Liebe Gemeinde,
Weiter sehen – so lautet der Titel eines melancholischen Buches von Esther Kinsky über die Wiederbelebung eines alten Kinos in Ungarn. Darin schreibt sie: Sehen ist eine Fertigkeit, die man erlernt. Eine Fähigkeit, derer man sich langsam bewusst wird. Wenn man will.
Sehen können und richtig Hinsehen, Wahrnehmen was ist und über das Gesehene hinaus, also weiter sehen, sind zwei verschiedene Dinge.
Vom Sehen, vom genauen Hinsehen und Weiter Sehen, handelt auch der Predigttext von der Speisung der 5000.
Jesus sieht sehr genau hin. Er sieht, wie es den Menschen geht.
Die Jünger kommen zu Jesus zurück, sie haben viel zu berichten, es liegen anstrengende Zeiten hinter ihnen, in denen sie unterwegs waren, den Menschen von Gott erzählten und Gutes taten. Jesus sagt zu ihnen: Ruht euch aus.
Er sieht: Das ist jetzt am wichtigsten, Essen und Ausruhen. Es mag intensive Phasen geben und wenn das Herz für etwas brennt, wird nicht auf die Uhr geschaut. Aber auf Dauer geht Verausgabung an die Kräfte und es braucht wieder Abstand zu dem Geleisteten. Das ist eine Alltagserfahrung. Zur Arbeit gehören Pausen und die Unterbrechung des Tuns durch Nicht-Tun ist wichtig. Um gestärkt zu werden, um nicht zu vergessen, dass wir als Menschen vor Gott mehr sind als das, was wir leisten und leisten können.
Ruht ein wenig. Ein fürsorglicher Rat, der auch im Blick auf das haupt- und ehrenamtliche Tun in unserer Kirche hilfreich ist. Im Moment sind viele Mitarbeitende an vielen Orten stark gefordert.
Was sollen wir noch alles tun?, bekomme ich immer wieder in unterschiedlicher Weise zu hören. Und es stimmt auch. Wenn in einer Gemeinde jemand eine gute Idee hat, deren Umsetzung Zeit und Energie kostet, dann muss etwas anderes in diesem Moment zurückstehen.
Zum Tun gehört das Lassen und es ist ein gutes Zeichen, dass an vielen Stellen darüber diskutiert wird, was tun wir, wo entlasten wir uns, wo gibt es Freiräume, neue Ideen zu entwickeln.
Jesus sieht sehr genau hin. Er sieht, was Menschen brauchen.
Das mit dem Rückzug an einen ruhigen Ort klappt nicht so ganz. Die Menschen folgen ihnen, weil sie mehr von Jesus und den Jüngern haben wollen. Irgendetwas an deren Worten und Taten hat sie angesprochen. Jesus sieht das, es jammerte ihn, sie erinnern ihn an das Bild von den Schafen ohne Hirten, ein Bild für einen Verlust. So als wäre ihnen Gott abhanden gekommen.
Jesus erfüllt ein Bedürfnis nach geistiger, geistlicher Nahrung, er fängt eine lange Rede an.
Was genau er sagt, wird nicht berichtet, das wird schon im Hier und Jetzt damals gepasst haben. Vielleicht hat er mit ihnen über Gerechtigkeit gesprochen, über Gleichberechtigung von Frauen und Männern, über die Wichtigkeit von Kindern, oder er hat mit ihnen über Versöhnung nachgedacht, über Gott, über gute und falsche Gottesbilder, über Gemeinschaft, über Nächsten- und Feindesliebe und die Fürsorge für die Schwachen. Vielleicht hat er sie an den Frieden gemahnt, an die Achtung eines jeden Menschen.
Alles Themen, von denen er immer wieder geredet hat, vor allem aber die er gelebt und umgesetzt hat, was in ihm und durch ihn erfahrbar wurde.
Was Jesus und die Jünger zu sagen haben, was sie tun, das berührt. Es sind – sehr verkürzt – gute, ins Herz gehende Botschaften, die bis heute notwendig sind: Du bist geliebt. Du bist wichtig. Das Leben ist mehr als nur Essen und Trinken. Es braucht eine Welt der Gerechtigkeit und Frieden.
Jesus sieht sehr genau hin. Er sieht weiter, sieht überraschende Möglichkeiten.
Gegen Abend ist es genug mit den Worten. Der Hunger, die körperlichen Bedürfnisse sind da. Die Menschen brauchen etwas zu essen.
Die Jünger sehen das und denken gleich an das Naheliegende: die Menschen sollen für sich selbst sorgen. Jeder und jede so wie er oder sie eben kann. Denn sie sehen sich außerstande, für alle zu sorgen.
Jesus fordert sie auf, nachzusehen: Wie viele Brote habt ihr, geht hin und schaut nach. Was die Jünger sehen und berechnen ist in ihren Augen hoffnungslos. Wir können nichts machen. Es reicht nicht für alle.
