„Die Zukunft liegt in dem, was war …!“ 20 Jahre Muschel im Europapark Rust

Liebe Pilgerinnen und Pilger,
liebe Verantwortliche der Kirche im Europapark,
liebe Mitglieder der Badischen Jakobusgesellschaft,
liebe Familie Mack,
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
es gibt nur wenige Orte, an denen man gleichzeitig über Achterbahnen und die Ewigkeit nachdenken und beides erleben kann. Der Europapark ist so ein Ort, vielleicht der beste Ort dafür. Hier kann man “Zwischen Himmel und Achterbahn” das Leben noch einmal neu entdecken, kleine Glücksmomente, große Adrenalinschübe und eine Unterbrechung des Alltags. Es ist kein Zufall, dass die beiden Gesichter der „Kirche im Europapark“, Andrea Ziegler und Thomas Schneeberger, ihr zum 50-jährigen Jubiläum des Europaparks erschienenes Buch genauso betitelt haben: „Zwischen Himmel und Achterbahn“.[1]
 
Achterbahnen und die Ewigkeit: das ist passender, als es beim ersten Hören klingt. Wer ehrlich auf das Leben blickt, wird feststellen: Auch dort geht es gelegentlich steil hinauf, manchmal auch etwas holpernd, überraschend nach unten, in enge Kurven hinein, mit Karacho nach vorn, ohne dass man so ganz genau sieht, wo es hingeht. Und manchmal hängt man für einen Moment sogar kopfüber. Als ein brennendes Storchennest auf einer Hochspannungsleitung im Bereich Mahlberg-Orschweier zu einem fünfminütigen Stromausfall und zu einem Stillstand der Fahrbetriebe im Europapark führte, hat das beim ein oder anderen vielleicht auch zu vertieftem Nachdenken darüber geführt, wie es jetzt wohl weitergehen könnte. Was für ein sprechendes Sinnbild des Lebens![2] 
 
Der Unterschied besteht allerdings darin, dass im Falle des Stromausfalls das Sicherheitsmanagement des Parks hervorragend gegriffen hat und dass man im Leben vor der Fahrt keinen Sicherheitsbügel schließen kann. 
 
Es ist bemerkenswert, dass es mitten in diesem Ort der Bewegung, der Unterhaltung, des Staunens und der Geschwindigkeit seit zwanzig Jahren Räume und auch besondere Veranstaltung wie diese heute morgen gibt, die etwas anderes anbieten: Unterbrechung. Sammlung. Orientierung. Eine leise Ahnung davon, dass zu den heilsamen Unterbrechungen im Leben beides gehört: der Kick auf der Achterbahn und der Zauber der Piraten von Batavia – und Momente, in denen das seinen Ausdruck findet, was dem Leben Sinn und Halt gibt, Momente der Orientierung und Vergewisserung. 
 
Die „Muschel“ steht dafür gleich doppelt. Als Veranstaltung und als greifbares Symbol. Sie ist klein und unaufdringlich, aber sie trägt eine ganze Kulturgeschichte in sich. Und sie ist ein Zeichen für die, die sie entdecken. Wer eine Jakobsmuschel sieht, denkt an Wege. An Aufbruch. An Staub auf den Schuhen. An Menschen, die sich aufmachen, obwohl sie nicht genau wissen, was sie am Ende finden werden. Im Zeichen der Jakobsmuschel machen Menschen sich aus freien Stücken und mit offenen Herzen auf Pilgerwege – zu sich, zu Gott. Auf Pilgerwege der Hoffnung – wie es so viele im letzten Jahr, dem “Heiligen Jahr” der katholischen Kirche nach Rom gemacht haben – und auf den Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens, zu dem der Ökumenische Rat der Kirchen bei seiner Vollversammlung im September 2022 in Karlsruhe die weltweite Christenheit aufgerufen hat. Am Ziel sind wir noch lange nicht. Weder in Sachen Hoffnung, noch in Sachen der Gerechtigkeit und des Friedens. Die Zukunft liegt in dem, was war. Auch hier. 
 
