Schwestern und Brüder!
Man müsste Gott kennen, um zu wissen, was Liebe ist. Eine Liebe, die nichts erwartet. Eine Liebe, die keine Grenzen kennt. Eine Liebe, die sich in den Tod gibt für andere. Eine Liebe, die sich nicht vergleichen lässt mit dem, was wir landläufig mit Weihnachten als dem „Fest der Liebe“ verbinden. Das macht der Bruch deutlich, den wir heute spüren. Gestern noch Freudenfest, die Engel jubilieren und wir mit ihnen, Geburtstagsfeier mit Sekt und Lametta. Heute geht es um Steinigung, Auspeitschen, Verfolgung. Geschwister, die sich gegenseitig dem Tod ausliefern. Das soll Liebe sein? Dass Menschen sich gegeneinander auflehnen, sich für die Botschaft des Evangeliums einbuchten, foltern oder gar umbringen lassen? Man müsste Gott kennen, um zu wissen was Liebe, was diese Liebe ist. Ja. Aber kennen wir Gott?
Gott bleibt doch der Fremde, ihn können wir nicht erfassen, ihn nicht in den Kasten packen, und schon gar nicht meinen, wir könnten eine bestimmte theologische Meinung als unverbrüchliche Wahrheit ansehen. Wenn wir uns Weihnachten vor Augen führen, bleibt uns doch selbst dieses Licht fremd und unbegreifbar. Da kommt der unfassbare Schöpfer des Universums als Kind auf die Welt. Gott macht sich angreifbar, hilflos, verletztlich – und wird uns genau dadurch nahe. Er kommt in den Trümmern Bethlehems zur Welt, der Friedensfürst der Welt. Er kommt in den Stall, zu den Trostlosen, Kranken und Verzweifelten, er wandert mit in den Flüchtlingstrecks.
Und so kommt er mir persönlich ganz nah. Wenn in meiner letzten Stunde einmal alle und alles mich verlässt, dann kann ich sagen: „Wenn ich einmal scheiden, so scheide nicht von mir.“ Denn das dunkle Tal des Todes, selbst das hat er durchschritten. Krippe und Kreuz sind aus dem gleichen Holz.
Man müsste Gott kennen, um zu wissen, was Liebe ist. Zumindest ahnen wir, was diese Liebe bedeuten kann. „Das ewig Licht kommt da herein und gibt der Welt ein neuen Schein“, hat Martin Luther in einem Weihnachtslied gedichtet. Diesen Schein hat Stephanus gesehen: Den Himmel offen, den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Und als die Steine auf ihn einhageln, bricht diese fremde, diese göttliche Liebe aus ihm heraus: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.“ Diese Liebe überwindet den Hass.
Die Geschichte von Stephanus lässt uns ahnen, was diese Liebe Gottes bewirken kann. Sie durchbricht unser übliches Spiel von „Wie du mir so ich dir“, sie berechnet nicht, hat kein Kalkül. Es ist diese Liebe, die uns als Gemeinden in aller unserer Unterschiedlichkeit im Kern zusammenhält. Es ist diese Liebe, die auch die Gräben der Konfessionen aufgebrochen und uns aufeinander zubewegt hat. Es ist diese Liebe, die wir auch im letzten Jahr bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen erleben konnten. Und ich nutze diese Gelegenheit, um mich nochmals von Herzen bei Ihnen allen und der Seelsorgeeinheit Allerheiligen zu bedanken, wie sehr Sie sich alle im vergangenen Jahr eingebracht und engagiert haben. Wir haben vielleicht wie Stephanus den Himmel ein Stück offen gesehen, als hier in St. Stephan hunderte junge Menschen aus allen Kontinenten und vielen verschiedenen Konfessionen Gott gemeinsam gelobt haben und eine Gemeinde gebildet haben.
