Predigt beim Ordinationsgottesdienst in der Stadtkirche Karlsruhe, 03.03.2024 (Prälatin Heide Reinhard)

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
der Predigttext für den heutigen Sonntag ist ein kurzer Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief:
Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt. (1.Petrus 1,18-21)
 
Ein Text wie aus der Zeit gefallen. Verdichtet und abständig. Mit schweren Worten: Blut Christi – unbefleckt – Lamm – erlöst. Klar, da ist von Hingabe die Rede, vom Tod Jesu am Kreuz, vertraute Erzählung und doch manchmal so weit entfernt vom Heute.
 
Doch dann fallen mir eine Geschichte und eine Zeitungsnotiz ein.
Die Geschichte vom Franziskaner Maximilian Kolbe, der 1941 in Ausschwitz für einen jungen Mithäftling in den Hungerbunker geht und an dessen Stelle ermordet wird.  
Und eine Zeitungsnotiz vom Oktober 2023, die berichtet, dass Kardinal Pizzaballa, der katholische Patriarch von Jerusalem, Jordanien und Palästina, sich der Hamas als Geisel angeboten hat, damit Kinder freikommen. Allerdings vergeblich.
 
Absolut außergewöhnliche, eigentlich menschenunmögliche Hingabe. Es ist also nicht nur eine Frage der Zeit, sondern auch des Ortes und der Situation, wie verständlich Worte von Erlösung durch Hingabe sind.
 
„Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi“.
In der Zeit des Petrusbriefes wurden diese Worte sofort verstanden. Denn in der Antike waren Sklaverei und Unterdrückung, Unterschiede zwischen freien, stimmberechtigten Menschen und Menschen, die nicht für sich selbst entscheiden konnten, selbstverständlich.
Freikommen aus Abhängigkeiten konnte man nur, wenn jemand bereit war, einen auszulösen, also Geld zu bezahlen, und zwar den Wert, den man jemandem zuschrieb, aufgrund seines Nutzens oder seiner Leistung.
 
Genau diese Erfahrung steht hinter der Erinnerung: denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst, abgelöst, frei seid. 
Diese Worte verdeutlichen die Hingabe und wertschätzende Liebe Gottes, die eben an Jesus Christus und seinem Tod am Kreuz sichtbar wird. So wie man zu einem Kind sagt: Du bist unbezahlbar, kein Geld der Welt wiegt dich auf, so wertvoll bist du.
 
Und sie erinnern zugleich an die radikale Hingabe Gottes. Ich verlasse Dich nicht, ich mache Dich frei, von allem, was belastet und hoffnungslos aussieht. Ich teile mit Dir das Schwere und bin mit dabei, bis das Dunkel sich wandelt.
Denn wenn vom Kreuz gesprochen wird, dann ist das nicht zu hören ohne die Rede von der Auferstehung Jesu Christi. Gott hat „ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben…, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.“
 
In den wenigen Worten des Petrusbriefs kommen Weihnachten, Karfreitag und Ostern zusammen. Gott zeigt sich der Welt in diesem Jesus, wird ganz Mensch, klein und ohnmächtig, setzt ein Gegenbild zu allen, die Macht mit Gewalt gleichsetzen.
Er teilt in Jesus Christus das Leben bis in den Tod hinein, der unschuldig – deshalb das Bild vom Lamm - Ungerechtigkeit und Gewalt ausgesetzt ist. Tod und das Leiden sind sinnlos, aber damit nicht gottlos. Und die Rede von der Auferstehung macht beides auch nicht hoffnungslos.
Denn wenn der Tod nicht hoffnungslos bleibt, dann besteht auch Hoffnung auf das Ende aller zerstörerischen Verhältnisse in der Welt. Und so ist die Rede von der Auferweckung eine Einrede gegen die zerstörerische Logik unserer Welt, dass immer der Stärkere gewinnt.
Von der Auferstehung zu reden, entlarvt zerstörerische Macht und eröffnet Hoffnungsräume für friedliches und gerechtes Leben schon jetzt.
 
