Schwestern und Brüder,
herzlich gratuliere ich den Bläserinnen und Bläsern, ja Ihnen als Gemeinde zum 75. Jubiläum Ihres Posaunenchors. Ich freue mich sehr, dass ich dieses besondere Ereignis mit Ihnen feiern darf.
„Lobet den Herrn mit Posaunen, lobt ihn mit Psaltern und Harfen!“, so haben wir gerade mit dem 150. Psalm gebetet. Dies ist sozusagen das Programm für den Posaunenchor, dessen Gotteslob wir genießen und an dem wir uns freuen und mit ihm einstimmen.
Pfarrer Johannes Kuhlo, der als Gründervater der evangelischen Bläserkreisbewegung in Deutschland gilt, hat gesagt: „Die Posaunenchöre sind Mitarbeiter am 150. Psalm. Wenn wir so wollen, beinhaltet dieser 150 Psalm mit seinem Ton und Takt ein Stück Dienstanweisung für unsere Berufung und unseren Zeugendienst als Bläser. Bei welchen Gelegenheiten wir auch spielen: Der Grundton – hörbar und unhörbar ist dieses einzigartige Halleluja.“
Dieses Halleluja klingt in so vielen verschiedenen Farben, auch in dunklen und schweren. Der 150. Psalm geht nicht fröhlich pfeifend über alles hinweg, was uns belastet. Der Psalm steht ja nicht einzeln und isoliert irgendwo, sondern er bildet der Abschluss des Psalmenbuches, das ganz wahrhaftig und schonungslos unser Leben in seinen Tiefen und Höhen vor Gott bringt und auslotet.
Aber das Halleluja klingt als Grundton immer durch. Und so ist wie alle Lieder und Musikstücke des Posaunenchors, mit dem auch Sie uns ihre Stimme geben, selbst in schweren und bedrückenden Zeiten Ihre Musik ein Vorgeschmack darauf, wie wunderbar es im Himmel klingen wird - und so mancher Ton klingt schon jetzt herüber und bringt uns alle ins Schwingen und schenkt uns Zuversicht und Hoffnung.
Wenn ein Posaunenchor sein Jubiläum feiert, dann liegt es nahe, ein solches Lied in den Mittelpunkt des Festgottesdienstes zu rücken.
„Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten.“ Dieses Lied wollten Sie gerne aufgreifen. Ein kurzes, kleines Lied zu einem ganz großen Thema.
Singen wir es mit dem Posaunenchor gemeinsam (Lied EG 421 mit Vorspiel).
Dieses Lied Martin Luthers gehört zu den Liedern, die mir durch und durch gehen. Ich kann mich an viele Gottesdienste und Situationen erinnern, wo wir dieses Lied im Stehen gesungen haben. Glaubensfest oder unsicher, aber oft mit Tränen in den Augen.
Luther hatte 1529 die Türkenkriege vor Au-gen. Er übernahm den Text von der lateinischen Antiphon „Da pacem, Domine“ aus dem 9. Jahrhundert. Können wir uns vorstellen, mit wem wir zusammen singen, wenn wir dieses Lied anstimmen, mit welchen Frauen, Männern und Kindern wir da bitten und beten, mit wem wir uns verbinden aus fast zwölfhundert Jahren Geschichte, gewaltgesättigter und blutgetränkter europäischer Geschichte – bis in unsere Zeit hinein?
Luther bleibt nah an der lateinischen Vorlage. Und doch prägt er die deutsche Fassung auf seine Art: Gleich am Anfang ergänzt er das „gnädiglich“. So möge Gott diesen Frieden verleihen. Das ist Gottes vielleicht erste, größte, schönste, freundlichste Eigenschaft: barmherzig, freundlich und gnädig ist er mit uns Menschen – und das ist die wohl wichtigste Botschaft, die wir Martin Luthers Reformation verdanken.
Bemerkenswert ist, dass die Melodie abgeleitet wurde vom Adventslied: „Nun komm, der Heiden Heiland“ (EG 4), welches wiederum im Lied „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ (EG 193) durchklingt.
Jesus Christus will Heiland für die Welt sein, auch für die, die einen anderen Weg zu Gott suchen. Wir dürfen ihn herbeibitten mit seinem Frieden.
Um Frieden muss man bitten, für ihn beten. Man muss sich auch um ihn kümmern. Frie-den braucht Kräfte, die für ihn streiten. Und das ist zuerst Gottes Sache, wird hier betont, doppelt sogar, durch Negation und Position: „…es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du unser Gott alleine.“
In diese Zeile möchte ich mich einfach nur reinfallen lassen, zustimmen, mitbeten. Es ist ein Gebet, ja - aber auch Bekenntnis und Predigt zugleich. – Naiv ist das überhaupt nicht, wenn wir glauben, dass Frieden uns geschenkt werden muss, sondern dieser Glaube ist erfahrungsgesättigt in jenen genannten zwölfhundert Jahren europäischer Geschichte. Frieden war selten, und doch heiß ersehnt von den Menschen.
Dieser „schalom“ der Bibel, der alles und alle umfasst. Der immer mehr meint als die Abwesenheit von Krieg: Frieden mit sich selbst, Frieden mit dem Menschen gleich neben mir. Frieden im Herzen aber auch in der Gesellschaft und unter den Völkern. Und wie nötig – leider - brauchen wir dieses Gebet in unserer Gegenwart.