In der Bewegung des Pilgerns liegt Kraft. Die Zukunft liegt tatsächlich auch in dem, was war. Allerdings nicht, weil früher alles besser gewesen wäre. Der Blick auf ein Früher, in dem alles besser war ist allzuoft nur die romantische Verklärung einer Zeit, in der Menschen ebenfalls Rückenschmerzen, Sorgen und komplizierte Familienverhältnisse hatten und in der die Welt alles andere als friedlich war. Aber manche Erfahrungen der Menschheit altern nicht. Manche Fragen bleiben hartnäckig modern. Es sind die großen Fragen, die sich in den kleinen Alltagsmomenten ins Herz und an die Oberfläche drängen: 
Was trägt? 
Was ist „Fort-Schritt“? 
Bedeutet Stehen-Bleiben tatsächlich, wie es gelegentlich heißt, „Rück-Schritt“, und wird dabei die geistliche Kraft des Innehaltens, der Meditation, nicht völlig verkannt? Ich glaube, es liegt eine kaum zu überschätzende Kraftquelle zur Gestaltung meines Innen- und Außenlebens im Pilgern und weniger im Höher – Schneller – Weiter. Pilgern hat gerade durch die Bewegung auf dem Weg etwas damit zu tun, dass Menschen in sich ruhen. Wer pilgert, setzt sich aus. Dem, was aus dem Himmel kommt. Das kann dann auch gelegentlich heißen, dass geplante Wege nicht gegangen werden können - so wie gestern. Die glühende Hitze hat es unmöglich gemacht.
 
An diese Grundbewegung erinnert der traditionelle und ermutigende Gruß der Jakobspilger*innen: „Ultreia!” In diesem Kreis heißt es wohl Eulen nach Athen zu tragen, wenn ich sage, dass dieser Gruß vom lateinischen „eia ultra“ abstammt und in etwa „Vorwärts!“, „Weiter!“ oder „Lass uns weitergehen!“ bedeutet. Er wird ganz bewusst in Kombination mit „Suseia“ verwendet: „Ultreia et Suseia, Deus adjuva nos!“ („Immer weiter und höher, Gott helfe uns!“).[3] Das hat einen anderen Klang als das „Höher – Schneller – Weiter!“ unserer Tage. “Immer weiter und höher - Gott helfe uns!” Der Ruf ermutigt dazu, den Horizont im Blick zu behalten und auf der eigenen (inneren wie äußeren) Reise über sich selbst hinauszuwachsen. Er benennt aber auch die Begrenztheit der menschlichen Möglichkeiten und unsere Angewiesenheit auf Gott. Dahinter verbirgt sich die wohltuende und heilvolle Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Es gibt einen Gott – und ich bin’s nicht. Das entlastet uns alle davon, Übermenschliches zu tun. Und es ist gerade in unseren Zeiten eine notwendige Erinnerung, wo sich die Machthaber der Welt in Washington und Moskau, in Jerusalem und Beirut wieder einmal mit Allmachtsphantasien versehen und damit gerade keinen Fortschritt hin zu mehr Gerechtigkeit und Frieden propagieren, sondern einen Rückschritt in so vielen Bereichen der universalen Menschenrechte in Kauf nehmen und die Würde von Menschen mit Füßen treten. 

1. Der Mensch ist ein Wesen des Unterwegsseins

Der Mensch ist ein Wesen des Unterwegsseins. Die lateinische Tradition spricht vom homo viator — der wandernde Mensch.
 
Das ist weit mehr als ein kluges theologisches Wort. Es beschreibt sehr genau unsere Existenz – und das nicht erst seit den schönen Formulierungen der mittelalterlichen Mystik.
 
