Predigt am Vierten Advent in der Heiliggeistkirche Heidelberg, 22.12.2024 (Prälatin Heide Reinhard)

Liebe Gemeinde,
Es gibt Dinge, die kann man sich nicht selbst sagen: Du bist wertvoll. Du schaffst das. Ich verzeihe Dir. Sie wirken und sind bedeutsam, weil sie andere uns zusagen.
Es gibt Sätze, die werden erst dadurch fassbar, wenn andere sie aussprechen. So wie der Satz an Maria: Du bringst Gott zur Welt.
 
Maria hat die Ankündigung des Engels gehört, sie sei schwanger mit Jesus Christus. Mit dieser unbegreiflichen Botschaft in den Ohren eilt sie zu ihrer Cousine Elisabeth, von der sie weiß, dass diese ebenfalls schwanger ist. Elisabeth begrüßt Maria und es heißt, dass das Kind Johannes in ihrem Leibe hüpfte – vor Freude! Christus kommt und löst Freude aus, von Anfang an.
 
Und dann grüßt Elisabeth Maria mit einem Segensgruß: „Gesegnet bist du unter den Frauen und die Frucht deines Leibes.“ Elisabeth bestätigt als erste die Botschaft des Engels, spricht es laut aus, dass Maria ein besonderes Kind gebären wird. Ich meine, dass das für Maria außerordentlich wichtig ist. Und in dem Moment, indem Elisabeth es ausspricht, wird es wahr für Maria, dass sie Christus zur Welt bringen wird. Da wird das Hören zum Begreifen. Und einmal verstanden geht ihr die Botschaft ins Herz. Ihr wird klar: Wenn das wirklich stimmt, dass Gott zur Welt kommt -  im Kind – durch mich, dann stellt dies alles auf den Kopf, dann verändert sich etwas. Und so spricht, singt, lobt Maria, spricht aus, was sie begriffen hat, in den Worten, die wir vorhin gemeinsam gebetet haben. (Lukas 1, 46-56):
 
Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. 
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unseren Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit. Und Maria blieb bei Elisabeth etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim. 
 
„… mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes“. 
Maria spricht von Gott, der schon in der Art und Weise, wie er zur Welt kommt, etwas über sich aussagt: „Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen … er ist barmherzig … er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ 
Gott ist vom ersten Weltatemzug hineinverwickelt in die Welt, nimmt Anteil und – kommt selbst zur Welt. Im Kind, klein, verwundbar, ohnmächtig,    unbedeutend nach menschlichen Maßstäben. Und genau das löst Freude aus bei Maria, diese Botschaft geht tief in ihr Herz.  Denn diese Botschaft stellt Machtverhältnisse in Frage und stellt das das Denken von Gott völlig auf den Kopf. Gott kann eben nicht dargestellt, beschrieben, missbraucht werden als derjenige, der oben thront, abgehoben, mächtig, alles bestimmend. Ein Gottesbild, das viele Menschen haben – auch wenn sie – oder vielleicht genau deshalb – nicht glauben können. Ein Gottesbild, das zugleich gefährlich wie schon immer falsch war. Der Advent rüttelt gewaltig an diesem Gottesbild.
 
„… mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes … er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“  
Die Worte Marias sind heil-bringende, freude-stiftende Worte. Beim ersten Lesen des Predigttextes laufen abends die Bilder vom Sturz Assads in Syrien. Die Freude über das Ende der Gewaltherrschaft ist groß. Und ich merke, wie kostbar gesicherte, demokratische Verhältnisse sind. Viele frohe, glückliche Menschen werden interviewt. Endlich kann Frieden werden, Ungerechtigkeit beseitigt werden. Das bleibt eine große Hoffnung und ich wünschen den Menschen in Syrien sehr, dass Gerechtigkeit und Frieden und Freiheit Raum greifen. Nur sie lassen die Augen glänzen und machen umfassend froh.
 
