Liebe Pilgerinnen und Pilger,
liebe Verantwortliche der Kirche im Europapark,
liebe Mitglieder der Badischen Jakobusgesellschaft,
liebe Familie Mack,
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
es gibt nur wenige Orte, an denen man gleichzeitig über Achterbahnen und die Ewigkeit nachdenken und beides erleben kann. Der Europapark ist so ein Ort, vielleicht der beste Ort dafür. Hier kann man “Zwischen Himmel und Achterbahn” das Leben noch einmal neu entdecken, kleine Glücksmomente, große Adrenalinschübe und eine Unterbrechung des Alltags. Es ist kein Zufall, dass die beiden Gesichter der „Kirche im Europapark“, Andrea Ziegler und Thomas Schneeberger, ihr zum 50-jährigen Jubiläum des Europaparks erschienenes Buch genauso betitelt haben: „Zwischen Himmel und Achterbahn“.[1]
Achterbahnen und die Ewigkeit: das ist passender, als es beim ersten Hören klingt. Wer ehrlich auf das Leben blickt, wird feststellen: Auch dort geht es gelegentlich steil hinauf, manchmal auch etwas holpernd, überraschend nach unten, in enge Kurven hinein, mit Karacho nach vorn, ohne dass man so ganz genau sieht, wo es hingeht. Und manchmal hängt man für einen Moment sogar kopfüber. Als ein brennendes Storchennest auf einer Hochspannungsleitung im Bereich Mahlberg-Orschweier zu einem fünfminütigen Stromausfall und zu einem Stillstand der Fahrbetriebe im Europapark führte, hat das beim ein oder anderen vielleicht auch zu vertieftem Nachdenken darüber geführt, wie es jetzt wohl weitergehen könnte. Was für ein sprechendes Sinnbild des Lebens![2]
Der Unterschied besteht allerdings darin, dass im Falle des Stromausfalls das Sicherheitsmanagement des Parks hervorragend gegriffen hat und dass man im Leben vor der Fahrt keinen Sicherheitsbügel schließen kann.
Es ist bemerkenswert, dass es mitten in diesem Ort der Bewegung, der Unterhaltung, des Staunens und der Geschwindigkeit seit zwanzig Jahren Räume und auch besondere Veranstaltung wie diese heute morgen gibt, die etwas anderes anbieten: Unterbrechung. Sammlung. Orientierung. Eine leise Ahnung davon, dass zu den heilsamen Unterbrechungen im Leben beides gehört: der Kick auf der Achterbahn und der Zauber der Piraten von Batavia – und Momente, in denen das seinen Ausdruck findet, was dem Leben Sinn und Halt gibt, Momente der Orientierung und Vergewisserung.
Die „Muschel“ steht dafür gleich doppelt. Als Veranstaltung und als greifbares Symbol. Sie ist klein und unaufdringlich, aber sie trägt eine ganze Kulturgeschichte in sich. Und sie ist ein Zeichen für die, die sie entdecken. Wer eine Jakobsmuschel sieht, denkt an Wege. An Aufbruch. An Staub auf den Schuhen. An Menschen, die sich aufmachen, obwohl sie nicht genau wissen, was sie am Ende finden werden. Im Zeichen der Jakobsmuschel machen Menschen sich aus freien Stücken und mit offenen Herzen auf Pilgerwege – zu sich, zu Gott. Auf Pilgerwege der Hoffnung – wie es so viele im letzten Jahr, dem “Heiligen Jahr” der katholischen Kirche nach Rom gemacht haben – und auf den Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens, zu dem der Ökumenische Rat der Kirchen bei seiner Vollversammlung im September 2022 in Karlsruhe die weltweite Christenheit aufgerufen hat. Am Ziel sind wir noch lange nicht. Weder in Sachen Hoffnung, noch in Sachen der Gerechtigkeit und des Friedens. Die Zukunft liegt in dem, was war. Auch hier.
