Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Festgemeinde,
Was sie wohl so miteinander geredet haben, die Menschen, die vor 150 Jahren hier in Graben den Gottesdienst in der neuen Kirche besucht haben?
Vielleicht hat eine Frau ihrer Freundin einen Brief gezeigt, über den sie sich sehr gefreut hat. Ein Brief ihrer Cousine die 15 Jahre zuvor mit ihrem Mann in die USA ausgewandert ist, weil die Lebensbedingungen und der Hunger hier in der Gegend nicht mehr auszuhalten waren.
Zwei andere haben sich vielleicht wieder einmal darüber unterhalten, wie gut es doch für Graben war, dass seit 1870 die Eisenbahnstrecke von Mannheim nach Karlsruhe führte und die Eisenbahn hier stoppte und dass jetzt, nach dem Ende des deutsch-französischen Kriegs durch den Frankfurter Frieden das Leben erträglicher wurde und die Bevölkerung wuchs.
Vielleicht geht einem aufgeweckten jungen Mann noch durch den Kopf, was er in der Karlsruher Zeitung gelesen hat: dass in den USA die Herren Levis und Davis eine absolut robuste Hose namens Jeans mit Nieten patentieren ließen. So eine hätte er auch gerne.
Wer weiß, auf jeden Fall wären sie sicher erstaunt, wenn sie uns heute sähen. Denn auch wenn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der technische Fortschritt immens war: Die Menschen konnten sich bestimmt nicht vorstellen, dass man eines Tages auf den Mond fliegen würde, dass Frauen in der Regierung vertreten sind, dass Menschen zwar noch die Uhr aus der Hose ziehen – die Armbanduhr gab es eh noch nicht – aber nicht, dass das ein kleiner Computer sein würde – unverstehbar und unvorstellbar.
150 Jahre, das ist eine lange Zeit, da geht es nicht nur um die nahe Vergangenheit unserer Eltern und Großeltern, in der es auch schon anders war als heute, und für manche natürlich auch viel besser. Nein, zwischen 1873 und heute trennen uns Welten und Weltwirren.
Es gibt aber auch Dinge, die uns verbinden. Die konkreten Sorgen und Fragen mögen andere gewesen sein, aber sie waren im privaten, wie im gesellschaftlichen Kontext ebenfalls enorm. Früher war keinesfalls alles besser. Die Zukunft war und ist offen.
Und natürlich ganz aktuell: Wir sitzen in der gleichen Kirche und feiern Gottesdienst, fast auf den Tag genau. Da ist etwas durch die Zeiten hinweg offensichtlich beständig geblieben, der Glaube an den dreieinigen Gott ist bewahrt worden, hat sich weitergetragen von Generation zu Generation.
In gewisser Weise hat sich der Wunsch, der in der Gründungsurkunde formuliert wurde, erfüllt. Denn da hieß es:
Möge, solange dieses Gotteshaus steht, darin nichts Anderes erschallen, als die lautere Predigt des Göttlichen Wortes und das furchtlose Bekenntnis unseres teuern evangelischen Glaubens, damit die Gemeinde auferbaut und erhalten werde auf dem ewigen Grunde: Jesus Christus, welcher feststeht. (1. Kor 3, 11: Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Christus Jesus.)
Die Gemeinde ist erhalten worden und ist heute in einer enormen Vielfalt unterwegs. Als ich mich vor kurzem einmal auf der Homepage tummelte, dachte ich: „Wow, da gibt es unglaublich viele Kreise und Gruppen, vor allem auch für jüngere Menschen.“ Es gibt Kitas, an den Schulen findet RU statt. Der CVJM ist aktiv – auch schon seit 140 Jahren. Hier sind eine Lebendigkeit und ein großes Engagement in jeder Hinsicht wahrnehmbar. Beides strahlt aus.
Und es wäre zu wünschen, dass auch in 150 Jahren in Graben-Neudorf noch Gottesdienste gefeiert würden und Menschen da sind, die von Gott weitererzählen. Und Pfarrer Willunat hat im vorletzten Gemeindebrief ja geschrieben, dass das Jubiläum auch Antrieb geben soll, nach vorne zu schauen und „Feuer zu entfachen“.
Beim Nachdenken über das Fest heute, kam mir ein Abschnitt aus dem Hebräerbrief in den Sinn, der ein Impuls sein könnte für ein gutes Weitergehen.
Dort heißt es im 10. Kapitel, 23+24:
Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; und lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.
Festhalten am Bekenntnis der Hoffnung. Für den Verfasser des Hebräerbriefes ist es klar, was das ist: Es ist die Radikalität der Gnade Gottes. Durch Jesus Christus trennt nichts, aber auch gar nichts von der Zuwendung Gottes. Steile Theologie, wenn Sie so wollen. Aber es lohnt sich, das ein wenig auszuloten.
Festhalten ist ambivalent. Sich gut festzuhalten hilft in so manchen Situationen. Und es ist manchmal sinnvoll an etwas festzuhalten, weil es sich lohnt, z.B. an gemeinsamen Mahlzeiten in der Familie. Festhalten an Gewohntem mögen wir gerne. An bestimmten Traditionen, bestimmten Lebensstilen und Gepflogenheiten. Das war schon immer so und muss so bleiben. Das Gewohnte ist uns Heimat. Loslassen tut weh.