„… er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“  
Mit dem Kommen Gottes werden Machtverhältnisse hinterfragt. Wir leben alle in vielfältigen Machtverhältnissen, es wäre naiv zu meinen, es ginge ganz ohne. Ob als Eltern, Lehrer oder Ärztin, Arbeitgeber oder Pflegerin, aber auch als Partner oder Partnerin. Beziehungsverhältnisse sind immer auch Machtverhältnisse.
Im Januar jährt sich die Veröffentlichung der FORUM-Studie. Also der Studie, die untersucht hat, welche Bedingungen sexualisierte Gewalt auch in der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland ermöglichten. Ein wichtiger Punkt war die Erkenntnis: gerade die ev. Kirche habe ein unklares, eher verschleierndes Verständnis von Macht. Denn zum Selbstbild gehört das Denken: wir seien nicht hierarchisch, sondern wie eine große Familie, der Pfarrer, die Pfarrerin doch eher Kumpel als Amtsträger. Wir sind doch alle auf Augenhöhe unterwegs. Damit werden Grenzen verwischt, die so genannte Pastoral-Macht geleugnet und unklare Verhältnisse geschaffen, die Missbrauch erleichtern. Eine schmerzhafte, aber wichtige Erkenntnis!
 
Beziehungsverhältnisse sind Machtverhältnisse. Aber Machtverhältnisse sind immer Verantwortungsverhältnisse Und so kommt es unbedingt darauf an, wie ich mit der Verantwortung, die mir übergeben ist, oder die ich für andere habe, umgehe. Ob ich sie zum Wohl der anderen einsetze oder sie nutze, um zu unterdrücken, zu erniedrigen und auszunutzen.
 
Auf Gott zu schauen, macht aufmerksam auf den Missbrauch von Macht: Wir brauchen selbstverständlich Ordnungen und Regelungen, um das Leben zu gestalten. Politikerinnen und Politiker haben eine große Verantwortung für das Miteinander. Eltern erziehen ihre Kinder. Lehrerinnen und Lehrer haben eine Verantwortung für Schülerinnen und Schüler, weil sie auch prägend wirken. In Firmen gibt es Chef*innen, Vorgesetzte und auch in der Kirche haben wir Ordnungen und Positionen, aus denen heraus Entscheidungen getroffen werden. Die Übernahme von Verantwortung kann an allen Stellen und in manchen Situationen auch schwierige Entscheidungen mit sich bringen. Doch wer Macht reflektiert, wird und kann es sich nicht leicht machen.
Reflektieren heißt letztlich immer, sich seiner Macht durch Rolle, Geschlecht, Position, Amt, Sprache, Wissen bewusst sein und damit gut umzugehen und im Gegenüber den wertvollen Menschen zu sehen.
 
„Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er hat große Dinge an mir getan, seine Barmherzigkeit währet ewig.“
Wie Gott in die Welt kommt, hinterfragt Vorstellungen von Macht und lenkt den Blick auf die Unterdrückten, Ausgebeuteten, Ausgegrenzten, Armen und Schwachen.
Aus den Worten Marias spricht die Erfahrung, dass es möglich ist, Dinge umzukehren, einzuhalten, zu verändern. Menschen hineinzunehmen und nicht auszugrenzen, für gerechte Einkommensverhältnisse zu sorgen, Schwache zu unterstützen. Das ist alles andere als utopisch, denn Gott macht es vor:  Maria, eine x-beliebige, unbedeutende, junge Frau aus einfachen Verhältnissen wählt er aus.
 
So nährt Marias Erfahrung die Hoffnung auf ein anderes Antlitz der Welt, in der ungerechte Strukturen hinterfragt und verändert werden können, Menschen sich keine Gewalt antun, sondern sich gegenseitig achten, in der gerechte Lebensverhältnisse geschaffen werden.
Nach dem Besuch bei Elisabeth ist Maria wieder zurück und wird Gott zur Welt bringen, in Armut und Wohnungsnot. Aber mit ihr ist die adventliche, heil-bringende Hoffnung auf Gerechtigkeit und Barmherzigkeit unterwegs in der Welt. Sie weicht nicht mehr.
Und Gottes Barmherzigkeit wischt unsere Maßstäbe einfach hinweg und sagt jedem und jeder zu: Du bist wertvoll.
Amen