Schwestern und Brüder,
„Ich möchte mich von allem Irdischen lösen, Gutes tun, Freude bereiten.“
„Ich will eine Helferin mit Leib und Seele sein.“
„Ich will ein Wegweiser zu Gott werden.“
„Einen Garten pflegen ist schön, aber wieviel schöner ist es doch, kranke Menschen gesund pflegen zu können.“
Zitate aus Bewerbungsschreiben von Frauen aus den Jahren zwischen 1898 und 1950, die in das Freiburger Diakonissenhaus eintreten wollten. Pflegen – trösten – heilen, wie die drei Leitworte des Diakonissenhauses in der Festschrift zum 100jährigen Jubiläum lau-teten. Nun blicken wir heute auf 125 Jahre voller Dankbarkeit auf das Leben und den Dienst der Freiburger Diakonissen zurück.
Diakonisse sein. Das war zum einen die große Chance für unverheiratete Frauen eine Ausbildung zu bekommen und in einer Gemeinschaft zu leben, die nicht die eigene Familie war. Diakonisse sein: Das war aber vor allem auch die Entscheidung für ein geistlich orientiertes Leben.
Denn das Mutterhaus und die Diakonissen lebten im 3G-Netz: Gemeinschaft, Glaube, Gebet. Der Dienst am Nächsten war eine Entscheidung aus dem Glauben – und für den Glauben. Diakonisse zu sein war eine Entscheidung mit Leib und Seele: kein eigenes Zimmer, Tag und Nacht im Einsatz. Nicht romantisch, sondern auch Entbehrung, Zweifel und Tränen, wie mir Diakonissen immer wieder aus der Zeit ihrer Anfänge berichtet hatten. Und mit kleinen Ausflüchten und Freiheiten, wie der Roller für den Gemeindedienst oder auch mal das heimliche Eis um die Ecke.
Aber im 3G-Netz konnten sich die Schwestern immer wieder aufladen. Gebet, Glaube und die Gemeinschaft waren eine große Kraftquelle, Menschen nicht nur zu helfen, sondern sie auch ins Gebet zu nehmen.
125 Jahre Diakonissenhaus Freiburg. Es wäre falsch, nach dem Heimgang der „letzten“ Diakonissen Irmtraud Schauer und Klärle Kübler nun die Lebensform der Diakonissen und das Freiburger Diakonissenhaus ins Museum zu stellen. In eine Vitrine, bei der man sich vorbeihuschend an die gute alte Zeit er-innert. 125 Jahre Diakonissenhaus Freiburg, das kann für uns Kraftquelle, Mutmacher, Frischekur und Hoffnungsakku werden. Aus den vielen Lebensbildern, den prall gefüllten Glaubenserfahrungen können wir als Gemeinde, als Diakonische Gemeinschaft, als Mitarbeitende im Krankenhaus und vor allem ganz persönlich neue Zuversicht schöpfen und unser Netz erweitern. Von 3G zu 5G, aber dazu später.
Wenn wir den heutigen Predigttext hören, dann scheint dies fast schon das Programm des Freiburger Diakonissenhauses gewesen zu sein. Der Abschnitt aus dem zweiten Kapitel der Apostelgeschichte folgt unmittelbar dem Bericht über das Pfingstereignis und der ersten wegweisen Predigt des Apostels Petrus:
41 Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen. 42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. 43 Es kam aber Furcht über alle, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. 44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. 46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.
Der Bericht liest sich wie ein Summarium von all dem, was in Jerusalem geworden ist; und es klingt auch ein wenig idealisiert; von Konflikten ist zunächst keine Rede, und wir wissen ja von anderen Berichten aus den frühen Gemeinden, dass sich eine solche Lebensform nicht einfach unproblematisch einspielt. Deutlich wird aber, dass ein Lebensstil aus der Hoffnung auf Gottes Wort ist.
So war es auch in den Anfängen des Freiburger Diakonissenhauses. Professor Albrecht Thoma, Vorsitzender des Evangelischen Bundes in Baden, entwarf 1895 eine Ordnung für die Freiburger Diakonissen-schwesternschaft, in der das geistliche Leben betont und der Bezug zur Gemeinde stark herausgestellt wurde. Und es war ein Wagnis, das sich auf die Verheißung aus Gottes Wort verließ.
