Musikalischer Abend-Gottesdienst zum Kantorei-Fest am 23. Juli 2023 in Schwetzingen (Prälatin Heide Reinhard)

Liebe Gemeinde,
ein Urlaubssommertag in Lyon, Frankreich. Ich schlendere durch die Straßen und komme an einer Kirche vorbei. Durch die offenen Türen klingt Musik nach draußen. Ich bleibe stehen und höre. Von drinnen ertönt auf französisch das Lied Befiehl Du deine Wege und mir kommen die Tränen. Es war das Lieblingslied meiner längst verstorbenen Großmutter. In dem Moment musste ich an sie denken und war einfach gerührt.
 
Vielleicht kennen Sie das auch. Dass Sie eine bestimmte Melodie, ein Lied ganz tief berührt. Weil es der Sommerhit war, in dem Jahr als sie Ihren Partner, Ihre Partnerin kennenlernten. Weil Sie an einen bestimmten Moment denken, auch wenn dieser vielleicht traurig ist. Weil es Sie einfach gut stimmt und gute Laune macht. Und wenn Sie selbst singen oder musizieren – weil Sie abgelenkt werden vom Alltag. Musik hat Kraft, weil sie Tiefenschichten berührt.
 
Wenn ich auf der Straße oder in der S-Bahn Menschen mit Kopfhörern sehe, dann denke ich ab und an: Was hören die wohl gerade, was ist gerade ihr Lieblingslied? Was hören die Schülerinnen und Schüler, um die Schule hinter sich zu lassen, um abzuschalten, um an was Schönes zu denken?                             
Ich vermute mal, dass mir da nicht alles grad auch gefallen würde, aber egal: Von Atemlos durch die Nacht bis Mahlers Neunte: Musik berührt, schmerzt, hilft, tröstet.
 
Von der Kraft der Musik spricht auch eine kleine Randnotiz in den Erzählungen über den jungen David. In 1. Samuel 16,23 steht der kurze Satz: Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm.
 
David kommt als junger Mann an den israelitischen Königshof. Der amtierende König Saul war ein impulsiver, zeitweise aufbrausender und schwieriger Mensch. Er litt vermutlich immer wieder unter Depressionen. Menschen, Worte erreichen ihn dann nicht mehr.
Nur die Musik auf der Harfe, die David anschlägt, die bewegt etwas in ihm. Die hilft ihm heraus aus dem Dunkel, hilft heraus aus den schweren Gedanken - und es ward besser mit ihm.
 
Musik und Musizieren haben Auswirkungen bis ins körperliche Empfinden hinein. Es lässt sich sehr gut untersuchen und messen wie sich Atem, Blutdruck, Gehirnströme verändern. Und Musik kann auch wunderbar therapeutisch eingesetzt werden.
Davids Harfenspiel hat sicher diesen positiven Effekt für Saul. Denn Musik geht tief, gehört zu den emotionalsten Ausdrucksformern, die Menschen geschaffen haben. Sie öffnet die Wahrnehmung für etwas, was dem Sprechen und Nachdenken verschlossen bleibt.
Der berühmte Dirigent Sergiu Celibidache hat diese Besonderheit von Musik einmal so formuliert: „Das Wesentliche der Musik, also die Musik selbst, ist nicht einmal in den Tönen: sie ist … Außerzeitlich.“
 
Und so gehört zu den Möglichkeiten der Musik, dass sie einen imaginären Raum eröffnet, in dem sich träumen und hoffen lässt und so das Leben leichter werden kann.
Auch wenn menschliche Worte nichts mehr ausrichten können, wenn Schweigen und Trauer herrschen. Musik – Lieder, Gesänge, singen und hören – ganz egal, Musik öffnet einen Raum jenseits der Worte. In diesem Raum kann Gott uns auch nahekommen. Es ist ja in jedem Gottesdienst so, dass wir in Reden, Singen, Hören, Gott in vielfältiger Weise Raum geben.
David schafft mit seinem Harfenspiel auch Raum für Gott. Durch die Musik, die David wählt, verändert sich etwas bei Saul, kommen andere Gedanken in sein Herz, ist Raum für Gottes gute Worte. Der böse Geist weicht und Gott kann Raum nehmen – er tröstet, beruhigt, flüstert Saul zu, lässt ihn Gutes träumen, gibt Hoffnung, befriedet, heilt die Verletzungen.
 
Was durch die Begegnung mit Gott ausgelöst wird, ist in 1. Samuel 16 in ganz wenigen Worten beschrieben: Saul erquickte sich.                
Da lebt einer wieder auf, wird wieder frisch, sieht neue Perspektiven, hat wieder Hoffnung.  
 
Das Harfenspiel Davids, die Musik öffnet einen Raum jenseits der Worte. Deshalb ist es wunderbar, wenn Sie in Schwetzingen immer wieder solche musikalischen Gottesdienste feiern,  in denen die Vielfalt der Musik in den Instrumenten und Liedern querbeet aufgezeigt wird. Wir uns auf diese Weise berühren lassen und Gott Raum geben können.
So höre ich auch auf zu reden. Denn heute Abend ist die Zeit, Gott in der Musik zu begegnen.
Und wer weiß, vielleicht ist es an der Zeit, nachher, zu Hause einmal wieder Lieblingsmusik zu hören und den Raum weit zu machen. Amen.