Predigt in der Stadtkirche Karlsruhe, 20.10.2024 (Prälatin Heide Reinhard)

Liebe Gemeinde,
„Ich möchte, dass meine Geschichten gut ausgehen.“ Das sagte mir neulich eine Autorin, mit der ich am Rande einer Veranstaltung ins Gespräch kam und die mir erzählte, dass sie Drehbücher für Fernseh-Serien schreibt. Sie formulierte diesen Satz fast entschuldigend und ergänzte: „Ich war mal Spiegel-Korrespondentin, ich habe in meinem Leben schon sehr viel Schlimmes gesehen. Es reicht, es braucht die Hoffnung, dass es auch anders gehen kann.“
 
„Ich möchte, dass meine Geschichten gut ausgehen.“ An diesen Satz musste ich denken beim Lesen des Predigttextes – und auch beim Seufzen darüber:
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. (Matthäus 5, 38-48)
 
Ich habe vom Seufzen über den Text gesprochen. Denn mit dem Blick in die Zeitung, auf alltägliche Nachrichten von Krieg und Gewalt wiegen diese Worte schwer.
„… biete die andere Wange dar… liebet eure Feinde.“ Diese Aufforderungen mit Ohren von Menschen gehört, denen Übelstes angetan wurde, die Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit ausgesetzt sind, die Gewalt und Krieg erleben, klingen unmöglich, wenn nicht zynisch, auf jeden Fall geradezu utopisch.
 
Dabei sind es Worte, die darauf zielen, dass Böses und Gewalt überwunden werden können. Es lohnt sich auf die Feinsinnigkeit der Worte Jesu zu schauen. Auf das zweimalige „Ich aber sage euch“, weil das althergebrachte, das gewohnte „Ihr habt gehört“ eben nicht ausreicht, um auf Böses zu reagieren, nicht genügt, damit Geschichten gut ausgehen.
 
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist ein überliefertes Prinzip, um Rache, um die mörderische Spirale von Gewalt und Gegengewalt zu unterbrechen. Es geht dabei um ein rechtes Maß und um Verhältnismäßigkeit. Schaden wird wieder gut gemacht, aber nicht gerächt.
 
Für Jesus braucht es mehr, um dem Bösen zu begegnen. Die andere Wange hinhalten, den Mantel hingeben, das Obergewand, das selbst den Ärmsten noch bleiben sollte, damit sie darin schlafen können, eine Zwangsleistung über das Geforderte hinaus verlängern, diese unerwarteten Reaktionen auf erniedrigende Erfahrungen und Rücksichtslosigkeit stellen die Gewalttäter bloß, weil sie die Gewalt hervorheben und sichtbar machen.
 
„Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ Diese Worte stehen in einer Weise für das Christsein, dass der Philosoph Friedrich Nietzsche daran die Schwachheit des Christentums festmachen wollte.  Doch für Martin Luther King waren sie Worte der Stärke. Und aufgrund dieser Worte konnte er Menschenmengen bewegen und gewaltlos die Rechte der Schwarzen in den Südstaaten der USA durchsetzen.
 
Vor kurzem wurde in Bad Herrenalb der Preis der Evangelischen Akademie verliehen. Erhalten hat ihn die von Björn Kunter gegründete Initiative Love-Storm. Love Storm hilft, berät im Umgang mit Hass im Netz, damit Betroffene auf (verbale) Gewalt nicht – wie instinktiv – mit Flucht, Angriff oder Erstarrung reagieren müssen, sondern dem Hass etwas entgegenzusetzen haben.              
Dabei sind drei Dinge wichtig:
Angegriffenen den Rücken stärken und sie solidarisch unterstützen.
Angreifenden gewaltfrei Grenzen setzen.
Die Zuschauenden aktivieren, sich gegen Hass zu äußern.                 
 
In seinem Buch 180°, Geschichten gegen den Hass, erzählt der Journalist Bernd Berbner unter der Überschrift „Wie ein Lächeln zur Waffe wird“ von dem dänischen Polizisten Thorleif Link, der 2015 in Århus/Dänemark die aus Syrien vom „Heiligen Krieg“ zurückgekehrten jungen Männer  betreute. Darunter ein junger Mann, Jamal. Link ruft ihn an, lädt ihn zum Kaffee ein und sagt: „Erzähl mal“. Mit Lächeln und Kaffee beginnt eine wunderbare Wiedereingliederungsgeschichte.
„Die andere Wange hinhalten“ bedeutet nicht, sich der Gewalt einfach zu ergeben oder Hass hinzunehmen. Die andere Wange hinhalten meint, sich nicht von der Logik der Gewalt beeinflussen zu lassen, die da lautet, man könne nur mit Härte und (Gegen-) Gewalt etwas erreichen.
 