Wir kommen nie ganz an.
Wir bleiben Suchende.
Wir bewegen uns durch Zeiten und Krisen, Beziehungen und Hoffnungen hindurch.
 
Es ist kein Zufall, dass das Pilgern gerade in einer durchstrukturierten und digitalisierten Welt eine solche Renaissance erlebt. Je genauer die Welt vermessen wird, desto größer wird die Sehnsucht nach Wegen, die sich nicht vollständig berechnen lassen. Je mehr Menschen zum hyperschnellen Fortschritt verdammt sind, desto mehr brauchen sie wohltuende Bremsspuren im Leben. 
Wir kommen unserer eigenen technologischen Entwicklung allzu oft nicht mehr hinterher. Gelegentlich kommen mir die Worte aus dem “Zauberlehrling” in den Sinn: „Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los“ Die Ballade „Der Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1797 hat darin geradezu einen prophetischen Duktus. 
Aber auch auf den Pilgerwegen geht es nicht um einen technologiefeindlichen Ausstieg aus der Welt. Es geht um ein reflektiertes Nachdenken über die Wege, die in der von uns gestalteten Welt und Gesellschaft zu gehen sind. 
 
Ich kann mich den Grundgedanken der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV gut anschließen. Unter dem Titel “Magnifica Humanitas”([1]) spricht er über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Er mahnt die weitsichtige Steuerung von gegenwärtigen Prozessen an, die durch den unkontrollierten Einsatz von unkontrollierter KI entmenschlicht und auch entchristlicht werden. Solche Steuerung geschieht – so der Papst – „durch Institutionen, die in der Lage sind, zu regulieren, ohne zu ersticken, und zu schützen, ohne sich an die Stelle anderer zu setzen; durch Unternehmen, die Arbeit und Würde als Kriterien für den Erfolg anerkennen; durch intermediäre Körperschaften und Bildungsgemeinschaften, die Vertrauen und Beziehungen wiederaufbauen; und durch Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung, Besonnenheit, Urteilsvermögen und einen Sinn für die Wahrheit pflegen. Nur so kann Innovation wirklich zu einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung werden und nicht zu einem Faktor der Ausgrenzung und der Herrschaft; und nur so kann das Versprechen des Fortschritts als wahr erkannt werden, weil es an der unantastbaren Würde jedes Mannes und jeder Frau gemessen wird.“[2] Kürzer, aber genauso klug hat es der Berater des Papstes für künstliche Intelligenz und Mitautor der Enzyklika, der Franziskaner Paolo Benanti, unlängst gesagt: „Ich habe mehr Angst vor natürlicher Dummheit als vor künstlicher Intelligenz.“[3]
 
Menschen pilgern heute nicht deshalb, weil sie mittelalterliche Frömmigkeitsformen nostalgisch wiederbeleben möchten. Die meisten pilgern auch nicht, weil sie plötzlich besonders religiös geworden wären. Viele würden sich vermutlich selbst gar nicht als religiös bezeichnen.
Und trotzdem gehen sie los. Mit großem Ernst. Mit einer Suche und Sehnsucht im Herzen und der Offenheit für das, was ungeplant passiert.
Sie laufen tagelang durch Regen und Hitze, schlafen in Herbergen mit wechselnder Geräusch- und Geruchskulisse und diskutieren abends mit wildfremden Menschen über das Leben. Da sitzen Menschen an einem Tisch, die sich noch nie getroffen haben und reden miteinander, als würden sie einander seit Jahren kennen. Das alles würde man vermutlich nicht tun, wenn es nur um Bewegung an der frischen Luft ginge. Das Pilgern berührt etwas Tieferes.
Auf den Pilgerwegen wir eine Erfahrung möglich, die im normalen Alltag selten geworden ist: Man kommt wieder in Kontakt mit sich selbst.

2. Abraham und die Kunst des Aufbruchs

Erzählungen von Menschen, die aufbrechen, finden sich schon in der Bibel. Es sind Erzählungen über den Menschen, der zum Aufbruch gerufen wird.
 
