.
Auch Nikolaus von Myra war ein Teilnehmer des Konzils mit Leidenschaft. Es heißt, dass er sich so über die Äußerungen des Arius aufgeregt hat, dass er ihm ins Gesicht schlug. Arius vertrat die Ansicht, dass Jesus Christus nicht wesensgleich mit Gott, sondern nur ein geschaffenes Wesen sei. Nikolaus wurde von den anderen Teilnehmern des Konzils wegen der Ohrfeige gerügt, ihm wurde sogar vorübergehend die Bischofswürde aberkannt. Nachdem aber einige der Konzilsteilnehmer in der Nacht Visionen von Christus hatten, die Nikolaus als Verteidiger des Glaubens bestätigten, wurde er wieder in sein Amt eingesetzt. Es ging hoch her in Nizäa.
Am Ende wurde im Glaubensbekenntnis von Nizäa festgehalten, was unseren Glauben trägt. Jesus Christus ist „wahrhaft Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“. Dieser Satz ist bis heute das Herzstück unseres christlichen Glaubens. Jesus Christus ist der menschgewordene Gott. Er gibt der Welt ein menschliches Gesicht – und er lässt diese Welt nicht gottlos zurück. Das Bekenntnis von Nizäa formuliert den gemeinsamen Glauben, der die Kirche in einer Zeit innerer und äußerer Konflikte zusammenhielt. Das war ein Akt des Mutes und der Einheit inmitten einer zerrissenen Welt.
Die Zerrissenheit ist nicht weniger geworden Auch wir leben in Zeiten, in denen die politischen Spannungen, Kriege und soziale Ungerechtigkeit schier unüberwindbare Gräben ziehen.
Mitten in diese Spannungen und Gegensätze ruft uns Jesus zu: „Glaubst du das?“
Glaubst du, dass das Leben stärker ist als der Tod? Glaubst du, dass die Liebe die Welt verändern kann? Glaubst du, dass Gottes Reich mitten unter uns anbrechen kann – auch jetzt? Glaubst du, dass sich jeder Mensch Gottes geliebtes Kind ist mit einem Recht auf Leben und einen sicheren Ort?
Die Glaube lebt aus der Kraft des Geistes Christi. In seinem Geist beten wir hier zusammen und sind so selbst ein lebendiges Zeugnis für die Kraft des Glaubens. Unsere ökumenische Gemeinschaft ist ein Zeichen der Hoffnung in dieser zerrissenen Welt. Und wir bekennen unseren gemeinsamen Glauben. In Jesus Christus sind wir eins, trotz und mit allen Unterschieden.
Uns trägt der Glaube an den, der den Tod und den Hass überwunden hat.
Wir glauben an Jesus Christus, der nicht achtlos vorbeigegangen ist, wenn Menschen gedemütigt wurden und Leid erfahren haben.
Wir glauben an den Auferstandenen, der Tod und Gewalt die Stirn geboten hat. Deswegen können auch wir nicht schweigen angesichts von Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und Unfrieden. „Glaubst du das?“ Die Frage Jesu an Marta ist heute unsere Frage. Lassen wir uns wie Marta von Gottes Verheißung tragen und erneuern.
Sagen wir gemeinsam „Ja, Herr, wir glauben!“ Und lassen wir dieses „Ja“ zu einem Zeichen werden – für unsere Welt, für die Einheit der Christen und für die unerschütterliche Hoffnung auf eine neue Schöpfung. Amen.
