Predigt im Gottesdienst zur Entwidmung des Lukas-Gemeindezentrums in Villingen am 19. November 2023 (Prälat Dr. Marc Witzenbacher)
zu (Pred 3,1-4.10-11)
Liebe Gemeinde,
alles hat seine Zeit. Nun hat auch das Lukas-Gemeindezentrum seine Zeit gehabt. Dieser Gottesdienst markiert ein Ende, denn heute entwidmen wir die Lukaskirche. Was 1980 mit der Einweihung des damaligen Neubaus begonnen hatte, findet nun einen offiziellen Abschluss.
Das tut weh. Auch wenn viele von uns den langen Weg bis heute kennen, dabei überlegt, vieles durchlitten und letztlich darüber entschieden haben. So einfach lässt man diese Kirche, dieses Gemeindezentrum nicht los mit seiner Geschichte, mit den vielen Ge-schichten so vieler Menschen, mit Ihrer Geschichte, nicht los.
Schon Mitte der 1970er Jahre wurde die Lukasgemeinde gegründet, damals noch in ökumenischer Gastfreundschaft mit Gottes-diensten in der benachbarten katholischen Heilig-Kreuz-Kirche. 1979 konnte mit dem Bau des Gemeindezentrums begonnen werden. Frau von Kalckstein hat ja schon im Gemeindebrief geschrieben: damals war Carl Karstens Bundespräsident und Helmut Schmidt Bundeskanzler, Landesbischof war Hans-Wolfgang Heidland und Günter Bußmann der Dekan des Kirchenbezirks.
Dieser Kirche und diesem Gemeindezentrum haben viele Menschen ein besonderes Gepräge gegeben: der erst vor wenigen Wochen verstorbene Pfarrer Karl Ebert, der die Gründung und den Bau und so viele Jahre hier erlebt und gestaltet – und hier noch vor kurzer Zeit einen letzten Gottesdienst gefeiert hat; seine Nachfolger Peter Krech und Pfarrer Oliver Uth und Pfarrerin Dorothea von Kalckstein, so viele Mitarbeitende und Ehrenamtliche - stellvertretend möchte ich Sieglinde Knausenberger und ihren Mann Gernot nennen, der im Frühjahr verstorben ist. Sie und viele, viele andere, ja Sie alle haben diese Kirche mit ihren Ideen, mit ihrer Kreativität und mit ihrem Glauben zu einem lebendigen und stärkenden Ort gemacht.
Und doch hat eben alles seine Zeit. Die Bilanz des Predigers in seinem Buch, von dem wir einen Abschnitt in der Lesung gehört haben, scheint auf den ersten Blick negativ und niederdrückend. Aber er will aufzeigen, dass nur Gott den Sinn aller Dinge kennt. Für alles auf Erden gibt es eine bestimmte Zeit; keine beliebige Zeit, sondern eine Zeit, die Gott festgesetzt hat. Wie alles zusammenhängt, weiß allein Gott.
Das führt den Prediger nicht dazu, alle Hoffnung fahren zu lassen und den Kopf in den Sand zu stecken. Sondern das Wissen um die von Gott gesetzte Zeit aller Dinge, auch meines eigenen Lebens, kann mir Zuversicht schenken – hier und heute. Auch wenn wir Abschied nehmen von der Lukaskirche.
Denn Gott hat den Menschen, er hat jedem und jeder von uns die „Ewigkeit ins Herz gelegt“, wie es dort heißt. Eine Ahnung, dass diese Welt eben noch nicht das Letzte ist, sondern dass alles Übel dieser Welt, alle Nachrichten, die uns in diesen Tagen verstören und ängstigen, ja auch das Ende der Lukaskirche eben nicht das wirkliche Ende sind. Gott wird einst alle Tränen trocknen, er wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, in denen Gerechtigkeit und Friede für alle Menschen sein werden.
Das ist kein frommes Gerede, kein Vertrösten oder eine Selbstbetäubung, um den Schmerz und das Leid nicht mehr spüren zu müssen. Es ist doch vielmehr zutiefst tröstlich, dass auch die Menschen der Bibel mit diesen vielen Erfahrungen, die auch uns so zu schaffen machen, nicht dadurch fertig wurden, dass sie es hätten erklären können. Hiob erfährt bis zuletzt nicht, warum Gott ihm Frau und Kinder, Hab und Gut genommen hat und ihn mit schrecklicher Krankheit geplagt hat. Diese Leute werden nicht fertig damit, weil sie sagen könnten „Deshalb, weil… hat Gott mir dies oder das zugefügt“, sondern sie sagen: „Obwohl ich es nicht weiß, halte ich an Gott fest.“
„Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“, haben wir gerade aus Psalm 121 gebetet. Die Menschen der Bibel wagen den Trotz der Hoffnung und Zuversicht gegen alles Unverständliche, weil sie Erfahrungen mit Gott gemacht haben und weil sie deswegen überzeugt sind, dass er sich etwas dabei denkt und dass man ihm vertrauen kann.
