Schwestern und Brüder!
Letzte Worte haben es in sich. Letzte Worte artikulieren das Vermächtnis, fassen noch einmal zusammen, worauf es ankommt. Von Goethe wird überliefert, dass er vor seinem Tod gesagt haben soll: „Mehr Licht!“ Seitdem rätselt man, ob es ihm nur um die Zimmerbeleuchtung ging oder ob nicht doch die ganz große Erleuchtung gemeint war. Von Martin Luther ist als letzter Satz festgehalten: „Wir sind Bettler, das ist wahr“. Ein Zeichen der Demut, die einem Theologen gewiss nicht schlecht ansteht.
Weniger demütig, eher leicht genervt soll Philipp Melanchthon auf einem Zettel am Nachttisch „Gründe, den Tod nicht zu fürchten“ notiert haben. Einer der Gründe ist, dass er mit dem Tod der „rabies Theologorum“, der Streitsucht der Theologen entkomme. Von Karl Marx sind die letzten Worte überliefert: „Hinaus! Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben!“ – Aber bitte gehen Sie nun nicht hinaus. Es geht heute ja nicht um die letzten Worte eines Sterbenden, sondern eines Auferstandenen. Es geht um die letzten Worte Jesu, die dieser nach dem Matthäusevangelium zu seinen Jüngern gesagt hat.
Ich lese Matthäus 28, 16-20. Dieser Bibeltext steht über dem heutigen Auftakt der Evangelischen Allianzwoche.
16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. 17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. 18 Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Auch das sind letzte Worte, aber es sind letzte Worte, die einen Anfang setzen. Es sind Abschiedsworte, aber zugleich sind es Worte, die vom Bleiben reden, vom Bleiben bis ans Ende der Welt, für alle Zeit. „Ich bin bei euch“ – das ist die Verheißung, mit der er seine Jüngerinnen und Jünger aber nicht zum Ausruhen einlädt, sondern sie auffordert, hinauszugehen. „Gehet hin! Machet zu Jüngern! Taufet! Lehret!“
„Gott lädt ein – Vision for Mission“, so lautet das Thema der Allianzgebetswoche. Damit wird ein Bogen geschlagen, den wir hier in diesen Worten und dem Auftrag Jesu bereits nachzeichnen können.
Gott wohnt nicht fern im Himmel, er thront nicht in seliger Selbstgenügsamkeit wie die griechischen Götter auf dem Olymp. Gott tritt aus sich heraus, um mit und bei den Menschen zu sein. Er kommt auf uns zu, lädt uns ein, Friede und Gemeinschaft mit ihm selbst zu stiften und geschwisterliche Gemeinschaft unter den Menschen herzustellen. Er ist der „Immanuel“, der „Gott mit uns“. Gott selbst ist der Ursprung der Mission. Gott lädt ein als der dreieinige Gott. Er ist in sich selbst schon Beziehung und Liebe – und an dieser Liebe will Gott uns teilhaben lassen und durch uns und seine Kirche alle Menschen dazu einladen.
Das Neue Testament trennt nicht zwischen Mission und Kirche, vielmehr ist Mission Quelle und Auftrag der Kirche. „Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche“, so steht es auch in dem 2011 vom Ökumenischen Rat der Kirchen, der Weltweiten Evangelischen Allianz und der römisch-katholischen Kirche verabschiedeten Dokument „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“.
Wenn man Mission von der Bibel her versteht und deutet, dann wendet sich der sogenannte Missionsbefehl auch gegen alle Missbräuche in der Missionsgeschichte. Mission ist Ausdruck der Liebe des dreieinigen Gottes. Mission will Menschen befreien von Abhängigkeiten und Angst. Mission bringt etwas, was niemand in der Welt zu geben vermag: das Leben Gottes selbst. Nur Gott schenkt dem Menschen ewiges Leben, das ihm nicht mehr genommen werden kann. Die Umkehr des Menschen will nicht als Knechtung und Herrschaft verstanden werden, sondern soll Freiheit der Liebe und Freude der Wahrheit ans Licht bringen. Gott will den Dialog und ein Ja des Glaubens, das aus freier und persönlicher Überzeugung gesprochen werden will.
Für die ersten Christen war die Verkündigung dieses Glaubens an Nichtjuden ein wesentlicher missionarischer Schritt. Über die Frage der Beschneidung und das Halten der Gebote von Nichtjuden brach ein heftiger Konflikt aus, doch in der Konzentration auf die gemeinsame Sendung konnte die drohende Spaltung überwunden werden.
Daher gehören auch Ökumene und Mission unaufgebbar zusammen. Gemeinschaft in der Evangelischen Allianz und weit darüber hinaus. Wesentliche Meilensteine des ökumenischen Prozesses verdanken sich der Einsicht, dass die Kirchen nur gemeinsam ein lebendiges Zeugnis von Jesus Christus und seiner Botschaft ablegen können. Auch bei unterschiedlichen Auffassungen von Mission und Ökumene wurde immer mehr deutlich, dass ökumenisches missionarisches Engagement nicht nur Ausdruck eines gemeinsamen Auftrages, sondern Wesen der Kirche und Motor für die sichtbare Einheit ist.
Wenn Mission offenbar notwendig, ja das eigentliche Wesen der Kirche ist, kann es ja nicht vorrangig um den Erhalt der eigenen kirchlichen Strukturen, sondern nur um das Wachsen des gesamten Leibes Christi gehen. Es geht um das Heil der Menschen und ihre Teilhabe am Leib Christi – egal an welchem seiner Glieder.