Die prominentesten dieser Menschen sind Abraham und seine Frau Sara. Sie verlassen ihre Heimat, ohne einen fertigen Plan in der Tasche zu haben. Wer würde das von uns so ohne Weiteres tun? Wir leben in einer Zeit, in der Menschen Hotelbewertungen lesen, bevor sie einen Wochenendausflug buchen, und nervös werden, wenn das Navigationssystem für drei Minuten kein Signal hat. Und auch die Schlangen im Europapark kann man längst dank der App abschätzen und kann seine Wege durch den Park klug planen.
 
Abraham dagegen bekommt von Gott nur einen Satz: „Geh.“
Keine exakte Wegbeschreibung. Keine Erfolgsgarantie. Kein Hinweis auf Wetterlage oder Verpflegungssituation. Immerhin sagt Gott noch ein bisschen mehr als nur dieses eine Wort. Er schickt Abraham und Sara mit einer Verheißung auf den Weg: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.“[4] Das ist ein bisschen mehr als orientierungsloses Loslaufen in irgendeine Richtung – aber es ist beileibe kein stundengenau geplantes Reiseprogramm mit Zusatzplan B oder C. 
Das einzige, was Abraham und Sara wissen ist, dass Gott ihnen verspricht, ihnen den Weg in das Land zu weisen, in das sie gehen sollen.
 
Ich glaube, darin liegt eine Wahrheit, die moderner ist, als wir denken. Denn trotz aller technischen Möglichkeiten lässt sich das Entscheidende im Leben nicht vollständig absichern. 
Beziehungen nicht. Vertrauen nicht. Hoffnung nicht. Zukunft nicht.
Wir sind verletzliche Menschen auf unsicheren Wegen – aber nicht ohne Hoffnung und Orientierung.
 
Pilgern macht das auf eine sehr konkrete Weise erfahrbar. 
Der Weg ist der Kontrolle oft entzogen. Es gibt Umwege, Überraschungen, Erschöpfung, Begegnungen und manchmal plötzlich jene seltenen Momente, in denen man denkt: Jetzt bin ich ganz gegenwärtig und ganz bei mir. Ich laufe mit mir und nicht mehr vor mir weg. Oder: Ich habe mich im Gehen gefunden. Gedanken werden klarer. Belastendes verliert an Gewicht. Manches sortiert sich innerlich. Ich entwickle im Gehen wieder ein anderes Verhältnis zu Zeit – vielleicht sogar zu Raum und Zeit.
 
Pilgern ist eine Kulturtechnik der Entschleunigung. Pilgern ist die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Der Weg zwingt zur Langsamkeit – und damit zu einer Erfahrung, die manchen Menschen heute fremd geworden ist.
 
Wer pilgert, kann nicht alles gleichzeitig tun.
Man geht.
Man schaut.
Man schweigt.
Man denkt.
Man kommt Schritt für Schritt voran.

3. Pilgern als Gegenrhythmus – und die Mobilität Jesu

Solches Pilgern ist heilsam in einer Welt, die Geschwindigkeit oft mit Bedeutung verwechselt. Pilgern setzt dazu einen Gegenrhythmus. Dabei kommt es gar nicht auf die Länge des Weges an, sondern auf seine Intensität. Auf dem Weg wird vieles nebensächlich, was sonst das Leben bestimmt – und anderes rückt in den Vordergrund. Man könnte auch sagen: Nicht Marathonlaufen bis zur Besinnungslosigkeit, sondern Pilgern zur Selbstbesinnung.
 
Schon seit dem 4. Jahrhundert machen sich Menschen auf den Weg zu heiligen Orten. Nach Jerusalem, nach Rom, später nach Santiago de Compostela. 
Die Jakobswege wurden über Jahrhunderte zu einem riesigen europäischen Netzwerk. Immer im Zeichen der Muschel. 
 
