Liebe Festgemeinde,
kennen Sie Topfschlagen? Dieses lustig-lebendige, laute Spiel ohne das – zumindest in meiner Kindheit – kein Geburtstag sein konnte. Fröhlich ausgelassene Spielrunden, in denen die Zeit einen Moment oder Nachmittag lang still zu stehen blieb und es das Wichtigste war, blind auf dem Boden zu krabbeln, den Topf zu treffen und die darunterliegende Bonbon-Belohnung zu erhalten.
Heute spielen Kinder andere Spiele, aber es gibt vermutlich kein Fest, ohne irgendwelche Besonderheiten oder Rituale, seien die Feste gesellschaftlich-allgemein, kirchlich oder familiär-individuell. Und egal, ob Kinder an Weihnachten in Brasilien Pappfiguren zerschlagen, damit die Bonbons hervorregnen oder Tortenkerzen ausgeblasen werden: Wenn wir feiern, dann zeigt sich das auch an ganz äußerlichen Dingen und Fragen wie: Was gibt es zu essen? Was zieh ich an? werden wichtig.
Ich weiß sehr wohl, dass es auch unter uns – ich sag mal – Feier-Muffel gibt und dass es Situationen gibt, in denen einem nun wirklich nicht zum Feiern zumute ist. Aber – wie auch immer – ich nehme Sie jetzt einfach mal hinein in ein paar Festgedanken. Denn gerade an Geburtstagsfeiern wird viel von dem deutlich, was das Feiern grundsätzlich ausmacht:
Beim Feiern wird der Alltag unterbrochen. Für ein paar Stunden ist man ihm sozusagen enthoben und das Alltägliche, damit auch manch Nerviges, Anstrengendes, Schweres ist zurückgedrängt, begrenzt. Das Leben, wie es auch ganz anders sein könnte: leicht und fröhlich.
Wenn Geburtstag gefeiert wird, dann zeigt das dem Geburtstagskind: Du bist wichtig, wir feiern, dass Du da bist und das ist schön. Egal, wie sehr wir uns manchmal auch ärgern. Aber: Du bist wichtig. Das muss ab und an gesagt werden.
Geburtstage, Feste, sind Anlässe, zusammenzukommen. In größerer, oder auch kleinerer Runde. Man kann alleine feiern, absolut. Aber sobald ein paar Leute da sind, sitzen manchmal ganz unterschiedliche Menschen am Tisch. Und im Idealfall sind die Unterschiede dabei in den Hintergrund gerückt, weil im Fest eine Gemeinschaft entsteht, die ihren Grund nicht darin hat, dass alle gleich sind, sondern durch etwas anderes – den Anlass, den/die Gastgeber/-in, das Fest – miteinander verbunden sind.
Bei Geburtstagen reihen sich die Jahre aneinander, da schaut man auch zurück. Ist dankbar, oder bewertet das Vergangene neu. Zugleich ist jeder Geburtstag nur ein kurzer Moment des Innehaltens, denn es geht ja weiter, das Leben, und die Zukunft ist offen. Vergangenheit und Zukunft stehen nebeneinander. Geburtstage sind, eigentlich wie alle Feiern, Schwellenmomente.
Von einem solchen Schwellen-Moment berichtet das 8. Kapitel des Nehemia-Buches im Alten Testament. Die zusammengehörigen Bücher Esra-Nehemia erzählen überhaupt von einer ganz besonderen Situation. Sie spielen in Jerusalem, im 5. Jahrhundert vor Christus. Etwa 150 Jahre zuvor, war Jerusalem eingenommen worden von den Babyloniern, das Volk Israel in großen Teilen weggebracht ins babylonische Exil. Als sich die Weltlage ändert, erlaubt der nun herrschende persische König Kyros die Rückkehr nach Juda. Die Zurückgekehrten können nach und nach, über Jahre hinweg, die zerstörte Stadt, den Tempel und dann auch eine Stadtmauer wieder aufbauen.
