Abschied nach 41 Jahren: Dieter Süß geht in Pension

„Stillstand ist Rückschritt“

Karlsruhe, (22.07.2025). Dieter Süß geht nach 45 Dienstjahren, Dualem Studium und 41 Jahren bei der evangelischen Landeskirche, in Pension. Das Motto des 65-Jährigen: „Stillstand ist Rückschritt.“ Deshalb hat der Kirchenoberverwaltungsdirektor nur nach vorne geschaut und stetig in unterschiedlichen Funktionen dazugelernt. Selbst wenn dem Diplomfinanzwirt nicht alle Veränderungen gleich viel Freude bereitet haben. Nur die Basics erwarb er im Studium, der Rest war learning by doing, manchmal auch Versuch und Irrtum.

Dieter Süß
Es ist sein erstes Interview, auf das er lieber verzichtet hätte. Sich in den Vordergrund zu drängen ist nicht sein Ding. Und Spontanität auch nicht, meint er von sich. Stimmt nicht.
 
Was macht eigentlich ein Kirchenoberverwaltungsdirektor?
Dieter Süß: Der Direktor ist nur eine Bezeichnung der Besoldungsgruppe. Was man macht, hängt von der Position ab. Meine Aufgabe war die Leitung der Abteilung landeskirchliche Finanzen. Ich war verantwortlich für den Haushalt, die mittelfristige Finanzplanung, den Jahresabschluss, Bilanzen, Buchhaltung, die Anlage des kirchlichen Vermögens, die Geschäftsführung der Versorgungsstiftung und Gremienarbeit. 
Mein Team unterstützt mich, das sind 30 Leute. Mein Vorgesetzter ist Finanzreferent Martin Wollinsky, dessen Stellvertreter ich bin. Deshalb bin ich auch Mitglied im erweiterten Kollegium. Ihm sage ich, was er wissen muss, und halte ihm ansonsten den Rücken frei.
 
Seit wann sind Sie im EOK tätig und welche beruflichen Meilensteine haben Sie erreicht?
Dieter Süß: Ich kam 1984 in den Oberkirchenrat unter Bischof Klaus Engelhardt. Ich war zuerst Sachbearbeiter in der Abteilung Gemeindefinanzen, später Personalprüfer im Rechnungsprüfungsamt, Sachgebietsleiter in der Personalverwaltung, Bereichsleiter in der Finanzabteilung, Leiter des Inneren Dienst, Personalchef und seit 2012 bin ich im jetzigen Amt.
 
Wie kam es zum letzten Wechsel?
Dieter Süß: Eigentlich wollte ich nichts anderes machen. Der damalige Leiter und die Geschäftsleitung waren anderer Meinung, für sie war ich genau der richtige für die Abteilungsleitung Finanzen. Offensichtlich gab es nicht so viel Auswahl (lacht).
 
Kann man mit Ihrer Erfahrung diesen riesigen Apparat besser bewegen als ein „Neuling von draußen“? 
Dieter Süß: Damals war mein spontaner Vorschlag, jemand von außen einzustellen. Einer, der mit unverbautem Blick an die Arbeit geht. 
Ich sollte es trotzdem machen. Deshalb habe ich versucht, einen gesunden Mix hinzubekommen, ein Team mit Menschen aufzubauen, die möglichst unterschiedliche Vitas haben: verschiedene Ausbildungsgänge, Charaktere, Berufserfahrungen. So kommen viele Perspektiven zusammen, da man beides braucht, Erfahrung und „Neulinge“.
 