Gott lädt ein – Vision for Mission. Was also ist unsere Vision? Angesichts der aktuellen Situation gilt es, unseren gemeinsamen Auftrag des dreieinigen Gottes aufzugreifen und Wirklichkeit werden zu lassen. Ein solcher Schub muss an der Wurzel ansetzen, nämlich an der gemeinsamen Hinwendung zu Gott, zum Evangelium, zum lebendigen Wort Gottes, zu Jesus Christus selbst. Wir sitzen alle im gleichen Boot, aber wir müssen auch in die gleiche Richtung rudern. Es geht bei unserem Auftrag nicht um theologische Spitzfindigkeiten, sondern darum, das Evangelium zu verkünden.
Die Vielfalt der Konfessionen, die verschiedenen Lebensorientierungen und kulturellen Ausprägungen des Christentums sprechen unterschiedliche Menschen an. Das ist eine legitime und hilfreiche Vielfalt. Solche Vielfalt soll und darf aber nicht zu einem orientierungslosen Pluralismus führen, gemeinsames Zeugnis und gemeinsames Handeln müssen und dürfen nicht die Identität der einzelnen kirchlichen Partner zerstören. Das Haus des Vaters hat viele Wohnungen, aber alle Kathedralen, Kirchen, Kapellen und Gemeindehäuser sind auf das gleiche Zentrum ausgerichtet und haben das gleiche Fundament, dem einen Zweck zu dienen: dass Menschen Gott begegnen und sich dadurch als Schwestern und Brüder erkennen. Ohne das Streben nach Einheit bliebt die Vielfalt ziellos.
Dazu eine Anregung: Für alle Kirchen, die in der Ökumene verbunden sind, ist das Nicänische Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 325, das sogenannte große Glaubensbekenntnis, Grundlage und Bekenntnis ihres Glaubens. Dieser gemeinsame Glaube eint die Kirche. Sollten wir nicht auf dieser gemeinsamen Basis uns immer wieder neu zusammenfinden und unser gemeinsames Zeugnis sichtbarer machen? Im nächsten Jahr wird dieses gemeinsame Bekenntnis 1700 Jahre alt. Und es ermutigt uns schon heute, dieses Bekenntnis mit anderen zu teilen. Geht, tauft, lehrt!
Wenn wir an Gott, den Vater und Schöpfer glauben, bedeutet das nicht, dass wir unseren Mitmenschen schuldig sind, ihnen an dem Vertrauen Anteil zu geben, das dieser Glaube schenkt? Dass Gott ein Freund des Lebens ist und jede und jeden in seiner Hand hält? Dass wir gemeinsam als Kirchen die Sorge um die Schöpfung teilen und uns dies mit allen Menschen verbindet?
Wenn wir an Jesus Christus glauben, der zu unserem Heil von Himmel gekommen ist und für uns gestorben ist, bedeutet das nicht, dass wir unseren Mitmenschen schuldig sind zu sagen, dass Gott in Jesus von Nazareth auch für sie gestorben ist? Wenn nahezu alle Kirchen in der Rechtfertigungslehre übereinstimmen, wie es 1999 auch in der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre festgehalten wurde, dann müssten wir doch allen mitteilen, dass sie den Wert und die Würde ihres Lebens nicht selbst verdienen müssen, sondern über jedem Leben das Ja Gottes steht?
Wenn wir als Kirchen gemeinsam an den Heiligen Geist glauben, der Herr ist und lebendig macht, schulden wir dann nicht unseren Mitmenschen das Bekenntnis, dass nicht die Mächte der Zerstörung das letzte Wort haben, sondern dass Gott durch seinen Geist, dessen Wirken vom Wesen seiner schöpferischen und rettenden Liebe geprägt ist, Leben auch angesichts des Todes schenkt, Versöhnung bewirkt und Frieden schafft?
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft im Heiligen Geist. Wenn dieser Glaube an den dreieinigen Gott in uns lebendig ist, dann treibt uns das an und voran.
Es braucht eine aufrüttelnde Initiative für die geistliche Ökumene auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Kirche. Wo wir als Kirchen die Aufmerksamkeit von uns selbst, den eigenen Argumenten und Formulierungen auf das Wort Gottes lenken, das in der Welt gehört, angenommen und bezeugt werden will, dann wächst unsere Einheit.
Jesus hat uns seine letzten Worte als Auftrag und Zusage geschenkt. Aus Liebe zu uns und allen Menschen. Das tragende Fundament, der wesentliche Grund der Einheit, in der Gott sich mit den Menschen und die Menschen untereinander verbindet, ist die Liebe, seine Liebe zu uns allen. Und in dieser Liebe soll all unser Tun geschehen. Daran erinnert uns auch die aktuelle Jahreslosung: „Alles, was ihr tut, geschehe in der Liebe!“
Wenn wir in der Liebe Christi bleiben, schenkt sie uns neue Kraft und stärkt uns im gemeinsamen Aufbruch. Deswegen lassen Sie uns in dieser Woche und im ganzen Jahr miteinander darum beten, dass wir als Kirchen und jede und jeder von uns dies neu entdecken. Wir haben die Verheißung: Ich bin bei euch alle Tage. Darum: Geht! Gott, unser Vater und Schöpfer, Jesus, unser Bruder und Herr, dem alle Macht gegeben ist und der Heilige Geist, unser Tröster und Beistand ist mit uns. Heute – morgen – und alle Tage.
Amen.