Und nun, im 8. Kapitel des Nehemia-Buches, wird eben davon erzählt, wie die Menschen, nachdem auch die Mauer wieder steht, zusammenkommen und Esra, der als Priester im Tempel wirkt, Worte aus der Thora, den 5 Büchern Mose, verliest. Er erinnert so an den Auszug aus Ägypten, an die guten Gebote Gottes und es wird deutlich, wie diese Erinnerung anrührt und den Menschen weh ums Herz wird.
In diese Situation hinein sagt ihnen Esra, Folgendes:
Nehemia 8,10: Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet davon auch denen, die nichts für sich bereitet haben; denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn. Und seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.
Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke. Fette Speisen und süße Getränke, das ist nichts Alltägliches, es sind Sinnbilder für Ausgelassenheit und Festlichkeit.
Feiert jetzt, diese Aufforderung kommt überraschend.
Denn nach den schmerzhaften Erfahrungen der Vergangenheit ist der Neuanfang eine ambivalente Sache. Tempel und Mauer stehen zwar, ein Anfang ist gemacht, aber noch ist vieles unsicher. Zerbrochen ist das Vertrauen in Sicherheiten und Beständigkeit. Nachvollziehbar die Ängste, ob der Neuanfang gelingen möge. Dabei ist die Gefahr groß, die Vergangenheit nostalgisch zu verklären – früher war mehr Lametta. Oder auch nur noch traurig zu sein, weil es eben doch nicht mehr so ist, wie zu alten Zeiten. Und es ist eine offene Frage, wie das Alte sich in neuer Zeit bewahren lässt.
Aber wenn Esra an Mose, den Bundesschluss, die guten Gebote Gottes erinnert, dann erinnert er an das, was trägt, was Bestand hat trotz aller Zukunftsfragen: Gottes Gegenwart und Treue.
Deshalb schließt Esra seine Vorlesung mit „Feiert“, das ist der, das ist euer Moment. Weil es Gottes Moment ist: denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn. Feiert also, macht ein richtiges Fest, denn Gott ist wesentlich zuversichtlicher.
Gott freut sich für das Volk. Und wenn Gott sich freut, wer sollte da nicht feiern? Was die Zukunft bringen wird, ja, das ist ungewiss aber der Neubeginn ist nicht völlig offen, denn das, was das Vergangene und die Zukunft verbindet, ist die Gegenwart Gottes. Und so ist die Aufforderung zum Feiern zugleich die Aufforderung, Gott zu vertrauen. Der Moment des Neu-Anfangens ist für sich etwas wert. Denn er birgt die Hoffnung, dass es gut werden kann.
Und wenn Gott feiert, dann sind da alle hineingenommen: Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet davon auch denen, die nichts für sich bereitet haben; ...
Wer in Gottes Namen feiert, der hat auch die anderen im Blick. Wir haben als Lesung vorhin das Gleichnis vom großen Gastmahl gehört. Eine Geschichte, die nicht nur, aber auch, Kinder sehr anrührt. Denn niemand ist ausgeschlossen. Das ist ja bei Kindergeburtstagen eine wichtige Frage: Wer ist eingeladen? Und das Gefühl des Nicht dazu Gehörens ist ein furchtbares. Bei Gott wird diese Grenze nicht gezogen. Alle – klein, groß, dick, dünn, alt, jung, ferne, nahe – sind eingeladen.
Feiert, teilt das Essen und nehmt alle mit hinein in die Freude. Wozu Esra in Nehemia 8 einlädt, ist quasi ein erstes Geburtstagsfest. Der Blick zurück macht dankbar: Die Stadtmauer steht, ein Anfang ist gemacht. Doch der Blick nach vorn ist zögerlich.
Und so gilt der letzte Satz auch wie eine grundlegende Aufforderung: Seid nicht bekümmert, die Freude am Herrn ist eure Stärke.
