Predigt beim Gottesdienst zum 75jährigen Jubiläum des Posaunenchors Wössingen, 21.04.2024 (Prälatin Heide Reinhard)

Liebe Gemeinde,
 
Der Duft von frisch geschnittenem Holz. Blumen schneiden in Mutters Rosengarten. Mir jeden Tag Orangensaft leisten, manchmal sogar frisch gepresst. 
 
Was Sie gehört haben, sind alles Antworten auf die Frage "Was mein Leben reicher macht?". Die Wochenzeitung Die ZEIT veröffentlicht solche Antworten auf diese Frage immer auf der letzten Seite, Woche für Woche. "Was mein Leben reicher macht": 
 
Meine Schwiegereltern, die sich für die Enkel hinter Schränken verstecken.
Zum Friseur gehen und endlich einen Pony schneiden. 
Der friedvolle Abschied unserer Großmutter (91). 
 
Oder auch:
 
Die syrische Familie, der meine Frau ehrenamtlich Deutsch beibringt.
Der Barrista am Hbf, der mir 2x die Woche ohne Aufforderung und mit einem Lächeln meinen Zimt-Milchkaffee hinstellt.
 
Meine Stieftochter findet die Rubrik ganz toll und liest diese – wie sie sagt – immer als Erstes, weil die Aussagen sie anrühren und weil sie dann selbst ins Nachdenken kommt.
 
Ich habe mich gefragt, ob diese Rubrik nicht auch überschrieben werden könnte mit "Was mich glücklich macht oder wofür ich dankbar bin"?
Doch was bedeutet Glück überhaupt und was heißt denn "glücklich machen"? Könnte man einen Satz wie "der friedvolle Abschied unserer Großmutter" mit Glück in Verbindung bringen? 
 
In der Rede vom Glück steckt viel Zufälliges, Momentanes und Herausgehobenes. Das aktuelle Super-Gefühl, wenn die Mathearbeit gut ausgefallen ist oder ich den ersehnten Job bekommen habe, das Schwebe-Gefühl, wenn ich verliebt bin oder mein Kind geboren ist. 
 
Und Dankbarkeit? Dankbarkeit hat zum einen mit Höflichkeit zu tun, geht von einem Geben und Nehmen aus. Danke sagen zu können ist wichtig. Kinder lernen so, dass vieles im Leben nicht selbstverständlich ist, Danke sagen zu können, drückt aus: "Ich seh dich!". Bedeutet, dass wir wertschätzend mit Dingen und Menschen umgehen. Allerdings kann sie auch missbraucht, also erzwungen, werden. Du musst doch dankbar sein, wenn ich dir helfe – heißt es dann.
 
Wenn ich mich frage, was mein Leben reicher macht, dann schließt das Dankbarkeit und Glücksmomente unbedingt mit ein, ist aber weiter gefasst, alltäglicher gedacht und es wird persönlicher, ganz individuell. Deshalb lade ich sie ein, 1 Minute mal für sich über diese Frage nachzudenken. Was mein Leben reicher macht?
... 
 
Jetzt sind ganz viele Gedanken im Raum und vielleicht geht es Ihnen wie mir. Das, was mir eingefallen ist, löst Zufriedenheit aus, mir wird warm ums Herz und ich bin froh und – dankbar. Für den Menschen, die Gelegenheit, die Sache, an die ich denke. Dankbarkeit ist also manchmal mehr als reine Höflichkeit, ist mit Empfinden verbunden, das ihr voraus geht. 
 
In den Psalmen der Bibel ist viel vom Danken und vor allem vom Loben die Rede. Gedanken über das, was mir Gutes widerfährt, führen zum Lob Gottes. So wie in Psalm 145, der mit folgenden Worten beginnt:
 
Psalm 145,3-8
Der HERR ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich. Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine gewaltigen Taten verkündigen. 
Sie sollen reden von deiner hohen, herrlichen Pracht; deinen Wundern will ich nachsinnen. Sie sollen reden von deinen mächtigen Taten, und ich will erzählen von deiner Herrlichkeit; sie sollen preisen deine große Güte und deine Gerechtigkeit rühmen. 
Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

Psalm 145 ist ein reiner Lobpsalm. Das Schwere, die Klage, hat an anderer Stelle ihren berechtigten Raum. Doch es gibt Zeiten, da ist vieles gut. Und für den Beter, die Beterin ist das jetzt gerade so. Und so ist der Blick frei auf das, was das Leben auch durch den Glauben reicher macht. 
 