Menschen unterschiedlichster Herkunft begegneten einander auf denselben Wegen. Arme und Reiche, Gebildete und Analphabeten, Könige und Bettler teilten dieselben Brücken, dieselben Herbergen und vermutlich auch dieselben Fußschmerzen. Lange bevor Europa politische Strukturen entwickelte, existierte schon ein gemeinsamer geistiger Raum des Unterwegsseins. Die Wege verbinden Landschaften, Städte und Menschen – und die Vorstellungen davon, was das Leben eigentlich bedeuten könnte. ([5])
Die Jakobsmuschel wurde zum Symbol einer erstaunlichen Idee: Viele Wege laufen auf einen gemeinsamen Punkt zu. 
 
Das Christentum selbst ist eine Bewegung auf dem Weg. Eine Bewegung des Unterwegsseins. Getrieben von der Sehnsucht danach, dass es noch einmal etwas anderes gibt und geben muss. Dass noch etwas wartet auf uns.
 
Jesus selbst ist der Meister des Unterwegsseins. Er zieht durch Städte und Dörfer, begegnet Menschen an Wegkreuzungen, auf Straßen, an Brunnen, auf Feldern und an Seeufern. Seine Gespräche entstehen oft unterwegs, und seine Jüngerinnen und Jünger erkennt man daran, dass sie ihm folgen. 
Von Jesus stammt auch das Sprichwort „ den Staub von den Füßen schütteln“. Er schickt seinen engsten Jüngerkreis in die Häuser und Dörfer im damaligen Palästina, damit sie die frohe Botschaft von der heilvollen Zuwendung Gottes wort- und tatkräftig verkündigen. Sie sollten das im Gewand des auf andere angewiesenen Wanderers tun. Sie sollten Pilger sein: „Er gebot ihnen, nichts mitzunehmen auf den Weg als allein einen Stab, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel, wohl aber Schuhe an den Füßen. Und zieht nicht zwei Hemden an!“, so Jesus. Aber „wo man euch nicht aufnimmt und euch nicht hört, da geht hinaus und schüttelt den Staub von euren Füßen …“[6]
 
Das Christentum beginnt in seinen Anfängen nicht als Institution und Verwaltungsstruktur, sondern als Weggemeinschaft.  Christsein bedeutet auf dem Weg sein. Davon können wir auch heute lernen, wo die Kirche längst aus einer Wanderbewegung zu einer gesellschaftlichen Institution geworden ist. Institutionen neigen dazu, sich einzurichten. Pilgerinnen und Pilger dagegen bleiben beweglich. Sie wissen, dass man manchmal gerade dann etwas entdeckt, wenn man nicht alles festhalten will.
Vielleicht spricht das Pilgern gerade deswegen heute weit über kirchliche Kreise hinaus Menschen an. 
Es verbindet Bewegung mit Bedeutung. 
Es erlaubt eine Form der Spiritualität, die nicht sofort alles definieren muss. 
Es schafft Raum für die Suche und die Sehnsucht.
Es ermutigt dazu, tatsächlich den Staub von den Sandalen zu schütteln und neue Wege zu gehen. Vom dem Pilgerblick ist deutlich: Transformation innerhalb unserer Gesellschaft und in den Kirchen ist eine Bewegung hin zu einer Zukunft mit dem Bewusstsein für das, was war und dem Mut für das, was kommt. Transformation steht auf diesem Grund und geht in diese Richtung – sie hat nichts mit Geschichtsvergessenheit oder gedankenlosen Traditionsabbrüchen zu tun.