Aber Jesus sieht weiter. Jesus sieht die Möglichkeiten, die da sind. Fünf Brote und zwei Fische. Die fängt er an auszuteilen. Und was passiert ist etwas Wunderbares: am Ende werden alle satt. Vielleicht weil das Reden gewirkt hat und die Menschen wie Jesus angefangen haben, weiterzuteilen. Dann reicht es eben doch, weil die einen den anderen abgeben, wie naheliegend und doch erst einmal wohl nicht selbstverständlich.
Die Geschichte von der Speisung der 5000 zeigt in wunderbarer Weise wie Reden und Tun, Wort und Tat, zusammengehören. Jesus predigt. Wir brauchen es, nachzudenken über Gott und Welt, neu auszuloten, was es heißt, zu glauben heute im Hier und Jetzt.
Aber die ganz elementaren Bedürfnisse nicht zu übersehen, ist genauso wichtig: ein Dach über dem Kopf, ein Stück Brot, eine Decke, eine helfende Hand, eine Ausbildungsstelle, Kleidung.
Heute feiern wir 100 Jahre Diakonieverein Stephitho. Das ist ein schöner Anlass, dankbar zu sein. Dankbar zu sein, dass vor 100 Jahren auf die Initiative des damaligen Stadtvikars Paul Rösger hin sich Menschen zusammentaten und den damals so genannten evangelischen Gemeindepflegeverein für Daxlanden und Grünwinkel gründeten.
In diesen 100 Jahren ist viel passiert und wir werden nach dem Gottesdienst noch durch den Vortrag von Dr. Wennemuth viel über die spannende Geschichte des Vereins hören. Aber ich will zwei Dinge daraus hervorheben.
Zum einen: Der evangelische Gemeindepflegeverein hatte die Aufgabe, das evangelische Bewusstsein zu stärken aber auch Einrichtungen und Werke christlicher Nächstenliebe zu fördern und zu stützen.
Und die Werke christlicher Nächstenliebe sind einfach ganz konkrete Taten, die ganz konkrete Nöte lindern. Von Anfang an war also im Blick, dass Wort und Tat zusammengehören. Dies geschah vor allem durch die Krankenpflege, die durch die Anstellung einer Krankenschwester und der Zusammenarbeit mit dem Diakonissenmutterhaus in Rüppurr möglich wurde. Von daher wurde der Verein einfach Krankenpflegeverein genannt.
Sich um Kranke in der Gemeinde zu kümmern, wurde als selbstverständliches Werk christlicher Nächstenliebe angesehen.
Das gehört natürlich auch zum Selbstverständnis der Diakonissen, die ihre vielfältigen Dienste in Bildung und Krankenpflege aus ihrem tiefen Glauben heraus taten.
Das Verbinden von Wunden, das regelmäßige Nachschauen, was das Fieber macht, die Beratung, die lindernde Salbe, die Spritze, die vielen Nachtwachen - in der Person der Diakonisse begegnete einem Evangelium, frohe Botschaft.
Und das andere: 1928 kam es zur Vereinigung des Krankenpflegevereins und des bereits vor diesem in Daxlanden schon lange existierenden Kinderschulvereins, der ebenfalls eine Krankenpflegeschwester für Kinder unterhielt. Der neue evangelische Gemeindepflegeverein Albpfarrei umfasste die gewachsenen Regionen Daxlanden-Grünwinkel-Strandsiedlung.
Er nimmt in seiner Satzung nun auch Aspekte in Blick, die das Gemeinschaftsleben fördern und fühlt sich für die Gestaltung des nun kirchengemeindlichen Alltags verantwortlich.
So kommen auch Chorgesang, Frauen- und Mädchenarbeit, Jugendarbeit sowie die Errichtung eines Pfarr- und Gemeindehauses zur Umsetzung dieser Ziele hinzu. Auch im gemeinschaftlichen Miteinander ist Evangelium erfahrbar.
Im Laufe der 100jährigen Geschichte hat sich einiges verändert. Aber es ist wunderbar, dass es den Verein bis heute gibt, wenn auch die Anstellung einer Krankenschwester nicht mehr dazu gehört. Und bis heute ist der Verein dem Gemeindeleben und der tätigen Nächstenliebe verpflichtet. Bis heute sehen Sie also genau hin, wo Sie unterstützen können und was Sie zur Gemeinschaft in der Hoffnungsgemeinde beitragen können.
Ich finde mit diesem doppelten Blick können Sie auch gut weiter gehen. Was braucht es jetzt und hier? In welcher Notsituation können wir wie helfen? Wie können wir das Gemeinschaftliche pflegen?
Ich wünsche Ihnen im Verein und in der Hoffnungsgemeinde, dass Sie sich das, was Sie die letzten 100 Jahre ausgezeichnet hat, diesen doppelten Blick, auch in Zukunft bewahren können. Evangelium in Wort und Tat, Hinsehen und Weiter Sehen.
Amen.
