Predigt beim Festgottesdienst 125 Jahre EDKH Freiburg am 13.10.2023 (Prälat Dr. Marc Witzenbacher)
Liebe Festgemeinde!
Quellen sind Kraftorte. Bei einer Wanderung in großer Hitze, Ausgangspunkt für Kurorte und für einen reißenden Strom. Quellen bedeuten Leben. Ohne Wasser können wir nicht leben. Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht, so haben es 2010 die Vereinten Nationen beschlossen.
So wie wir Wasserquellen zum Leben brauchen, so brauchen wir Quellen, aus denen unsere Seele und unser Geist leben können. Wir sind gerade in diesen Tagen voller Hass und Terror, voller Krieg und Katastrophen durstig nach Sinn, nach Orientierung, nach Halt und Trost. Wir sind lebensdurstige Menschen, und das im umfassenden Sinn. Damit Gedanken, Kreativität und Energie fließen können, damit sich etwas in unserem Leben entwickelt und die Lust am Leben uns nicht verlässt, muss uns etwas zufließen: Etwas, das uns neu und frisch macht und uns Kraft gibt zum Leben und Glauben, uns verwandelt.
In der Bibel wird daher Gott auch als Quelle bezeichnet. Diese Quelle bringt keine Macht der Welt zum Versiegen. Diesen Brunnen kann niemand vergiften, keine Gottlosigkeit, keine fanatische Frömmigkeit, kein Terror, kein Krieg.
„Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ Der Glaube an Gott lebt aus der Hoffnung auf Sinn, auf Versöhnung, auf Frieden. Glaube lebt aus dem Vertrauen, in unseren Sehnsüchten und Wünschen immer wieder von Neuem den Kontakt mit Gott zu suchen, all das, was uns bewegt, in Gottes Hand zu legen, zu spüren, dass Gott mit uns geht in den guten und in den schweren Zeiten, Frieden zu finden mit Gott und mit uns selbst, Leben aus der Quelle, erfülltes Leben.
Ein Krankenhaus in Land-wasser. Beim Bau von Flügel 4, unserem großen Anbau, bekommen wir es wieder zu spüren, was dieser Ortsname bedeutet: hochstehendes Grundwasser, Land, das von Wasser durchflossen wird. Die Bodenplatte muss daher stark ausgebildet werden und gut abgedichtet – das konnte man sogar riechen in den letzten Wochen.
Bei uns fließt es also sogar im Untergrund. Das mag ein Sinnbild sein für den Flow, den ein Krankenhaus für seine Arbeit braucht. Auf allen Ebenen müssen hier Prozesse gut laufen, ein Rädchen muss passgenau ins andere greifen. Die Berufsgruppen, Bereiche und Dienste sind aufeinander angewiesen. Ebenso im Trägerverbund, in dem es ein gutes Zusammenspiel der Einrichtungen braucht. Im besten Fall fließt das alles zusammen in ein gemeinsames Tun zum Wohl der Patienten und zur Zufriedenheit der Mitarbeitenden.
Und wenn das gelingt, dann hat es etwas Beglückendes. Die Psychologie versteht unter ‚Flow‘ „das als beglückend erlebte Gefühl eines Zustands völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit, die wie von selbst vor sich geht“. Das klingt doch gut. Und ich denke, viele kennen das im Diakoniekrankenhaus und seinen verbundenen Einrichtungen. Operieren im Flow, das gibt es. Auch in der Pflege kann man den Flow erleben, wenn alles wie am Schnürchen läuft. Bei unseren Reinigungskräften und dem Technischen Dienst meine ich das oft zu beobachten, in der Küche ebenso, und selbst in der Verwaltung soll es Flow-Momente geben. Wahrscheinlich macht genau das einen Great place to work aus: dass sich dort beim Arbeiten der Flow einstellen kann.
Aber wie kann das gelingen? Eins ist klar: Für einen guten Flow braucht es ein gutes Miteinander. Menschen, die Freude daran haben, gemeinsam zu arbeiten, füreinander und miteinander. Aber damit es dann auch wirklich ins Fließen kommt, braucht es außerdem auch eine Quelle, von der her es fließt, eine Kraftquelle, von der die Kraft ausgeht und die mich stärkt und stützt, auch dann, wenn es einmal nicht so leicht und fließend geht.
Bei dir ist die Quelle des Lebens. Von Beginn an lebt, „fließt“ das Evangelische Diakoniekrankenhaus aus dieser Quelle. Schon die Gründung war ein Bekenntnis. Wer Gott liebt, der liebt auch seinen Nächsten. Zeugnis von der Quelle des Lebens in Wort und Tat. Für die Diakonissen, die das Krankenhaus über so viele Jahrzehnte prägten, war ihr Einsatz für Kranke und Sterbende, für schwache und vom Leben gezeichnete Menschen Konsequenz ihres Glaubens. Ihrer eigenen Erfahrung, ihrem „Flow“ aus Gottes Liebe. „Dieses Gebot haben wir von ihm, dass wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder und seine Schwester liebe“, so lautet der Wochenspruch dieser Woche aus dem ersten Johannesbrief. An diesem sogenannten Doppelgebot der Liebe hängt unser Glaube. Aus dieser Doppelperspektive lebt das Diakoniekrankenhaus. Aus dieser Quelle können wir schöpfen, uns von ihr treiben lassen „auf der Suche nach dem Ende des Regenbogens“, wie es im Lied Moon River heißt. Aus der Liebe zu diesem nie versiegenden Fluss der Liebe Gottes setzen Sie in der Arbeit des Diakoniekrankenhauses ein Zeichen.
Ein Zeichen, damit der Geist der Anerkennung und der Wertschätzung die Atmosphäre des Krankenhauses prägt und nicht die Angst vor der Zukunft. Dass der Geist des Zutrauens und des Vertrauens, die Liebe zu Gott und den Menschen sich durchsetzt und nicht das Ringen um Ertrag und die schwarze Null in der Bilanz. Das sollen und das können Menschen hier spüren. Eine Liebe Gottes, die allen gilt und niemanden ausschließt. Ein tiefes Vertrauen, dass das, was wir hier tun, getragen ist von einem Gott, der sich selbst in die tiefsten Tiefen des Menschseins begeben hat. Der uns nicht hehre Worte aus der Distanz zuruft, sondern selbst Quelle des Trostes und der Zuversicht ist. In den vielen schweren Stunden und Momenten, die unsere Mitarbeitenden erleben, die wir alle in diesen Tagen von Terror, Gewalt, Krieg und Katastrophen durchleiden. Bei dir ist die Quelle des Lebens. Aus diesem Strom können wir Kraft schöpfen, erleben wir einen Flow, der uns alle weitertragen kann. Wohin er uns tragen wird? Das weiß Gott. Und wir vertrauen darauf: Auf dem Weg dahin sind wir von guten Mächten wunderbar geborgen, wie wir es wieder und wieder erlebt haben und erleben. Wenn wir das so leben, dann ist das Leben aus der Quelle, Leben aus der Quelle des Lebens.
Amen.
