„alle eins?!“ Predigt über Joh 17,20-26 – Hoffest Marienhof, 14.05.2026

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus. Amen.
 
Liebe Geschwister hier auf dem Marienhof,
ich liebe es unter dem weiten Himmel zu stehen. Besonders weit ist er an der Nordsee. Nicht nur das Meer, auch der Himmel sieht da jeden Tag anders aus, manchmal von einem Moment auf den anderen. 
Wenn ich unter dem weiten Himmel am Meer entlangspaziere, dann komme ich manchmal gar nicht schnell voran. Weil ich immer wieder stehen bleiben muss, fasziniert von den Wolkengebilden und davon, was da gerade passiert. Im Himmel und am Himmel. 
 
Manchmal genügt ein Blick nach oben — und plötzlich bleibe ich stehen. Weil da etwas ist, größer als das, was gerade im Kopf kreist. Was sich am Himmel abspielt, fasziniert mich besonders. Manchmal scharf entlang am Kitsch, aber in echt und in der Natur einfach nur wunderbar.
Ein Sonnenuntergang, der den ganzen Himmel in Gold taucht. 
Wolkenformationen, die aussehen wie gemalt. Oder diese klare Nacht, in der man plötzlich wieder ahnt, wie klein man selbst eigentlich ist — und wie wunderbar diese Welt. Manchmal lässt sich am Himmel etwas beobachten, das geradezu unglaublich wirkt: die Flugmanöver von Staren. Tausende Vögel gleichzeitig in Bewegung. Ein riesiger Schwarm, der sich wellenförmig durch die Luft bewegt. Mal zieht er sich zusammen, mal breitet er sich aus, mal kippt er plötzlich wie ein dunkler Schatten zur Seite. Und das Erstaunliche daran: Sie kollidieren nicht.
Tausende Tiere. Keine Zusammenstöße. Keine Panik. 
 
Die Wissenschaft nennt das Schwarmintelligenz. Die Vögel orientieren sich aneinander. Sie reagieren auf Bewegungen ihres Umfelds in Sekundenbruchteilen. Und so entsteht etwas, das größer ist als die Summe der Einzelnen. Die Stare schützen sich so vor Fressfeinden und sie sparen Kraft.
 
Wenn ich das am Himmel sehe, dann kommt es mir oft so vor, als würden die vielen einzelnen Vögel zu einem einzigen großen Körper werden. Und gleichzeitig bleibt doch jeder Vogel ein eigenes Wesen. Mich fasziniert daran noch etwas anderes: Es gibt keinen klassischen Anführer. Kein Vogel mit Warnweste vorneweg. Kein Star, der ruft: „Mir nach!“ Die Bewegung kann von jedem einzelnen ausgehen. Und der ganze Schwarm trägt sie mit.
 
Wenn ich so einen Vogelschwarm sehe, dann berührt mich das immer sehr. Weil es mich an die Sehnsucht erinnert nach guter Gemeinschaft. Nach Gemeinschaft, ohne sich gegenseitig zu verletzen. Nach Verbundenheit, ohne darin unterzugehen. Nach einem Miteinander, in dem nicht dauernd einer gegen den anderen fliegt.
„Alle eins?!“ – und wenn ja, wie? Das ist die Frage beim Blick in den Himmel. Heute. Hier an Himmelfahrt im Marienhof.
 