Wie schaffen Sie es, so eine Gruppe zusammenzuhalten?
Dieter Süß: Ich versuche auf Augenhöhe mit allen Kolleginnen und Kollegen beste Lösungen für unsere Kirche zu finden. Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Das muss ich abwägen. In meinem Team funktioniert es, dass man sich alles sagen kann und jeder mal etwas akzeptiert, was einem nicht so gefällt. Als Personalchef musste ich das auch, wenn die Fachvorgesetzten anders entschieden haben, als ich es getan hätte. Mein Veto habe ich nur eingelegt, wenn es gar nicht anders ging. 
Gut gelungen ist mir, dass ich mich auf mein Team absolut verlassen kann, im Urlaub genauso wie bei anderen Abwesenheiten. Wenn ich wieder da war, habe ich mich nie überflüssig gefühlt.
 
Warum haben Sie sich ausgerechnet bei der evangelischen Landeskirche beworben?
Dieter Süß: Ich habe meine Diplomarbeit für meinen Abschluss an der Verwaltungshochschule in Ludwigsburg über die Ablösung der Bauverpflichtung der Kirche in Dillweißenstein geschrieben. Also darüber, dass der Staat einen größeren Betrag an die Kirchenverwaltung zahlt und sie die Verantwortung für das Gebäude auf Dauer übernimmt. Das Geld hilft bei der Sanierung und wenn es gut angelegt und nicht für anderes ausgegeben wird, finanziert es auch die weitere Erhaltung.
So kam ich regelmäßig in den EOK und habe die sinnstiftende Arbeit und die gute Atmosphäre wahrgenommen, viele Kontakte geknüpft und mich nach meinem Studium hier beworben.
 
Welche Verwaltungsbereiche des EOK haben sich in Ihrer Zeit grundlegend geändert und warum?
Dieter Süß: Ich wüsste nicht, was gleichgeblieben ist. Stillstand ist Rückschritt. Wir müssen uns bewegen und neu aufstellen. Auch wenn man nicht gleich die richtige Entscheidung trifft. Man muss sich weiterentwickeln. Alles hat sich geändert, die Arbeitsweise, die Arbeitsmittel, die IT, die Kleiderordnung …
 
Was mussten Sie dazulernen, um Entwicklungen maßgeblich zu gestalten?
Dieter Süß: Vieles, fast alles. Im Studium bekam ich nur die fachlichen Voraussetzungen, Vertragsabschlüsse z.B. Aber die Personalauswahl beispielsweise habe ich im Beruf gelernt, wer geeignet ist. Man lernt auch manches, was man nicht so machen soll, aber im Prinzip hatte ich immer gute Chefs und Chefinnen, die mir viel beigebracht haben.
 
Hat Sie irgendeine Aufgabe einmal an Ihre Grenzen gebracht?
Dieter Süß: Eine Herausforderung für mich war der Kirchensteuererlass bei Besonderheiten der Gewinnverwendung von Unternehmen. Ein Thema, das ich bearbeiten musste, ohne viel Ahnung mitzubringen. Das war sehr schwierig, mit einer Armada an Steuerberatern im Nacken. 
Termintreue bei der hohen Arbeitsdichte, die bei uns in der Abteilung herrscht, ist ein anderes Problem. Wir sind verpflichtet unseren Job so zu machen, dass die Synode und die Ehrenamtlichen die Vorlagen rechtzeitig bekommen. Gleichzeitig sind wir abhängig von denen, die uns Material dafür liefern müssen … Ja, ich glaube, dass wir zu dünn bestückt sind in meiner Abteilung. Das ist das eine. Aber, „an der Front“ ist man auf Kollegen und andere Abteilungen angewiesen. Funktioniert das Zusammenspiel nicht, ist man in einer richtig blöden Situation. Den letzten beißen die Hunde, das habe ich öfter gedacht.
 