4.  Nochmal: „Die Zukunft liegt in dem, was war …!“

Auch beim Nachdenken über das Pilgern öffnet der Blick in die Geschichte neue Horizonte. Pilgern und Wallfahrten gehören untrennbar zusammen – jedenfalls in ihrer Geschichte. 
Von Anfang an machen sich Menschen auf zu besonderen Orten, die mit besonderen Begebenheiten oder besonderen Menschen verbunden wurden. Davon erzählen bereits die alten Lieder und Gebete des Alten Testaments: Die sogenannten Wallfahrtspsalmen (Psalm 120-134) spiegeln diese Bewegung geistlich und liturgisch wider. Bemerkenswert ist in diesen alten Liedern, wie die Bewegung des Beters oder der Beterin vom niedergeschlagenen Blick in die Höhe gerichtet wird, wie die Pilgernden also wortwörtlich „aufgerichtet“ werden. 
Da findet Hoffnung Worte – wie in Psalm 126: Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan! Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. 
 
Da wird nichts von dem, was schwer ist verleugnet: da ist die Rede von den Gefangenen Zions und von denen, die mit Tränen säen. Auch in den anderen Wallfahrtspsalmen ist das so.
Die lebensbedrohliche Realität wird nicht verleugnet, aber die Ausweglosigkeit des Pilgernden hinterfragt.[7] 
 
In den alten Psalmen wenden sich die Pilgernden nach Jerusalem. Der Tempel in Jerusalem ist ihr Sehnsuchtsort. Es ist der Ort für die sogenannte “Schechina”, die Einwohnung Gottes bei den Menschen; der Ort, an dem Gott ganz und gar präsent auf der Erde ist. Dort liegt das Ziel: im Irdischen genauso wie im Himmlischen. Der Tempel in Jerusalem ist der Sehnsuchtsort der Psalmbeter – und es ist auch heute der umkämpfte Ort mitten in Jerusalem. Der heilige Ort für alle - für Juden, Christen und Muslime. Und ein Ort, an dem gerungen wird um Leben und Zukunft. Auf dem Tempelberg, an der Klagemauer und drum rum. Gerungen darum, dass alle dort sichere Orte habe. Christen, Juden und Muslime. Araber und Israelis. Sehnsucht ist nicht harmlos. Nie. 
 
Die alte Tradition des Pilgerns nach Jerusalem hat sich im frühen Christentum fortgesetzt. Spätestens seit dem Pilgerbericht der Helena aus dem Jahr 236, die nach Palästina reiste, kann man das auch nachlesen.[8] Im 15. Jahrhundert nahmen die Pilger- und Wallfahrten einen solchen Umfang an, dass sich ein Kirchenhistoriker unserer Tage sagte: „Die Wallfahrten zu den Heiligtümern arteten bisweilen in Epidemien aus. Man wallfahrtete zum heiligen Michael in der Normandie, zu den Apostelgräbern in Rom, nach Loreto bei Ancona, nach S. Jago di Compostela in Spanien, nach Jerusalem, - in Deutschland zum heiligen Blute von Wilsnack in der Priegnitz (Hostienwunder), zu wundertätigen Marienbildern, nach Aachen, seit 1519 mehrere Jahre nach Regensburg usw.“[9]
 
Eine der schönsten Formulierungen über das Pilgern findet sich in der Benediktsregel. Da wird das Unterwegssein mit Tischgemeinschaft verbindet. In Regel Nr. 53 heißt es: „Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: ‚Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.‘ Allen erweise man die angemessene Ehre, besonders den Brüdern im Glauben und den Pilgern.“ Und Benedikt fügt in Regel Nr. 56 hinzu: „Der Abt habe seinen Tisch immer mit Gästen und Pilgern gemeinsam.“[10] 
 
Diese Regel gilt auch heute noch. Ich habe es vor wenigen Wochen erlebt in Rom im Generalat der Zisterzienser. Da gehört eine weibliche Bischöfin nicht zu den alltäglichen Gästen. Und doch hat uns der Generalabt ganz selbstverständlich an seinen Tisch eingeladen, in die Gemeinschaft der Brüder, die dort oben auf dem Aventin leben, studieren und beten. 
 