Für diese Liebe lohnt sich der Einsatz, für diese fremde und alle Gegensätze überwindende Liebe ist letztlich auch Stephanus gestorben. Es geht nicht darum, sich aufzuopfern, sein Leben dranzugeben, um diese Liebe spüren zu können. Diese Liebe deckt eben nicht einfach alles zu und lässt alles über sich ergehen. Aber sie fordert uns heraus, sie legt sich quer zu dem, was wir gewohnt sind. Sie drängt uns dazu, über sie zu reden, ihr Raum zu geben. Gott in der Mitte.
Dieses Zeugnis bleibt für andere oft so fremd wie Gott selbst es ist. „Ihr werdet um meinetwillen gehasst werden, aber wer standhaft bleibt bis ans Ende, der wird gerettet.“ Jesus warnt vor falscher Friedfertigkeit. Vor Opportunismus, davor, einfach nach dem Mund zu reden. Ob die Kirche Jesu Christi ihrem Auftrag gerecht wird, ist eben nicht an ihrer gesellschaftlichen Anerkennung oder am ihrem Mitgliederstand ablesbar – übrigens auch nicht umgekehrt, als ob wenige Mitglieder ihre gesellschaftliche Bedeutung herabsetzen würden. Entscheidend ist, ob sie sich so an Jesus Christus orientiert, dass sie auch um des Bekenntnisses willen das in Kauf nimmt, was Jesus im Evangelium andeutet.
Wenn wir dies ernst nehmen, dann ist der klare Auftrag der Kirche, der Auftrag an uns alle, in einer orientierungslosen Gesellschaft unsere Orientierung an Jesus Christus zu bezeugen. Und damit berühren wir im Kern das ökumenische Miteinander. „Ihr sollt eins sein“, sagt Jesus im Johannesevangelium, „damit die Welt glaube, dass Gott mich gesandt hat“. Die Kirche wächst nicht durch Strategien oder Projekte, so sagte es Papst Franziskus beim 70. Geburtstag des Ökumenischen Rates der Kirche in Genf, sie wachse aus der Begegnung mit Jesus Christus und der lebendigen Beziehung zu ihm. Nur ein gemeinsamer missionarischer Schub könne die Einheit voranbringen. Gehen, Beten, Arbeiten – das sind die Schritte, die Franziskus den Kirchen mit auf den Weg gegeben hat.
Am 19. Oktober 1945 wurde in Stuttgart von dem damals gegründeten Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland das sogenannte Stuttgarter Schuldbekenntnis gesprochen. In diesem Bekenntnis heißt es: „Wohl haben wir im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregime seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Dieses Schuldbekenntnis war keine harmlose Selbstanklage. Gerade in seinen Komparativen – mutiger, treuer, fröhlicher, brennender – macht es klar, dass es die Halbheiten des Bekennens waren, die die eigentliche Sünde der Christen und der Kirche darstellten.
Bekennen und Beten, Glauben und Lieben haben eben allzu schnell Halt gemacht, bevor andere sich dagegen aufgelehnt haben. Vielleicht ist es genau das, was uns auch heute als Kirchen fehlt.
Die Liebe Gottes ermutigt uns, als Kirchen gemeinsam zu einem mutigeren Bekennen, zu treuerem Beten, zu fröhlicherem Glauben und zu brennenderer Liebe. Zu einem Bekenntnis, das auch den unbequemen Folgen nicht ausweicht. Das nicht auf den eigenen Komfort, sondern auf Gottes Reich in dieser Welt ausgerichtet ist.
Jesu Worte, ja Gott selbst bleibt eine Herausforderung. Jesus zu bekennen, ihm nachzufolgen heißt, zuerst nach dem Reich Gottes zu trachten und nach seiner Gerechtigkeit. Es heißt eben dann in letzter Konsequenz auch, Leid zu tragen, sich nicht mit aller Gewalt durchsetzen zu wollen, heißt, das Böse mit Gutem zu überwinden. Es gilt, darum zu ringen, was das Wesentliche im Glauben und Leben ist, was Jesus lehrt und wie wir uns danach richten können.
