Schwestern und Brüder,
beten Sie vor dem Essen? Mit ist es seit meiner Kindheit ein wichtiges Ritual, in meiner Familie wurde und wird vor jeder noch so kleinsten Mahlzeit gebetet. Und je älter ich werde, desto wichtiger ist mir das Innehalten vor dem Essen geworden.
„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird, denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“ (1 Tim 4,4-5)
Das ist ein kurzer Abschnitt aus dem ersten Timotheusbrief im vierten Kapitel. Dieser kurze Satz ist der Predigttext für den Erntedanksonntag.
Danksagung ist das Stichwort. Tischgebete sind mehr als nur kurz Danke zu sagen. Ein Tischgebet gibt uns Zeit, kurz innezuhalten, markiert auch einen gemeinsamen Anfang. Gemeinsam begeht man am Tisch einen Moment der Achtsamkeit.
Das Tischgebet wurde mir auch deswegen zum liebgewordenen Ritual, weil es lebendiger Ausdruck meines Glaubens und immer und überall möglich ist. Ich muss mir dafür nicht extra Zeit schaffen, gegessen wird ja irgendwie immer.
Das Tischgebet lehrt mich Dankbarkeit allen Menschen und Händen gegenüber, die dafür gesorgt haben, dass ich so gut essen kann. Es lässt mich demütig werden, wenn ich daran denke, wie viele Menschen keinen so gut gefüllten Kühlschrank haben und oft nicht wissen, was oder wann sie das nächste Mal essen. Und diese Menschen leben nicht weit weg, sondern
oft genug in unserer Nachbarschaft.
Ein Tischgebet macht heilig, was ich empfange, und heiligt die Gemeinschaft, mit der ich es teile. Indem ich danke und bitte, dass mich das Essen an Körper und Seele stärkt, entsteht für mich eine besondere Verbindung zwischen dem Alltäglichen und dem Heiligen.
„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nicht ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird, denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
Geheiligt durch Gottes Wort? Ich denke an den Satz aus der Schöpfungsgeschichte „Gott sah, dass es gut war.“ Gott erschafft durch sein Wort. Er tritt in den Dialog und in die Kommunikation mit dem, was er erschafft. Seine Worte heiligen, weil etwas entsteht, sich bewegt, verändert, wächst. Gottes Wort macht satt, stillt Hunger: den Hunger nach Hoffnung, nach Gerechtigkeit, nach Heilung und Ganzsein.
„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird, denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
Geheiligt durch Gebet? Wenn ich bete, spüre ich dem nach, was mich gerade umtreibt. Positiv wie negativ. Ich fühle, was mich gerade stärkt und satt macht oder wonach es mich hungert und dürstet. Das gesprochene Wort im Gebet verwandelt dieses Empfinden in Bitte und Dankbarkeit.
Beim Tischgebet nehme ich mir auch den Moment, wahrzunehmen, wer da mit mir zum Essen am Tisch sitzt. Vielleicht kenne ich die Sorgen und Freuden, die den Menschen neben mir gerade beschäftigen. Ich kann die Sorgen in freiem Gebet aufnehmen, der Gemeinschaft Raum geben. Wir säen und wir ernten, nicht nur auf dem Feld, sondern wir säen und ernten
auch bei den Menschen, die unser Leben begleiten und unseren Hunger nach Freundschaft, Partnerschaft, Nähe und Beziehung stillen.
„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird, denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
Das Tischgebet lenkt uns weg von der Selbstverständlichkeit, mit der wir Lebensmittel empfangen und essen. Sie wissen ja wahrlich am besten, wie viele Faktoren zusammenkommen müssen, damit die Ernte gelingen kann: Es muss regnen, aber auch warm sein, der Boden muss fruchtbar sein, Sturm und Hagel dürfen nicht sein, kein Kälteeinbruch, es braucht ein Gefühl für Timing und jede Menge Menschen und Maschinen. Erntedank macht deutlich: Das Wesentliche wird mir geschenkt. Erntedank ist daher eine Lebenshaltung der Achtsamkeit und Dankbarkeit. All das, was wir täglich erfahren, ist nicht einfach selbstverständlich, sondern kommt letztlich her von Gott.
Dankbarkeit schafft Beziehung, zu Gott und zu den Menschen; Dankbarkeit ist Wertschätzung, ist die Fähigkeit, das Gute im Leben nicht einfach hinzunehmen. Das gilt bei weitem nicht nur am Erntedankfest. Denn es gibt doch vieles im Leben, das nicht so selbstverständlich ist, wie es uns oft scheint. Ein funktionierendes Elternhaus, eine gelingende Ehe, ein Arbeitsplatz, unsere Gesundheit. Und erst dann, wenn eines dieser selbstverständlichen Dinge in Gefahr gerät oder gar zerbricht, erst dann merken wir, wie wenig in unserem Leben selbstverständlich ist.
„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“
Manch einem von uns mag diese Danksagung allerdings schwer über die Lippen kommen: Sie arbeiten und schuften auf Ihren Höfen. Da hat man eine gute Ernte eingefahren oder ansehnliche Zuchterfolge vorzuweisen gehabt. Und dennoch lohnt sich die Arbeit nicht mehr. Viele von Ihnen haben sich daher auch Luft gemacht, haben gegen Einengungen und Kürzungen protestiert. Viele Forderungen sind noch offen.