Verleih uns Frieden gnädiglich. Singen wir eine neue Version des Liedes im blauen Gesangbuch unter der Nummer 202 (NL 202 mit Vorspiel).
Auch die neue, kirchentagsfröhliche Version hat mich schnell erobert. Wie eine junge Schwester des alten bringt es mich zum Pfeifen und Schwingen. Den ersten Teil, im Text getreu nach Luther - das hätte ihn gefreut - erlebe ich in der Melodie anspruchsvoll. Die beiden ersten Töne zu „Verleih“, die viertel und die halbe Note, laden zum Beten ein. Bei „gnädiglich“ geht es tiefer, zu uns hin, die wir Gnade brauchen. Die Anrede „Herr Gott“ führt uns mit der Melodie nach oben; bei „zu unsern Zeiten“ gehen wir, wie in der Wirklichkeit, durch Höhen und Tiefen.
„Denn du, unser Gott, alleine“ wird wiederholt, in Halbtonschritten, das ist erst wie eine Suche, dann wie ein hohes Bekenntnis. Und schließlich ein neuer Teil, leichter, fließender, aber ganz Anbetung: „Halleluja, Kyrie eleison, Herr Gott, erbarme dich!“ Lob und Bitte, Klage und Bekenntnis hart aneinander, wie es bei er Bitte um den Frieden nicht anders sein kann. Vielstimmig und mit Wiederholung.
Genau so haben auch die alttestamentlichen Propheten den Frieden und die Barmherzigkeit Gottes auch in politisch bedrohlichen Zeiten immer wieder zur Sprache gebracht. Unrecht, Selbstüberschätzung und Selbstvergottung töten den Frieden und Gewalttaten ge-gen andere sind ein Ausdruck von Gottesferne. So spitzt es der Prophet, der im zweiten Teil des Jesajabuches zum Volk Israel spricht, zu. Wir haben es in der Lesung gehört (Jes 42,1-12).
Das Volk Israel war nach der Eroberung Jerusalems ins Exil verbannt. Alles, was ihnen heilig war, war vernichtet oder zumindest in unerreichbare Ferne gerückt: das Land, das Gott Abraham und seinen Nachkommen gegeben hat; Jerusalem, die heilige Stadt, und der Tempel als der Ort, an dem Gott inmitten seines Volkes wohnt.
Der Prophet bleibt trotz der Bedrängnis seiner Tage selbstbewusst – nein: glaubensgewiss. Geknicktes Rohr, glimmender Docht – der Verzagtheit unterwirft er sich nicht: „Siehe, das ist mein Knecht, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Er wird das Recht unter die Heiden bringen. Und die Inseln warten auf seine Weisung.“
Jesaja tröstet sein Volk in der Gefangenschaft und will zugleich das Recht unter die Heiden bringen. Der Gottesknecht, von dem er spricht und dessen Identität nicht eindeutig ist, wird nicht mit Gewalt und Waffen den Frieden herbeiführen, sondern das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.
Der Evangelist Matthäus hat diese Worte auf Jesus Christus bezogen. Er ist der Friedensfürst ist, mit dem das Reich Gottes anbricht und auf dessen Vollendung wir warten. Dann wird der Friede für immer währen.
Eines Tages wird so weit sein, dass die Steppe blüht, dass der Lahme tanzt und der Blinde wieder sehen kann. Die Hoffnung des Glaubens streckt sich nach dem Ganzen aus, nach dem gelingenden Leben. Denn sie lebt aus der Gewissheit, dass Gott sieht, hört, heilt und rettet. Dass er den Frieden bringen wird.
Diese Zukunft wirft ihren Schein schon in die Gegenwart; sie hält die Flamme am Brennen; sie bewahrt die Schwachen davor zu zerbrechen.
Um diese Zukunft bitten wir, wenn wir singen „Verleih uns Frieden“, für diese Zukunft setzen wir uns ein, wenn wir so singen. Diese Zukunft spricht uns Jesus Christus selbst zu und entlastet uns auch davon, selbst alles richten und verändern zu wollen. Wir sind in seiner Hand, wie der Prophet sagt, wir werden an seiner Hand geführt, die uns in der Zuversicht auf Gott stärkt und in die Verantwortung für die Schwachen und Bedrohten leitet.
„Singt ein neues Lied“, ruft der Prophet uns zu, „seinen Ruhm bis an die Enden der Erde.“ Als Posaunenchor sind Sie mit Ihren Liedern und Ihrer Musik Botinnen und Boten dieses Friedenreiches, das schon jetzt in unserer Welt seine Spuren zeigt. Lieder des Friedens und der Versöhnung, des Lobes und der Trauer, der Gewissheit und des Suchens nach Barmherzigkeit und Gnade.
Ich danke dem Posaunenchor Sexau, dass er dies nun schon 75 Jahre lang in großer Treue und mit großer Ausstrahlung tut. Ich danke allen Bläserinnen und Bläsern für ihren Dienst und wünsche Ihnen, dass Sie noch viele solcher wohlklingenden Lieder anstimmen können, damit durch den Klang der Posaunen und Trompeten Menschen erinnert werden an den Gott, der das geknickte Rohr nicht zerbrechen, den glimmenden Docht nicht auslöschen wird. Der für uns streitet und uns den Frieden schenkt.
Und dieser Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