Da ist die Rede von der Pracht und Größe Gottes. Der HERR ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich.
 
Diese Worte erinnern an das Schöpferwirken Gottes. Der Blick geht hinaus in die Welt und im Lob klingt das Staunen an, das einen ergreifen kann angesichts der Schönheit der Natur oder wenn etwas von der Schöpferlust Gottes spürbar wird: das Wimmeln der Fische im Meer, die Vielfalt der Vögel, Sonnenuntergänge, Nachthimmel, Frühlingsblumen. Obstgerüche. 
 
Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine gewaltigen Taten verkündigen … deinen Wundern will ich nachsinnen 
 
Im christlichen Glauben geht es nicht um eine Lehre, sondern um Erfahrungen, die sich weitererzählen lassen. All die Taten, die sich in den Geschichten niedergeschlagen haben, die bis heute faszinieren und Grund geben zu hoffen und zu vertrauen. Wie Gott Abraham und Sarah in ihrem ganzen Auf und Ab des Lebens begleitet. Die Erzählung von der Befreiung Israels aus Ägypten, wie Gott aus Ungerechtigkeit herausführt. Das kleine Kind Jesus in der Krippe, wie Gott nahe kommt. In der Bibel findet sich ein Geschichtenschatz, der trägt und stärken kann.
 
Die Geschichten, die zum Wunder werden, weil sie anders ausgehen, als erwartet. Dass Menschen satt werden können, dass Wege zum Frieden gegangen werden können. Dass einer dem anderen hilft und nicht einfach weitergeht.
Der Vers 8 fasst zusammen, was in all diesen Erzählungen deutlich wird:
Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.
 
Psalm 145 lobt Gott für all das Schöne und Gute im Leben. Dabei werden allerdings keine konkreten Dinge genannt. Dass der Zahnarzt nicht gebohrt hat oder dass die Blumen blühen. Aber diese Offenheit lässt Raum, um uns mit unseren eigenen Erfahrungen, einzutragen. 
Eben mit unseren Antworten auf die Frage, was mein Leben reicher macht.
 
Aber auch Antworten auf Fragen wie: Was ist schön? Was gelingt mir? Was stärkt mich? Was gibt mir ein gutes Gefühl? Und auch: Wie kann es in schweren Situationen weitergehen? Wo kann ich noch einmal neu anfangen?
 
Denn die Güte und Barmherzigkeit Gottes schließt auch die Erfahrung von Schwerem mit ein. Getragen zu sein, Beistand zu haben, Trost zu erfahren. Auch darin zeigt sich die Güte und Barmherzigkeit Gottes, dass er uns nicht alleine lässt.
 
Viele Psalmen werden übrigens König David zugeschrieben. Wenn wir auf das Leben Davids schauen, dann gibt es vieles, das ihm zu den Versen ebenfalls konkret in den Kopf kommen könnte:
Die Freundschaft mit Jonathan: Jonathan, der Sohn des König Sauls, der zu ihm hält, ihm in der Not hilft, mit dem er Gedanken teilen kann und der zu ihm hält auch gegen seinen Vater, der David nach dem Leben trachtet. 
Freundinnen und Freunde sind ein Grund, sich zu freuen und dankbar zu sein.
 
Oder auch die Musik. David – so wird erzählt – konnte wunderbar Harfe spielen. Das hat ihm und anderen sicher immer wieder gut getan, getröstet, fröhlich gemacht. Was Musik von Bach bis Taylor Swift eben so kann.
 
Die Musik ist auch heute ein Grund, um sich zu freuen und deshalb auch dankbar zu sein.
Denn heute feiern wir das 75. Bestehen des Posaunenchores in Wössingen. Ein Grund, heute fröhlich zu sein, die Spielfreude zu spüren und zu genießen. Erfreut und getragen werden von der Musik.
 
Ich meine, dass Sie im Posaunenchor und Sie alle hier aus Wössingen angesichts dieses Jubiläums ganz viel nennen können, was ihr Leben im Ort durch den Chor reicher machte und bis heute macht.
Im Blick auf die Geschichte passen da sicher folgende Antworten:
Dass sieben junge Männer vor 75 Jahren Lust hatten zu musizieren und einen Chor gründeten.
Dass die Spiellust sich fortgesetzt hat und der Posaunenchor Wössingen so vielfältige Musikstücke im Programm hat, von Bach bis heute.
Dass der Chor ganz viel zum Leben im Dorf beiträgt.
 
Das ist wunderbar 
Gott sei Dank dafür.
Amen.