Was hat Ihnen am meisten Freude im Job bereitet?
Dieter Süß: Mir hat es auf allen Stationen Spaß gemacht, Aufgaben neu zu strukturieren, weiterzuentwickeln und Teams zusammenzustellen, die sie gemeistert haben. Kam ich neu dazu, habe ich mir die Abteilung ein Jahr in Ruhe angeschaut und alles so wie vorher gemacht. Dann erst habe ich angefangen, etwas zu verändern. Natürlich gibt es beharrliche Kräfte. Wenn ich eine neue Software benutzen muss, löst das auch bei mir nicht gerade Freude aus. Das ist der Lauf der Dinge, da kann man sich nicht dagegenstellen. Wenn ich etwas ändere, heißt das nicht, dass dadurch immer alles besser wird und dass man immer das Richtige erwischt. Wenn wir zusammen gemerkt haben, das funktioniert nicht, haben wir es wieder rückgängig gemacht. Wo ist das Problem? Wenn ich eine Hebamme gewesen wäre, wäre das natürlich anders. 
Ich habe nicht bei jedem Thema alle mitnehmen können, das war aber für mich kein grundsätzliches Problem, da müssten Sie meine Kollegen fragen …
 
Ist es ein Vorteil oder Nachteil, in Ihrer Position kein Theologe/Pfarrer zu sein? 
Dieter Süß: Mein Chef ist Jurist und Wirtschaftsprüfer. Die Mehrheit des Kollegiums sind Theologen. Das ist richtig so. Man sagt Theologinnen und Theologen können im Prinzip alles. In meinem Job sind dennoch betriebswirtschaftliche Kenntnisse wichtig, ein gutes Zahlenverständnis, dass man bilanzsicher ist und komplexe Zusammenhänge zwischen Haushalt, Versorgungsstiftung und „der kirchlichen Direktbank“ versteht.
 
Steht Ihre Nachfolge bereits fest? 
Dieter Süß: Das wird mein bisheriger Stellvertreter Ludwig Bruch. Er hat mich von Anfang an begleitet. Die Nachbesetzung aus den eigenen Reihen und die weiteren Nachfolgeregelungen sind ein langer Prozess und haben weitere Folgen. Es hat zwei Jahre gebraucht, um das ganze Team entsprechend auszurichten.
 
Ist denn eine kirchliche Verwaltung dasselbe wie die Verwaltung eines Unternehmens?
Dieter Süß: Ich habe keine Erfahrung in Unternehmen, weil ich gern mein gesamtes Berufsleben in der evangelischen Landeskirche verbracht habe.  Wir sind anders organisiert. Wir haben vier Gremien, die unsere Kirche leiten. Die Synode hat die Haushaltshoheit, wir müssen unser Verwaltungshandeln darauf ausrichten, dass wir die Gremien rechtzeitig einbinden, damit sie sachgerecht entscheiden können. Wir sind demokratischer organisiert als Unternehmen, wo oft der Chef sagt, so machen wir das. Bei uns ist vertrauensvolles Miteinander angesagt und das ist gut so.
 
Gibt es etwas, was die Kirche von Unternehmen lernen könnte?
Dieter Süß: Ja, z.B. Rechnungen zu bearbeiten. Bei uns gibt es klare Vorgaben dafür. Sich daran zu halten ist eine andere Sache. Es werden Unterschiede herbeigeredet.  Als Körperschaft des Öffentlichen Rechtes müssen wir das Steuerrecht und die Sozialversicherungspflichten akzeptieren und Compliance Regeln beachten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir Verbindlichkeit nicht mögen, obwohl dadurch vieles einfacher wäre. Gerade beim Rechnungen bezahlen gibt es bei uns vielfältige Ideen, wie man vorgeht und bucht … Das konnte ich noch nie nachvollziehen. Wir haben alles geregelt, kaum jemand interessiert‘s. Wenn ich solche Prozesse schlank gestalte, den Regeln folge, halten sie mich nicht auf und ich habe mehr Zeit für anderes.
 