„Was steht ihr da und guckt in den Himmel?“ Das haben zwei Männer die Jünger Jesu gefragt. Die hatten gerade etwas ziemlich Eigenartiges erlebt. In den 40 Tagen nach dem ersten Ostermorgen war der Auferstandene für sie lebendig und ganz nah. Er hat sogar mit ihnen gemeinsam gegessen. Der Jünger Thomas konnte seine Wunden anfassen. Das Unbegreifliche begreifen. Es war eine eigenartige Zwischenzeit. Die Jüngerinnen und Jünger hatten unendliche Fragen. Wie werden sich die Hoffnungen auf das Reich Gottes erfüllen? Werden die alten Verheißungen nun endlich wahr werden? Und wie soll das alles jetzt überhaupt weitergehen?  
Die Worte Jesu klingen noch in ihren Ohren: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen. Ihr werdet meine Zeugen sein – so weit der Himmel reicht, bis an die Enden der Erde.“ Dann hat eine Wolke ihn vor ihren Augen in den Himmel gehoben. Fassungslos stehen sie da und gucken in den Himmel. Auf dem Tisch liegen noch die Krümel von ihrem letzten Essen.
Eben waren sie einander noch so nah. Und jetzt stehen sie da und gucken in den Himmel. Sie sehen Jesus hinterher. Es ist, als hätten sie alles verloren. 
Und wahrscheinlich erinnert sich der ein oder andere an das Gebet, das Jesus vor seinem Tod gesprochen hat. Der Evangelist Johannes hat es aufgeschrieben. Da hat Jesus gesprochen:
Ich bete nicht nur für sie. Sondern ich bete auch für alle, die durch ihr Wort zum Glauben an mich kommen. Sie sollen alle untrennbar eins sein, 
so wie du, Vater, mit mir verbunden bist und ich mit dir. Dann können auch sie mit uns verbunden sein. Dann kann auch diese Welt glauben, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen die Herrlichkeit weitergegeben, die du mir geschenkt hast. Denn sie sollen eins sein, so wie wir eins sind. Ich bin mit ihnen verbunden und du mit mir, damit sie untrennbar eins sind. Daran soll diese Welt erkennen: Du hast mich gesandt, und du liebst sie, so wie du mich liebst.  Vater, du hast sie mir anvertraut. Ich will, dass sie mit mir dort sind, wo ich dann bin. 
Sie sollen mich in meiner Herrlichkeit sehen, die du mir geschenkt hast. Denn du hast mich schon geliebt, bevor die Welt erschaffen wurde. Gerechter Vater, diese Welt hat dich nicht erkannt. Aber ich habe dich erkannt, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe dich bei ihnen bekannt gemacht und werde es weiter tun. Dann bleibt die Liebe, mit der du mich geliebt hast, auch bei ihnen. Und so bleibe ich mit ihnen verbunden.
 
Jesus betet darum, dass alle untrennbar eins seien. Alle, die sich vom Glauben haben anstecken lassen. An der Verbundenheit der Glaubenden soll die Welt erkennen, dass Christus von Gott gesandt ist. „dass alle eins seien“ – ut omnes unum sint – das ist das Leitwort der ökumenischen Bewegung und es ist das Leitwort unserer Partnerkirche in den USA. „Dass alle eins seien.“ That they may all be one. 
 
Diese Einheit hat nichts mit Einheitlichkeit zu tun. Wer schon einmal die farbenfrohe Vielfalt der weltweiten Ökumene erlebt hat, der weiß das. Es sehen nicht alle gleich aus, es leben nicht alle gleich, es lieben nicht alle gleich – und es sind auch nicht alle von denselben politischen Ideen überzeugt. Solche Einheit wäre Einheitsbrei oder gefährliches Einerlei. 
 
In Jesu Gebet geht es um mehr. Es geht um die geheimnisvolle Verbindung zwischen Mensch und Gott. Jesus betet: „…dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, so sollen auch sie in uns sein.“ Das klingt fast mystisch. Verbunden mit Christus. Verbunden mit Gott. Es kommt nicht in erster Linie darauf an, wer wo Mitglied ist. Sondern es kommt darauf an, was mich im Innersten trägt. Und dass wir eingebunden und verbunden sind in Gottes Liebe. 
Christus ist in der Mitte. Immer schon. Bei den Jüngern damals und bei uns heute. Das eint uns. Aber es wischt die Verschiedenheiten nicht weg. Der Apostel Paulus hat das so gesagt: „Hier ist nicht jüdisch noch griechisch, nicht versklavt noch frei, nicht männlich noch weiblich; denn ihr seid alle einig-eins in Christus.“
Die Unterschiede zwischen uns sind nicht einfach weggewischt, im Gegenteil: Paulus beschreibt sie ja: jüdisch, griechisch, versklavt, frei, männlich, weiblich … und ich bin mir sicher, euch fallen noch weitere Merkmale ein. Die Unterschiede machen unsere Verschiedenheit aus und reich. Sie machen unsere Kirche bunt. Alle sind willkommen: egal, woher du kommst. Egal, wie gefestigt du im Glauben bist. Egal, wen du liebst. Egal, ob du am liebsten Lobpreis singst oder Choräle liebst. Wir sind ein bunter Haufen. Und genau so sind wir eins. Weil unsere Mitte Jesus Christus ist. Christus ist die Mitte. Und von dieser Mitte her finden Menschen zueinander.
 