So wünsche ich mir von Herzen, dass wir alle gemeinsam Stephänler werden. Nachfolgerinnen und Nachfolger des ersten Märtyrers, der für dieses Bekenntnis, für diese alles durchbrechende Liebe Gottes, sein Leben hingegeben hat.
Nicht dass wir nun alle den Märtyrertod suchen, das hilft der Mitgliederkrise der Kirche am wenigsten. Und das meint auch Jesus im Evangelium nicht. Matthäus hatte vielmehr die ersten Missionare im Blick und machte ihnen Mut, dass sie auch in schwierigen Situationen wie vor dem Gericht, ja selbst im gewaltvollen Tod, der damals ja viele Christen traf, von Gott nicht allein gelassen sind. Für viele Christen in aller Welt ist Ablehnung und Verfolgung bis heute bittere Realität. Für uns in einer noch recht guten Lage kann dies aber ein Ansporn sein.
Dass wir als Stephänler gemeinsam mutiger werden und auch mögliche Konsequenzen nicht scheuen. Dass wir alle faulen Kompromisse aufgeben, dass wir uns nicht durch Struktur- und Finanzdebatten oder auch die Frage nach den Mitgliederzahlen lähmen lassen und uns nur noch mit uns selbst beschäftigen. Dass wir den Glauben wagen und uns auch in den unbequemen Situationen nicht davon verabschieden. Dass wir lernbereit bleiben, stets neue Sichtweisen und Erkenntnisse zulassen, miteinander und voneinander lernen und andere Traditionen und Glaubensweisen als Gewinn für unser eigenes Leben entdecken.
Die Vielfalt der Konfessionen, die verschiedenen Lebensorientierungen und kulturellen Ausprägungen des Christentums sprechen unterschiedliche Menschen an. Das ist eine legitime und hilfreiche Vielfalt. Doch ohne das Streben nach Einheit bliebt die Vielfalt ziellos. Das gemeinsame Zeugnis für Jesus Christus eint die Kirche und muss noch sichtbarer werden, denn darin zeigt sich diese Liebe Gottes, die alles durchbrechen und alles verwandeln kann. Wir dürfen nicht hinter das zurückfallen, was wir als Kirchen in der Ökumene schon erreicht haben, sondern im Gegenteil noch mehr und intensiver nach der Einheit suchen. Das Gebot der Stunde ist Zusammenarbeit, wo immer auch möglich. Wenn die Liebe Christi in uns lebendig ist, dann treibt sie uns an und voran. Nur aus unserer Begeisterung für die Botschaft Jesu Christi kann die Spaltung geheilt und überwunden werden.
Wir müssten Gott kennen, um zu wissen, was Liebe ist. Im Glauben können wir diese Liebe ergreifen. Der Glaube vertraut dem, der die Welt überwunden hat. Dieser Glaube ist aber kein Kissen, auf dem ich mich ausruhen kann, sondern eine hohe Decke, nach der ich mich strecken muss. Aber er schenkt mir tiefes Vertrauen und eine neue Zuversicht. Auch wenn ich es selbst nicht ergriffen habe, bin ich doch selbst ergriffen. Ich darf an der Hand Gottes durchs Leben gehen, denn diese Hand lässt mich nicht los. Und wenn ich auch immer wieder meinen Ansprüchen oder auch den Ansprüchen des Evangeliums nicht gerecht werden, wenn ich Fehltritte mache und an vielen Stellen auch versage, dann kann mir das nichts anhaben. Ich bin in das Buch des Lebens eingetragen, ich bin bei meinem Namen gerufen, weil Gott in Jesus auf diese Welt gekommen ist und wir durch ihn zumindest ahnen können, was Liebe ist. Weil diese Liebe mich umfängt, weil diese Liebe sich für mich hingegeben hat. Das macht ruhig und unruhig zugleich. Denn diese Liebe des Reiches Gottes lullt nicht ein, sondern bewegt uns. Sie ist die Macht des Aufbruchs.
Amen.