Man könnte einige Parallelen zwischen der Apostelgeschichte und den Freiburger Diakonissen ziehen: Sie blieben beständig in der Lehre, der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet. Sie waren beieinander und hatten viele Dinge gemeinsam, sie hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen, sie lobten Gott und fanden viel Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Tempel, der Gottesdienstraum, das war für viele Jahre auch diese Kirche hier, denn in der Ludwigskirche fanden die Einsegnungen der Diakonissen und viele Feste statt, die Diakonissen prägten über viele Jahre auch das Bild dieser Kirche. Insofern auch herzlichen Dank für den Aus-druck dieser Verbindung, dass wir heute den Dankgottesdienst gemeinsam hier feiern.
Aber so einfach eins zu eins lässt sich der Bericht des Lukas dann doch nicht übertragen. Und um ehrlich zu sein, sind alle Versuche, ein solches Idealbild von Gemeinde nach der Apostelgeschichte zu leben, letztlich gescheitert. Sie begingen den Fehler, den wir als Christenmenschen ja gerne machen, nämlich das Letzte mit dem Vorletzten zu verwechseln.
Denn die Gemeinschaft der Diakonissen, unsere Gemeinden, die Kirche sind kein Ort, an dem nur die Reinheit und das Gute walten, und wo die Welt, das Draußen, zur Gegen-welt wird. Das ist und bleibt Realitätsverleugnung. Diejenigen unter uns, die im Krankenhaus tätig sind und dort Verantwortung tragen, auch die Leitung und Verantwortlichen im Diakonissenhaus, den anderen Einrichtungen, in der Gemeinde oder unserer Landeskirche, wir alle wissen ja nur zu gut, unter welchem wirtschaftlichen Druck und welchen Rahmenbedingungen damals und auch heute die Arbeit getan und eben auch gesichert werden muss.
Wir teilen doch alle Probleme mit der Welt: wie wir unsere Mitarbeitenden bezahlen, wie wir mit unseren geringen Ressourcen nachhaltig wirtschaften sollen, wie wir die drohenden Reformen und Zwänge überleben können.
Auch die Geschichte des Diakonissenhauses und des Krankenhauses mit seinen Abteilungen zeigt, dass diakonische Einrichtungen anfällige Systeme sind, die von einer hoch-gradig ausbalancierten Wirtschaftlichkeit leben müssen, und dass auch viele Konflikte, Fehler und Schattenseiten deren Geschichte und Gegenwart prägen.
Was uns der Evangelist Lukas hier zeichnet, ist kein Anwendungsbeispiel christlicher Ökonomie, auch nicht einer konkreten Lebensform, die sich einfach so in unserer Welt umsetzen ließe. Es wird bekanntlich auch bei Lukas gegen Ende recht eng mit der armen Gemeinde in Jerusalem, und Paulus muss viele Kollekten beschaffen, damit das Überleben der ersten Gemeinde gesichert werden kann.
Was Lukas hier aber zeichnet, ist ein Ausblick darauf, wie sich Gottes Geist verwirklicht – und zwar im Hier und Jetzt, aber auch im Blick auf die Ewigkeit. Zentrum und Ausgangspunkt ist Christus selbst, aus der Ver-bindung zu ihm lebten sie und schöpften sie Mut. Das ist das alles Entscheidende. In einer gottvergessenen Welt hatten die Apostel Gott gefunden. Christus hatte sich Ihnen mit Vollmacht offenbart, sie angerührt und begeistert.
Die Diakonissen haben sich begeistern lassen und ihr ganzes Leben mit allen Konsequenzen in die Nachfolge Jesu gestellt. Auf Hab und Gut, auf Partnerschaft und Freiheit verzichtet, um für Gott und die Menschen da zu sein. Und viele von ihnen lebten in einer innigsten Gottesgemeinschaft, das habe ich in vielen Gesprächen immer wieder gespürt. Das kann auch für uns ein Hinweis für unser Leben und Arbeiten sein. Nicht andere Götter, wie Macht, Geld und Einfluss, zu den unsrigen zu machen, sondern durch Christus befreit in die Zukunft blicken. Gelassen wer-den. Weil Gottes Gnade uns dazu befreit und uns den offenen und versöhnlichen Blick auf uns selbst und auf das, was wir zu leisten vermögen, schenkt.