Ein wichtiger Satz, hineingesprochen in zweifelnde Herzen und hängende Köpfe. Dieser Satz fordert nicht auf, zum ständig gute Laune haben und fröhlich zu sein. Das geht ja auch überhaupt nicht. Und es bedeutet schon gar nicht, dass ich mich zwingen muss, zu lächeln, wenn mir nicht danach zumute ist. Eben kein „Think positive“. Es ist vielmehr ein tröstlicher Hinweis auf das, was tragen kann in und durch das Leben. Das stärkt, um mit Veränderungen klarzukommen und die Hoffnung zu bewahren, dass Schweres begrenzt ist.
Seid nicht bekümmert, die Freude am Herrn ist eure Stärke. Dieser Satz erinnert an das, was beim Weitergehen hilft und aufrichtet: zu leben aus dem Vertrauen darauf, dass Gott da ist und zu wissen, ich bin bei ihm willkommen. Es bedeutet, sich der Zuversicht Gottes zu überlassen, sich auf seine Treue zu verlassen, der bei mir bleibt und zu mir hält.
Jedes fröhliche Fest, das wir feiern, jede Unterbrechung und Begrenzung des Alltags, in dem Schweres gerade keinen Platz hat, jede Gemeinschaft, die wir pflegen, erinnert daran. Lässt etwas aufblitzen von der Güte und Freundlichkeit Gottes. – Auch hier im Diakonissenhaus wird ja viel gefeiert: Tanz in den Mai, ...
Wenn wir heute das Jahresfest des Diakonissenhauses feiern, dann ist das auch so ein Geburtstagsfest mit allem Drum und Dran. Es wurde mit Liebe vorbereitet, gebacken. Es gibt nachher noch etwas zu essen, wir feiern und sind heute dankbar für all das Gute, was durch die Diakonissen bewirkt wurde.
Heute ist auch so ein Schwellenmoment. Zu dem es gehört, zurückzuschauen, auf das, was war, auf das letzte Jahr, aber auch auf 173 Jahre voll an wichtigen, aber auch wechselhaften Erfahrungen. Da war nicht alles einfach und die Weltläufe haben denn auch das Zusammensein und die Ausgestaltung der Arbeit beeinflusst. Da hat sich vieles immer wieder verändert. Da ist manches weggefallen oder dazu gekommen.
Aber es sind auch Dinge, die sich durchziehen, wie die grundsätzliche Haltung der Diakonissen, die sich ausdrückt in der Frage: Wo werden wir gebraucht?
Waren das über viele Jahrzehnte die Krankenpflege und die Kinder, so ist das heute hier in Rüppurr die Altenpflege. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe, die Sie sich hier stellen.
Und etwas, das auch gleich geblieben ist, das ist die grundlegende Offenheit und Verbundenheit mit ganz vielen Menschen aus nah und fern. Die Bezüge hinein nach Rüppurr und die offenen Türen, die in beide Richtungen offenstehen. Und viele sind eingeladen und gekommen. Das zeigt, wie wichtig das Miteinander ist. Viele Menschen sind mit dem Diakonissenhaus seit Jahren verbunden, aber auch vernetzt in den Stadtteil hinein.
So wird heute – wie vermutlich auch an jedem Jahresfest – etwas sichtbar von dem, was das Gleichnis vom großen Gastmahl verheißt. Der Alltag geht weiter, wir leben in die Zukunft hinein, aber in den Alltag hinein nehmen wir etwas mit von dem, was darin deutlich wird: die Zusage Gottes: Egal, was kommt, ich bin da.
Mit einer solchen Haltung kann man weitergehen und sich der Zuversicht Gottes überlassen. Deshalb ist der Hinweis auf die Freude Gottes als Stärke ein Satz, der mit in den Alltag hineingehen kann. Er ruft uns zu: vertraut Gott und feiert.
Amen.