Dem gegenüber steht jedoch die Erfahrung, dass das Leben, privat wie gesellschaftlich, immer mit Veränderungen einhergeht. Das fängt bei der Einschulung an und macht vor beruflichen Veränderungen nicht halt. Scheidung, Krankheit, Tod fordern immer wieder Umdenken und Umsortieren des Lebens.
Technische Entwicklungen verändern die Welt, seit ChatGPT diskutieren wir darüber, dass Maschinen ganz gut Reden schreiben können, vielleicht auch Predigten?
Aber auch andere ethische Fragen fordern uns immer wieder neu heraus.
Auch in unserer Landeskirche gibt es Veränderungen, die mit äußeren Gegebenheiten zu tun haben. Allerdings gehörte es auch unabhängig davon sozusagen zu unserer Kirchen-DNA, dass wir immer wieder neu überlegen, wie wir unsere Kirche gestalten. Was gilt es loszulassen oder zu verändern und woran halten wir sinnvollerweise fest?
Haltet am Bekenntnis der Hoffnung fest, ermutigt der Hebräerbrief. Ich habe es eben bereits angedeutet. Dieses Bekenntnis der Hoffnung ist das Bekenntnis zu Jesus Christus. Denn für den Verfasser des Hebräerbriefes zeigt sich in Christus die Liebe und Gnade Gottes, in ihm verheißt Gott den Menschen seine Liebe und Nähe bis über den Tod hinaus. Nichts kann den Menschen trennen von dieser Liebe und Gnade Gottes.
Darauf zu vertrauen, das bedeutet Glauben. So heißt es im 11. Kapitel des Hebräerbriefs: Glaube ist eine gewisse Zuversicht auf das, was man hofft.
Glauben ist nicht zu verwechseln mit Wissen. Glauben bedeutet, sich einzulassen auf die Rede von Gott mit allen Zweifeln, vertrauen allein auf das Wort. Hoffen eben.
Am Bekenntnis der Hoffnung festhalten, bedeutet letztlich, von Christus her zu denken und zu handeln und dies immer wieder hineinzubuchstabieren in die eigene Zeit.
Jesus Christus hat von der Nächsten- und Feindesliebe gesprochen. War solidarisch mit randständigen Menschen. Er hat geheilt und aufgerichtet, versöhnt und satt gemacht. Durch sein Tun hat er gezeigt, wie die Welt sein könnte und die Hoffnung auf eine friedliche und gerechte Welt genährt. Darauf zu schauen, hilft / gibt die Richtung vor bei der Beschäftigung mit ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen.
In Vers 24 spricht der Hebräerbrief auch davon, was es heißt, von Christus her in der Gemeinde zu leben: Und lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.
Aufeinander achthaben, füreinander da sein, Anspornen. Darüber bin ich gestolpert: über das Anspornen. Da steckt etwas Frisches drin, motivieren, sich gegenseitig inspirieren, auf gute, neue Ideen bringen. Das ist toll, wenn das gelingt, denn wenn man motiviert ist, tut man etwas mit Lust und das steckt an. Aus dieser Haltung heraus lässt sich gut Gemeinde lebendig gestalten.
Das Bekenntnis der Hoffnung hineinzubuchstabieren in die eigene Zeit meine ich auch ganz konkret. Wie sprechen wir verstehbar vom Glauben – gerade auch mit Menschen, denen die überkommenen Formeln und Traditionen nichts sagen?
Die Schule fand ich da immer einen hilfreichen Ort. Die Rede von der Sünde und vom Opfertod Jesu, damit können junge Erwachsene nichts anfangen – so meine Erfahrung. Aber im Gespräch können sie sehr wohl etwas damit anfangen, dass sie angenommen sind, wie sie sind. Dass Zweifel zum Glauben dazu gehören, dass Gott begleitet, egal wie das Leben so spielt. An unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten können ganz bestimmte Botschaften besonders wichtig sein.
Am Bekenntnis der Hoffnung festhalten, die Botschaft von Gottes Liebe hineinzubuchstabieren in die je eigene Zeit, das schenkt die nötige Gelassenheit, mit Veränderungen, die das Leben mit sich bringt, umzugehen. Und es schenkt die Freiheit, neue Fragen und Herausforderungen anzugehen, macht auch Lust, neu zu gestalten, auch innerhalb von Gemeinde Kirche.
Graben-Neudorf in 150 Jahren, da wage ich überhaupt keine Prognose. Ich kann schon die Frage nicht beantworten, was es heute Abend zu essen gibt. Wobei das natürlich auch nicht das Wichtigste ist.
Den Rat des Hebräerbriefes, den finde ich zukunftshelfend und ermutigend:
Haltet an dem Bekenntnis zur Hoffnung fest – denkt, prüft und handelt von Jesus Christus her, schaut immer wieder neu, was es bedeutet, von der Gnade Gottes zu reden.
Komme dann was mag.
Amen