In der Bewegung des Pilgerns liegt Kraft. Die Zukunft liegt tatsächlich auch in dem, was war. Allerdings nicht, weil früher alles besser gewesen wäre. Der Blick auf ein Früher, in dem alles besser war ist allzuoft nur die romantische Verklärung einer Zeit, in der Menschen ebenfalls Rückenschmerzen, Sorgen und komplizierte Familienverhältnisse hatten und in der die Welt alles andere als friedlich war. Aber manche Erfahrungen der Menschheit altern nicht. Manche Fragen bleiben hartnäckig modern. Es sind die großen Fragen, die sich in den kleinen Alltagsmomenten ins Herz und an die Oberfläche drängen:
Was trägt?
Was ist „Fort-Schritt“?
Bedeutet Stehen-Bleiben tatsächlich, wie es gelegentlich heißt, „Rück-Schritt“, und wird dabei die geistliche Kraft des Innehaltens, der Meditation, nicht völlig verkannt? Ich glaube, es liegt eine kaum zu überschätzende Kraftquelle zur Gestaltung meines Innen- und Außenlebens im Pilgern und weniger im Höher – Schneller – Weiter. Pilgern hat gerade durch die Bewegung auf dem Weg etwas damit zu tun, dass Menschen in sich ruhen. Wer pilgert, setzt sich aus. Dem, was aus dem Himmel kommt. Das kann dann auch gelegentlich heißen, dass geplante Wege nicht gegangen werden können - so wie gestern. Die glühende Hitze hat es unmöglich gemacht.
An diese Grundbewegung erinnert der traditionelle und ermutigende Gruß der Jakobspilger*innen: „Ultreia!” In diesem Kreis heißt es wohl Eulen nach Athen zu tragen, wenn ich sage, dass dieser Gruß vom lateinischen „eia ultra“ abstammt und in etwa „Vorwärts!“, „Weiter!“ oder „Lass uns weitergehen!“ bedeutet. Er wird ganz bewusst in Kombination mit „Suseia“ verwendet: „Ultreia et Suseia, Deus adjuva nos!“ („Immer weiter und höher, Gott helfe uns!“).[3] Das hat einen anderen Klang als das „Höher – Schneller – Weiter!“ unserer Tage. “Immer weiter und höher - Gott helfe uns!” Der Ruf ermutigt dazu, den Horizont im Blick zu behalten und auf der eigenen (inneren wie äußeren) Reise über sich selbst hinauszuwachsen. Er benennt aber auch die Begrenztheit der menschlichen Möglichkeiten und unsere Angewiesenheit auf Gott. Dahinter verbirgt sich die wohltuende und heilvolle Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Es gibt einen Gott – und ich bin’s nicht. Das entlastet uns alle davon, Übermenschliches zu tun. Und es ist gerade in unseren Zeiten eine notwendige Erinnerung, wo sich die Machthaber der Welt in Washington und Moskau, in Jerusalem und Beirut wieder einmal mit Allmachtsphantasien versehen und damit gerade keinen Fortschritt hin zu mehr Gerechtigkeit und Frieden propagieren, sondern einen Rückschritt in so vielen Bereichen der universalen Menschenrechte in Kauf nehmen und die Würde von Menschen mit Füßen treten.
[1] A. Ziegler / T. Schneeberger, Zwischen Himmel und Achterbahn. Die schönsten und verrücktesten Geschichten aus dem Europapark, München 2025.
[2] So geschehen am 26.05.2026: https://www.tagesschau.de/inland/regional/badenwuerttemberg/swr-stromausfall-im-europa-park-rust-mehrere-minuten-stillstand-bei-achterbahnen-100.html.
[3] Möglicherweise abgeleitet aus der Endformulierung bzw. Refrain des Hymnus „Dum pater familias“ des Codex Calixtinus (aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stammend): Fiat, amen, alleluia, dicamus solempniter. E ultreia esus eia decantemus iugiter – sinngemäß etwa zu übersetzen: „Amen, Halleluja; lasst uns feierlich rufen: Weiter, höher, auf! — und dies immer wieder singen.“