Was so viele Menschen, was Sie hier in dieser Kirche erlebt, was Sie hier erfahren und mitbekommen haben, das kann uns Hoffnungsproviant sein auf dem Weg in die Zukunft. Niemand kann diese Erfahrungen wegnehmen. Niemand kann sie verkaufen. Sie bleiben. „Der Herr behütet unseren Aus-gang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“ Diese Ewigkeit hat er allen ins Herz gelegt, die hier in der Lukaskirche gebetet, gefeiert, gelacht, getrauert und geklagt haben. Er hat sie uns allen ins Herz gelegt.
Wir kennen den, der alles versteht. Er hat allem seine Zeit gesetzt. Er kennt auch unseren Schmerz und hört unsere Klage. Wir können seiner Liebe vertrauen. Das kann uns tragen. Wo wir einen liebevollen Sinn ahnen und glauben, da können wir durchhalten. Da können wir neue Perspektiven entwickeln, Hoffnung schöpfen, Kraft tanken für den nächsten Schritt.
Wir und schon gar nicht Gott werden nun heimatlos. Noch bestehen Kirchen in Villingen, die genauso wie die Lukaskirche ein Ort sein können, an dem man solch wertvolle und prägenden Erfahrungen macht, wie Gott unser Leben in seinen Händen hält. Es wer-den wieder andere Erfahrungen sein als hier in der Lukaskirche.
Das Gelände und das Gemeindezentrum wird die Caritas übernehmen und damit auch eine neue Nutzung entwickeln, die dem Geist des Evangeliums und dem Auftrag Jesu Christi folgt. Menschen werden hier weiter getröstet und gestärkt werden, lachen und weinen und ein Obdach finden. Auch manche Gruppen und Kreise finden wie damals vor dem Bau des Gemeindezentrums in der Heilig-Kreuz-Kirche Räume. Gottesdienste werden gelegentlich dort und an anderen nahe gelegenen Orten gefeiert werden.
Alles hat seine Zeit. Wir können darauf bauen, dass der schmerzliche Abschied von der Lukaskirche auch Neues eröffnet, neue Chancen bietet, neue Wege weist, auf denen Sie als Stadtkirchengemeinde Villingen gehen werden.
Wir sind und bleiben als Kirche unterwegs. Egal in welchem Zustand die Gemäuer und die Strukturen sind, egal wie weitsichtig und umsichtig wir planen und überlegen: es bleibt immer etwas offen, ja, das Entscheidende bleibt offen.
Wir werden die Kirche hier nie und nimmer vollenden. Und wir müssen es nicht. Was wir hier wissen und überlegen, was wir beschließen und planen, was wir reden und predigen – es ist und es bleibt Stückwerk, das über sich hinausweist und auf seine Vollendung und Vervollkommnung noch wartet.
Abschied tut weh, und Veränderungen kann man nicht einfach leichtfertig abhaken. Manch einem mag das gelingen, andere knabbern daran. Diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten dürfen sein und sie braucht es. Auch beim Abschied heute von der Lukaskirche. Aber wir gehen mit der Ewigkeit im Herzen und dem Proviant der Hoffnung.
Unser Leben ist Geschenk, ist mehr Gnade als erarbeitet und verdient. Wir leben von Worten der Liebe, die uns umsonst zugesprochen werden, so wie in der Vergangenheit in der Lukaskirche, wie heute hier im Gottesdienst und in Zukunft in unserer Kirche. Wir leben davon, dass unsere Welt in den großen Horizont Gottes gerückt und unser Leben in den weiten Raum der Hoffnung gestellt wird.
Wir haben es gesungen und bezeugt „Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben: Hochgelobt sei der erbarmende Gott, der uns den Ursprung des Segens gegeben; dieser verschlingt Fluch, Jammer und Tod. Selig, die ihm sich beständig ergeben! Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.“ (EG 66,8)
Von dieser Ursach zum Leben kommen wir her und brechen nun auf. Traurig oder zuversichtlich, niedergeschlagen oder mit neuen Ideen. In diesem Ursprung des Segens nehmen wir Abschied und machen uns auf, gestärkt und mit der Hoffnung, zuversichtlich und mutig. Gott wird mit uns sein – und er wird uns begleiten. Immer und überall und in Ewigkeit.
Amen.