Und dann: „Liebe Deine Nächsten“. Auch das eine anerkannte, nachvollziehbare Aufforderung. Wobei als der oder die Nächste erst einmal der mittelbare Mitmensch der eigenen Gruppe galt und gilt.
Somit meint „Feind“ in der damaligen Erfahrungswelt denjenigen, der oder die außerhalb meiner sonstigen Beziehungen steht. Und die Verben lieben und hassen beziehen sich nicht auf tiefste Gefühle, sondern sind an der Praxis orientiert. Meinen Nächsten grüße und liebe ich, der Feind ist unwichtig, gleichgültig, er ist derjenige, der nicht gegrüßt wird.
Mit der Aufforderung „liebet eure Feinde, betet für die, die euch verfolgen“, verschiebt Jesus also die Grenzen. Er weitet die Liebeszone aus.
 
Und er lebt das selbst vor: Er lässt alle zu sich kommen, Frauen, Kinder, Fremde, Ausgegrenzte. In den Begegnungen verschiebt er die gesellschaftlichen, ideellen, kulturellen mehr oder weniger eng gezogenen Grenzen, weitet sie aus, begegnet und sieht die Menschen wie sie sind, lässt sich berühren. Lebt den grenzenlosen, liebenden Blick Gottes, der „seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte“.
Der von mir erwähnte Akademie-Preis wurde beim Abschluss einer Tagung verliehen, die sich mit dem Phänomen Rechtes Christentum beschäftigte. Also mit Strömungen, Gruppen und Gruppierungen, in denen der christliche Glaube verbogen wird, weil die Grenzen der Nächstenliebe sehr eng gesetzt werden. Erschreckend ist, dass in solchen Gruppen auch der Widerstand von Menschen während des Nationalsozialismus, so auch die Tradition der Bekennenden Kirche, als Rechtfertigung herangeführt wird für antidemokratisches Denken und Handeln. Dabei wird bewusst missachtet, dass dieser Widerstand die Reaktion auf die Entmenschlichung des Staates war und sich aus der Liebe zu den Entrechteten und Mitleiden ergab.
Aber Jesus weitet die Liebeszone aus. Und das verändert etwas, denn nur so wird es möglich, Mitgefühl und Fürsorge auch dem Anderen entgegenzubringen. Wo dieses Mitgefühl fehlt, da ist die Gefahr groß, denjenigen, die nicht die gleiche Religion, Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht haben, Rechte abgesprochen werden. Und wo die Grenzen im Denken eng gesetzt werden, ist die Gefahr groß, dass Gewalt zunimmt und Mittel zum bösen Zweck wird.
 
Deshalb sind Begegnungsräume wichtig, in denen Menschen zusammenkommen, um wahrnehmen zu können, der/die andere ist wie ich. Es braucht weite Herzen, damit aus Fremden Freunde werden, ein Aufeinander-Zu-Gehen und die Wahrnehmung, dass nicht Religion, Herkunft, Geschlecht Menschen trennen, sondern Grenzen, die gezogen werden und die einen zum Freund und die anderen zum Feind erklären.
 
Im anderen den Menschen zu sehen, das heißt mit den Augen Gottes zu schauen. „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ 
Nobody ist perfect und das ist auch gut so, aber wo es uns gelingt, auch nur ein kleines bisschen mit dem Blick und dem weiten Herzen Gottes auf andere zu schauen, da gelingt die Überwindung des Bösen schon jetzt.
Wenn wir anfangen, die Liebeszonen auszuweiten, im Anderen den Menschen zu sehen, der ist wie ich, die dieselben Befürchtungen und Sorgen hat wie ich, dann ist das der erste Schritt zum Frieden, damit Menschen eben nicht mehr Schlimmes erleben, Kinder nicht geschlagen, Männer und Frauen nicht misshandelt werden, Gewalt eingedämmt wird, Menschen wieder anfangen können zu hoffen und Geschichten gut ausgehen.
Amen