So stimmt es dann doch: Alle eins! Mit Ausrufezeichen! Gemeinschaft macht stark. Das erleben wir heute hier auf diesem Hoffest. Menschen bringen etwas mit. Einer baut auf, eine andere macht Musik, Gespräche entstehen. Und plötzlich wird aus vielen Einzelnen etwas Gemeinsames. Der CVJM hat darin ein gutes Gespür. Weil nicht zuerst gefragt wird: „Passt du hinein?“ Sondern: „Kommst du mit?“
Einssein bedeutet eben gerade nicht Einheitsbrei. Die Christenheit lebt von Vielfalt. Unsere Gesellschaft lebt von Vielfalt. Verschiedene Glaubensgemeinschaften. Unterschiedliche Frömmigkeitsstile. Unterschiedliche Arten zu beten, zu glauben, zu singen, zu hoffen. An Himmelfahrt verabschiedet sich Jesus von seinen Freundinnen und Freunden. Er kehrt zum Vater zurück. Da waren erst einmal mehr Fragen als Antworten: Was jetzt? Was bleibt?
Die ersten Christinnen und Christen kannten dieses Gefühl gut. Der Evangelist Johannes schreibt für eine Gemeinde, die um ihre Identität ringt. Die merkt: Christsein macht nicht automatisch stark. Es macht manchmal fremd in dieser Welt. Verletzlich. Unsicher. Darum ist es nicht verwunderlich, dass Johannes das Gebet Jesu als eine Art letzten Willen in seinem Evangelium platziert. Darin steht, was zu tun ist, wenn Jesus in den Himmel zum Vater auffährt:
Bleibt beieinander.
Betet zusammen.
Feiert Gemeinschaft.
Denn darin bleibt Christus gegenwärtig. 
Auch dann, wenn er himmelweit entfernt scheint.
Auch dann, wenn mir die eigenen Worte zum Beten manchmal fehlen. Dann beten andere für mich und mit mir. Und das trägt. Jesus sagt nicht: „Vergesst eure Unterschiede.“ Er sagt: „Bleibt verbunden.“ Ich glaube, der Himmel zeigt sich manchmal genau dort: Wo Unterschiede nicht das Ende bedeuten, sondern die Neugier wecken. Wo Menschen sich nicht gegenseitig abschreiben, sondern nicht müde werden darin, vom anderen immer noch etwas zu erhoffen. Wo Christus die Mitte bleibt und uns in seiner Liebe verbindet.
 
Und wo einer dem anderen sagt: „Schön, dass du da bist.“ Die Jünger, die am ersten Himmelfahrtstag Jesus haben entschwinden sehen merken plötzlich: Der Himmel ist längst in ihnen. Die Kraft des Heiligen Geistes macht sie zu Zeugen. Die Kraft des Heiligen Geistes macht uns zu Zeuginnen und Zeugen für den Himmel. 
Der Himmel ist weit. Er ist offen. Er wohnt bei uns. Entdecken wir unser Stück vom Himmel.  Im großen Schwarm der bunten Vögel Christi, die wir sind. Alle eins. Zusammen vielfältig. Verbunden durch seine Liebe. Amen.