Glauben bedeutet dann ganz einfach oder schwer, sich auf diese Zusage Gottes einzulassen, ihm trauen und vertrauen und hoffnungsvoll zu leben. Damit zu rechnen, dass Gewalt, Hass und zerstörerische Lebensweisen ein Ende haben können. Und auch im Sterben nicht allein zu bleiben.
 
Der Petrusbrief erinnert die frühen Christen daran, dass mit ihrem Glauben etwas neu wurde, ihr Leben sich von dem ihrer Vorfahren unterscheidet. Es ist nicht nichtig, hoffnungslos, von Bewertungen anderer abhängig, sondern es ist wertvoll und sie können frei und furchtlos leben.
 
Frei und geliebt zu sein, das bewirkt etwas und verändert den Blick auf sich selbst und die Welt. Das verhilft zu einem kritischen Blick auf die eigene Zeit. Zu wissen, ich bin wertvoll, weil es mich gibt, ich bin geliebt, mit allen Licht- und Schattenseiten meines Lebens, da gehe ich aufrecht und selbstbewusst durch das Leben.
 
Mit dieser Erfahrung im Lebens-Gepäck, lasse ich mich nicht so leicht von falschem Machtgehabe beeindrucken und ich entwickle ein gutes Gespür dafür, wenn andere Menschen abgewertet, unterdrückt und ihrer Würde beraubt werden.
Dann werde ich hellhörig, wenn demokratische Grundsätze einer freien Gesellschaft angegriffen werden, wenn Menschenwürde und Rechte von Menschen, egal welcher Herkunft oder Religion missachtet werden.
 
Den Kirchen wird ja manchmal vorgeworfen, dass sie sich zu sehr auch in gesellschaftliche Diskussionen einbringen oder sich mit ethischen oder politischen Themen beschäftigen würden. Aber dies hat genau darin, im Evangelium von der befreienden Hoffnungs-Botschaft, seinen tiefsten Grund.
 
Liebe Ordinanden,
wir waren Anfang Februar zusammen mit Landesbischöfin Heike Springhardt vier Tage zur Vorbereitung auf die Ordination und den Start ins Pfarrerinnen- und Pfarrer-Dasein in Bad Herrenalb. Davon will ich zwei besondere Momente nennen.                 
 
Zum einen: Als es um die Frage ging, welche Pfarrerin, welcher Pfarrer möchte ich sein, da lautete Ihre Antwort: Wir haben diesen Beruf gewählt, um Menschen den Raum für Hoffnung zu geben. Damit sind sie am Kern des Evangeliums: Menschen Zuversicht zu schenken für ihr Leben.
Aber auch dem Unfrieden, der Zerstörung und Gewalt etwas entgegenzusetzen. Oder wie der eingangs erwähnte Kardinal Pizzaballa in einem Interview mit der ARD sagt:  Hoffnung bedeutet, daran zu glauben, dass es noch Raum dafür gibt, den Menschen Gutes zu wünschen und Freundschaft zu stiften.
 
Und das andere: In Bad Herrenalb haben sie sich mit dem heutigen Predigttext auseinandergesetzt. Sie haben sich an ihm gemüht, gerungen, ihn hinterfragt, an ihm gezweifelt, haben versucht, hinter die Worte zu schauen. Das war schön zu erleben.
Denn als Pfarrerinnen und Pfarrer haben Sie die Aufgabe, Menschen das Evangelium, die befreiende Botschaft von der Gnade Gottes verstehbar nahe zu bringen und dabei ist genau das eine wunderbare Haltung:            
Mit der Botschaft, mit den biblischen Überlieferungen immer wieder zu ringen. Sich den Worten auszusetzen, sie durchzukauen, um sie verstehbar zu entlassen, aus den Schreibtischstuben hinaus in die Welt.
Bei allem Glauben auch dem Zweifel Raum zu geben. Die Worte zu hinterfragen und sich selbst zu fragen, wie spreche ich verständlich und verstehbar, um Glauben und Welt zusammenzuhalten, um den Menschen und ihren Erfahrungswelten nahe zu bleiben.
 
Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich dieses Ringen bewahren können, damit Sie von Gott so erzählen können, dass Menschen durch den Glauben frei werden und aufrecht durch das Leben gehen können.
Amen.