Kann man die Charakteristika Ihres Einsatzes mit denen Ihres kleinen, aber sportlichen Autos, mit DS im Kennzeichen, vergleichen?
Dieter Süß: Da geht es um Leistung, Qualität und Tempo.
Ich habe so ein Auto, aber mit einem altersgerechten, hohen Einstieg. Ich wollte eine kleine Variante, deshalb ist es die sportliche. Also Qualität und Leistung erwarte ich schon von mir und meinem Team. Aber, was die Geschwindigkeit angeht oder das Tempo, ich fahre immer im Eco Modus. Beschleunigung hat Grenzen. Eher muss ich mehr Zeit investieren. Manchmal habe weitergearbeitet, wenn meine Frau längst ins Bett gegangen ist. In meinem Team gibt es Leute, die überproportional viel getan haben. Ein Kollege z.B. hat trotz einer schweren OP am Haushalt mitgearbeitet, weil er sich verantwortlich gefühlt hat. Zwingen kann ich niemand. Ich habe immer Leute ausgewählt, die ein starkes Verantwortungsgefühl haben und die Fähigkeit zur Selbstkritik. Deshalb klappt alles. Aber die Arbeitsdichte ist sehr hoch. Jede Leistung ist ein Teamergebnis, wir sind aufeinander angewiesen. Wir ergänzen uns. Allein kann man nichts reißen.
 
Ist Ihre Arbeit auch eine Glaubenssache?
Dieter Süß: Man kann sich nicht nur messen lassen an guten Taten. Entscheidend ist mein eigener Glaube, der ist losgelöst von der Aufgabe.
 
Wann gehen Sie in den Ruhestand?
Dieter Süß: Ich bin jetzt in Urlaub, da sind einige Tage vom letzten und von diesem Jahr noch nicht verfallen. Eigentlich bin ich schon weg. Ich muss noch ein bisschen nachsitzen und begonnene Aufgaben abschließen. Der Haushalt ist ausnahmsweise nicht planmäßig fertig geworden. Mein Büro muss ich papierlos hinkriegen. Offiziell beginnt mein Ruhestand am 1. Oktober, danach habe ich einen kleinen Beratervertrag innerhalb des Projekts „Einführung einer ERP-Software und der Doppik“.
Meine Frau ist sehr nachsichtig mit mir und hat mir immer den Rücken freigehalten. Sie glaubt nicht so recht daran, dass ich jetzt loslassen kann. Im Gegensatz zu mir. Ja, ich habe mehr als normal gearbeitet. Natürlich hat sie sich gewünscht, dass ich öfter zuhause bin … aber es ist alles gut gegangen.
 
Mit welchem Gefühl verlassen Sie den EOK?
Dieter Süß: Ich bin froh, dass ich nicht jeden Tag gezählt habe bis zum Pensionsbeginn und mir der Abschied schwerfällt. Ich habe so viel gelernt, viele Freunde gefunden, gute Vorgesetzte gehabt … Ich bin dankbar, ein Teil der Dienstgemeinschaft zu sein, wo man Freiraum für seine Stärken bekommt, die Schwächen mitgetragen werden, um gemeinsam die Aufgaben für unsere Kirche abzuarbeiten. Ich wünsche jedem so ein erfülltes Berufsleben, wie ich es hatte.
 
Was haben Sie im Ruhestand vor?
Dieter Süß: Ich habe mir noch gar nicht so viele Gedanken über die Zukunft gemacht. Ich muss erst meine Arbeit hier abschließen. Es ist gut, dass es einen Wechsel gibt, neue Ideen, und es ist gut, zu gehen, solange nicht alle darauf warten. Man merkt doch selbst, dass man länger für manches braucht, einiges nicht sofort versteht. Wenn ich meinen Sohn etwas IT-mäßiges frage, sagt er, das geht genauso, wie ich es dir das letzte Mal erklärt habe.
Ich lasse den Ruhestand einfach auf mich zukommen. Ich habe zwei Enkel, 1 und 3 Jahre alt, die in Konstanz wohnen, die wir regelmäßig besuchen wollen. Als meine beiden Kinder noch klein waren, war ich auch präsent. Ich war nie tagelang unterwegs. Ab einem gewissen Alter war meine Tochter aber froh, dass ich nicht dauernd um sie herum war.