Ich denke, es würde uns gut tun, uns als Kirche und als Diakonie, ganz persönlich jede und jeder von uns neu von diesem Geist an-stecken zu lassen. In der Welt Gottes Reich den Weg bereiten und zu wissen, dass Gott es ist, der dieses Reich baut und erhält, und der letztlich dafür sorgt, dass seine Kirche nicht untergeht.
Von Gott berichten und Menschen anstecken. Ihnen konkret helfen und ihnen Orientierung und Zeugnis geben. Manchmal klein und verzagt. Dann wieder sprudelnd und ein wenig verrückt, wie auch in der Geschichte des Freiburger Mutterhauses es oft geschehen ist. Wunder hat es immer wieder gegeben.
Diakonische Lebensgemeinschaften tragen heute einen anderen Charakter als in den Blütezeiten der Diakonissenhäuser. Aber diakonische Lebensgemeinschaften und Menschen, die aus dem Geist der Diakonissenhäuser leben und arbeiten, wirken mit Tatkraft und Weitsicht, stellen sich den neuen Herausforderungen, sind mutig darin, wie neue Aufgaben angepackt und neue Chancen genutzt werden können. Ich habe immer darüber gestaunt, wie innovativ die Freiburger Diakonissen unterwegs waren, welche Wandlungsfähigkeit und Offenheit sie in aller Stetigkeit hatten, wie sie aus der Bibel ihre Gelassenheit schöpften, ihrem Auftrag zu folgen und dabei auch wirtschaftlich klug und weitsichtig zu handeln. In allem hat sie der Leitspruch aus dem Epheserbrief ermutigt und gestärkt:
„Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin der das Haupt ist, Christus.“ (Eph 4,15)
Da baut es sich auf, das 5G-Netz, das uns dauerhaft mit dem Freiburger Diakonissenhauses verbindet, das nicht abreißt und keine Funklöcher hat, sondern Kraftquelle für uns persönlich, für die Landeskirche, die Gemeinde, für das Diakonissenhaus und das Diakoniekrankenhaus sein kann.
Geschichte: der Schatz unserer Herkunft, das kostbare Vorbild der Schwestern und die Zuversicht aus dem Glauben. Der Baum, den die Wurzel des Diakonissenhauses hervorgebracht hat, treibt aus, hat zahlreiche Äste und Zweige. Und er spendet denen Schatten, die sich unter seinen Ästen ausruhen. Den Kranken, die im Krankenhaus Genesung suchen. Den Menschen, die ermattet im Pflegeheim betreut werden. Den jungen Erwachsenen, die im Haus Landwasser einen Neuanfang starten. Und den Bewohnerinnen im Mutterhaus, die dort ihren Lebensabend verbringen können.
Gemeinschaft: die Stärke, die aus dem gemeinsamen Leben, Wirken, Denken und Arbeiten erwachsen kann; aus einem Team, das gemeinsam anpackt und sich auch von Krisen und Zweifeln nicht erdrücken lässt.
Glaube: Christus gibt uns Halt. An ihn können wir unser Herz hängen. Denn wir können gewiss sein, dass er es ist, der unsere Arbeit segnet und erhält. Der weiß, was am Ende dabei herauskommt. Er führt uns an der Hand.
Gebet: Wir müssen mit unseren Sorgen und Ängsten, mit den Problemen, aber auch nicht mit den Freuden allein bleiben, sondern wir können Gott alles, wirklich alles im Gebet anvertrauen und unsere Sorgen auf ihn werfen, er wird es wohl machen.
Gelassenheit: Dass der auferstandene Christus im Regiment unseres Lebens und auch unserer Einrichtungen sitzt, kann uns gelassen machen. Das ist der Grund für unsere Freude und auch für Humor, mit dem wir unterwegs sein dürfen und sollten. Das bedeutet nicht, die Hände in den Schoß zu le-gen. Aber wir tun alles in dem Wissen, dass es allerhöchstens die vorletzten Dinge sind, die wir hier auf Erden verhandeln. Und wir gehen an unsere Aufgaben zuversichtlich an der Hand dessen, der die Welt überwunden hat.
5G: Geschichte, Gemeinschaft, Gaube, Gebet, Gelassenheit. Nehmen wir die Verbindung auf und tanken wir auf aus diesem Erbe, als Ansporn und Ermutigung. Mit großem und tiefem Dank für das Leben und Wirken der Freiburger Diakonissen, vor denen wir uns verneigen und Gott danken für alles, was er ihnen und uns Gutes getan hat und tut.
Amen.