Dass der Abt seinen Tisch mit Gästen und Pilgern teilt, das ist mehr als ein geistlicher Satz. Es ist auch ein kulturelles Programm. Es macht das Pilgern möglich. Denn davon lebt der Pilgerweg und die, die auf ihm unterwegs sind: von offenen Türen, von Menschen, die Wasser reichen, Brot teilen oder einfach zuhören. 
Zum Pilgern gehört auch die Sehnsucht nach einer menschlicheren Gesellschaft. Umso wichtiger werden Orte, an denen Menschen nicht kritisch beäugt, sondern willkommen geheißen werden: ob das Privathäuser sind oder Obdachlosenunterkünfte, Kirchen oder auch Pfarr- und Gemeindehäuser. Auf seine eigene und einmalige Weise ist auch der Europapark so ein Ort. Seit zwanzig Jahren erinnert die „Muschel“ hier im Europapark Menschen daran, dass das Leben ein Weg ist — manchmal leicht, manchmal anstrengend, gelegentlich verwirrend, oft überraschend und niemals ganz ohne Hoffnung.
 
Wer geht, begegnet – sich und anderen und Gott.
Wer begegnet, verändert sich.
Und wer sich verändert, sieht die Welt irgendwann mit anderen Augen.
 
Und sieht im Zeichen der Muschel, dass es viele Wege sind, die auf das eine Ziel hinführen. Auf Zukunft aus dem, was war und auf das hin, was Gott noch mit uns vorhat.
 
Ich wünsche uns allen Wege mit Weite, mit Humor, mit offenen Begegnungen – und mit möglichst wenigen Blasen an den Füßen und allezeit ein Platz im Schatten der Flügel Gottes.
 
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
 

 
[1] https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html.
[2] Nr. 181 der Enzyklika.
[3] „Manche Menschen wollen ihr eigener Gott werden.“ Interview in DIE ZEIT Nr. 19 vom 29.04.2026, S. 48. Das Gespräch führte Nicolas Killian.
[4] Gen 12,1.
[5] Auf zwei Überblickswerke dazu sei hingewiesen: U. Wegner, Der Jakobsweg. Auf der Route der Sehnsucht nach Santiago de Compostela, Freiburg u.a. 2003; J. Kaiser, Jakobswege in Deutschland, Stuttgart 2006. Vgl. auch die Anm. 11 genannten einschlägigen Lexikonartikel.
[6] Mk 6,8f.11.
[7] Vgl. z.B. Ps 120,1; 121,1f.; 123,1; 124,1-3; 125,1; 126,1f. u.a.
[8] Vgl. K. Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte, 18. Aufl., Tübingen 1991, 111: „Die Wallfahrten nach Palästina, vereinzelt schon früher bezeugt (Eus. h. e. v VI 11z), brachte den Pilger mit dem Heiligen in Berührung. Außer nach den heiligen Stätten Palästinas (…) pilgerte man zu den Apostelgräbern in Rom, zum Grabe des hl. Martin in Tours, zum Sinai, seit dem 5. Jh. im Osten besonders zum Grabe des hl. Menas (…) in der Wüste Mareotis; usw.“ – Über die Geschichte und Tradition des Pilgern und der Wallfahrten orientieren darüber hinaus die entsprechenden Lexikonartikel (s.v. „Wallfahrt“): O. Krüger u.a., Art. Wallfahrt/Wallfahrtswesen, TRE 35, Berlin u.a. 2003, 408-435; F. Sedlmeier u.a., Art. Wallfahrt, LThK 10, Freiburg u.a. 1993, 961-966; F. Winter u.a., Art. Wallfahrt/Wallfahrtsorte, RGG 8, Tübingen 4. Aufl. 2005, 1279-1297.
[9] Heussi (s. Anm. 11), 262.
[10] Regula Benedicti. Die Benediktusregel lateinisch/deutsch. Hg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, Beuron1992, S.193 (Nr. 53).203 (Nr. 56).