Liebe Gemeinde,
ich liebe biblische Wundergeschichten. Es ist immer wieder schön, zu sehen, wie in diesen Erzählungen einer Haltung des „so ist es nun mal und muss so bleiben“ widersprochen wird und wie gesellschaftliche Gegebenheiten in Frage gestellt werden. Das zeigt sich beispielsweise in der Geschichte von der Heilung des blinden Bartimäus.
Blind zu sein in der Antike bedeutete, auf der Stufe von Armen oder Waisen zu stehen, also nicht wirklich dazuzugehören. Man galt als nicht leistungsfähig und war auf Almosen angewiesen. Geduldet, notdürftig versorgt, am Rande der Gesellschaft stehend.
Der Evangelist Markus erzählt, wie Jesus aus der Stadt Jericho hinausgeht, um ihn herum viele Leute. Bartimäus sitzt bettelnd außerhalb und bekommt das mit. Er macht, was ihm möglich ist, er ruft laut: Jesus, erbarme Dich, macht auf sich aufmerksam. Aber – so Markus: Viele fuhren ihn an, er sollte schweigen. "Fall nicht auf", ist die Devise. "Was willst du denn, so ist es nun mal, du kannst da jetzt nicht hin, du bist nicht wichtig genug."
Aber Jesus hört ihn, bleibt stehen und sagt zu den Umstehenden: Ruft ihn her. Und Bartimäus kommt angesprungen, zu Jesus in die Mitte. Bartimäus ist nicht mehr am Rand, sondern nun mitten unter den anderen. Jesus heilt ihn und am Ende heißt es auch von ihm, er folgte Jesus nach.
Bei allen Wundergeschichten, so auch beim Bartimäus, zeigt sich das Wunderbare nicht nur im Geheiltwerden an sich, sondern in dem, was bei der Begegnung mit Jesus passiert. Und da ist immer die Zuwendung Jesu spürbar, die die üblichen Maßstäbe überwindet.
Da werden alle satt, niemand wird verurteilt, Gemeinschaft wird wieder hergestellt. Wundergeschichten sind Sehnsuchtsgeschichten, sie verweisen auf ein Ganzwerden bei Gott, aber zugleich verweisen sie darauf, dass sich ungute Verhältnisse, Hunger, Armut, Ausgrenzung auch heute schon überwinden lassen.
Vesperkirchen speisen sich aus dieser allen zugewandten, helfenden Haltung Jesu. Sie tragen dazu bei, dass bedürftige, am Rand stehende Menschen Gemeinschaft, Obdach, warme Räume und Unterstützung erleben. Vier bis sechs Wochen lang geht es darum, ein Miteinander zu gestalten, bei dem eine ordentliche warme Mahlzeit genauso selbstverständlich ist, wie vielfältige praktische Hilfs-Angebote und die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Das ist schön, aber noch schöner wäre es, es bräuchte keine Vesperkirchen. Denn jede Vesperkirche, hier in Pforzheim wie an anderen Orten, weist auch immer darauf hin, dass vieles noch längst nicht gut ist. Dass Unterstützung und Teilhabe von bedürftigen Menschen längst nicht ausreichend oder gar selbstverständlich ist.
Und wenn ich lese, dass um die 20% der Bevölkerung in Deutschland von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind, dann stehen dahinter ganz viele einzelne Menschen, für die das bedeutet, ständig rechnen zu müssen: Wie lange und wofür reicht das Geld? Und zugleich bedeutet es, auch zu vielen, für andere selbstverständlichen Dingen, keinen Zugang zu haben.
Es bedeutet wenig Möglichkeiten, sich gesund und abwechslungsreich zu ernähren, eingeschränkte digitale Teilhabe, schlechtere Bildungschancen, die vor allem die Kinder treffen, Nachteile bei der Wohnungssuche und vieles mehr.
Dazu kommt, was viele Betroffene sagen: Das Geld ist das eine, verletzend ist häufig die Sichtweise der Anderen, die wahrnehmbaren Hintergedanken, die seien doch selbst schuld, oder dass weggeschaut wird, dass man einfach an vielen Stellen außerhalb steht.
So freue ich mich natürlich, dass in den nächsten Wochen in der Stadtkirche diesem Außerhalb-Stehen in Pforzheim etwas entgegengesetzt wird und wir heute 25 Jahre Vesperkirche Pforzheim feiern.
Denn das heißt auch: seit einem Vierteljahrhundert, bis heute, gibt es jedes Jahr dieses wichtige soziale Ereignis in der Stadt Pforzheim. Ganz viele Ehrenamtliche engagieren sich, organisieren, kochen, gestalten das Miteinander, und vor allem – laden die Stadtgesellschaft dazu ein. Das ist wunderbar.
Amen