Am Erntedankfest geht es nicht nur um einen traditionellen Termin in unserem Festkalender, sondern es geht auch um Verantwortung. Auch und gerade den Menschen gegenüber, die für unseren Lebensunterhalt sorgen und ihr Auskommen dafür benötigen.
In Baden-Württemberg sind wir gemeinsam im Gespräch – auch im Strategiedialog -, wir haben daraus jetzt einen Gesellschaftsvertrag, der aber nun auch von allen umgesetzt werden muss. Erntedank bedeutet, dass das Ziel einer gesunden Landwirtschaft in unserem Land uns alle angeht. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, nicht nur die der Landwirte.
Erntedank ist daher neben der Dankbarkeit und der Verantwortung auch Beziehung. Miteinander im Gespräch sein und bleiben, gemeinsam nach Lösungen suchen. Nur in gegenseitiger Wertschätzung und dem Respekt vor der jeweiligen Verantwortung werden wir die Probleme angehen können.
Klage und Protest haben ihre Zeit und Berechtigung – die Bibel ist voller Klagelieder, auch über schlechte Ernten und soziale Ungerechtigkeit. Aber auch das Reden hat seine Zeit und seine Berechtigung. Klage mündet in der Bibel oft darin, dass das Volk daran erinnert wird, was Gott allen zugesagt hat, dass er das Volk aus schweren Zeiten und scheinbar aussichtlosen Situationen befreit hat – und dass diese Zusage dazu führt, miteinander an einem Strang zu ziehen und als Volk, als Gesellschaft aufeinander zu achten und das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
Der heutige Erntedankgottesdienst ist keine fromme Fingerübung, mit der wir für einen Moment alles vergessen oder gar verdrängen, was uns belastet. Sondern er führt uns ins Danken, in Beziehung, er nimmt uns in Verantwortung.
Verantwortung, für unsere regionale Landwirtschaft zu sorgen und uns dafür einzusetzen, dass die Versorgung mit ausreichenden, gesunden und schmackhaften Nahrungsmitteln für alle möglich ist und alle, die in der Land-wirtschaft arbeiten, aus ihren Erträgen leben und wirtschaften können.
Verantwortung, gerade auch in den spürbaren Veränderungen durch den Klimawandel nach Lösungen zu suchen und miteinander das uns Mögliche zu tun, dieses Wunder der Schöpfung für alle fruchtbar zu machen und zu erhalten.
Beziehung, Dankbarkeit und Verantwortung. Vor einer Mahlzeit innehalten, einen Moment dankbar sein für die Güte Gottes und die Arbeit der Landwirte – das kann helfen, unsere Lebensmittel wieder achten und schätzen zu lernen und uns wieder auf das auszurichten, was zählt.
Es muss ja nicht so sein wie auf einer Karikatur, wo Eltern am Mittagstisch – etwas unsicher – zu ihren Kindern sagen: „Lasst uns heute mal vor dem Essen beten.“ Die Kinder fragen mit erschrockener Miene zurück: „Wieso, ist was mit dem Essen?“
Ja, es ist was mit unserem Essen: Wenn wir seinen Wert nicht mehr erkennen, sind wir arme Leute. Wenn wir angesichts der Überfülle in unseren Regalen vergessen, etwas gegen soziale Ungerechtigkeit und den Hunger zu tun, werden wir schuldig.
Wenn wir uns nicht um gerechtere Verhältnisse und gute Arbeitsbedingungen bemühen, dann verlieren wir unsere Menschlichkeit.
Als Kirchen und als Landwirtschaft sind wir mit der Natur, mit dem ländlichen Raum aufs Engste verbunden und verwurzelt. Es braucht meiner Meinung nach uns beide, um diese Verwurzelung zu stärken und zu erhalten. Lassen Sie uns daher alle Möglichkeiten und Chancen nutzen, wie wir miteinander unsere Verantwortung vor Gott und den Menschen in die Tat umsetzen.
Das alles schwingt bei mir im Tischgebet mit. Die kurzen Worte des Dankes, vielleicht auch nur still gesprochen, oder vielleicht auch nur in einem kurzen Moment der Stille, lassen meine Augen größer werden und lehren mich das Staunen. Sie lassen mich mit offenem Blick durch die Welt gehen und ihre Wunder entdecken, auch in meinem persönlichen Leben. Wenn ich bete, werde ich an meine und an unser aller Verantwortung erinnert. Auch an das Teilen.
Wenn ich bete, lasse ich mich nicht blenden von Hass, Gier und Ungerechtigkeit gegen Mensch und Tier.
Wenn ich bete, entdecke ich die Wohltaten Gottes, auch die Freiheit im Lassen. Beten erinnert mich daran, nicht rund um die Uhr funktionieren zu müssen, sondern dass das miteinander essen und feiern, reden und Gemeinschaft elementar sind für ein gesundes Leben.
So unscheinbar die Geste des Tischgebets ist, steckt doch so viel in ihm, das macht es für mich so kostbar. Denn es übt mich ein in die Lebenshaltung, die für uns alle überlebensnotwendig ist: Erntedank.
Amen.
