Liebe Gemeinde,
1250 Jahre - das ist immens lange Zeit. Da kann niemand so einfach sagen. „Weißt Du noch, damals?“ Da gibt es keine noch so vergilbten Fotografien, die uns zeigen, wie die Welt damals aussah. Und niemand kann sich zurückerinnern, weil die Anfänge in viel zu weiter Ferne zurückliegen.
Wie wunderbar ist es deshalb, dass wir den Gottesdienst heute in dieser Kirche feiern können, die einen Bogen schlägt, zurück zu den Anfängen. Weil sie das älteste Gebäude in Urphar ist und ihre Turm-Teile bis ins 8. Jahrhundert zurückgehen.
Eine außergewöhnliche Kirche. Menschen und Zeiten haben sie geprägt, ihr einen Stempel aufgedrückt durch verschiedene Stile. So wie sie heute dasteht, sah sie nicht von Anfang an aus. Da wurde immer wieder an- und umgebaut, verändert. Der Turm wurde aufgestockt, Mauern wurden gezogen und entfernt, Empore hinein- und herausgebaut.
Eine Kirche, die Geheimnisse birgt, in und an der es immer wieder etwas zu entdecken gibt. Mit Symbolen und Zeichen wurde eingeschrieben, was sie phasenweise ausmachte. Eine Muschel verweist auf sie als Pilgerkirche: Schutz- und Halt-Station, Zeichen für das Unterwegs-Sein.
Und dann gab es offensichtlich auch Zeiten, zu denen es nicht so wichtig war, dass die Wände ursprünglich einmal mit Fresken gestaltet waren. Das galt als altes Zeugs, das hat man mal schnell übertüncht und verdrängt, dann aber auch wieder hervorgeholt.
Die Kirche erzählt also von den Erfahrungen und dem Denken in unterschiedlichsten Zeiten, die ihre Spuren hinterlassen haben, sie steht/erzählt aber in ihrer Gesamtheit und Gewordenheit auch davon, was das Leben ausmacht. Darüber, dass und wie es sich verändert.
Das Sich-verändern geschieht schon äußerlich. Da brauch ich nur alte Fotos anschauen. Vieles prägt uns und vieles verändert uns und unseren Blick auf die Welt: Menschen, Familien, das Umfeld, in dem wir aufwachsen, Freundinnen und Freunde, Berufe, die wir wählen, Erfahrungen, die wir machen, gute wie schmerzhafte gleichermaßen. Abschiede, die genommen werden müssen, glückliche Fügungen, Entscheidungen, die wir getroffen haben und die unser Leben beeinflusst haben.
Es gibt Zeiten im Leben, da sind unterschiedliche Dinge wichtig. Manches in unserem Leben beschämt uns. Es gibt Erfahrungen, die wieder heilen mussten, Dinge, die wir nicht gerne erinnern. Das Gebäude unseres Lebens ist aus vielen unterschiedlichen Erfahrungen zusammengesetzt.
So spiegelt sich also in dieser Kirche auch etwas von uns und diese Vielschichtigkeit, hier wie dort, ist ja eigentlich wunderbar.
1250 Jahre Urphar. Die Kirche erzählt vom Leben, verbindet uns damit mit den Menschen aus früheren Zeiten und schlägt einen Bogen über die Zeit hinweg, zurück zu den Anfängen Urphars, die Sie hier das ganze Jahr über feiern. Und wie bei jedem Geburtstag feiern Sie einfach, weil es Urphar gibt, diesen Ort, hier an einer Main-Schleife, diese Ur- Furt, eine gute Stelle, um zu sein, um hinüber- also weiterzukommen.
Ganz viele Menschen gestalten die Feierlichkeiten, Sie feiern alle miteinander, wie lang oder kurz heute schon jemand hier lebt, spielt dann gar keine Rolle mehr, angesichts der viel größeren Zeitspanne, in die wir durch das Gedenken hineingenommen sind. Und Sie feiern diese 1250 Jahre so wie ein runder Geburtstag eben gefeiert wird: ausführlichst, mit Nachbarn und Freunden, mit vielfältigen Beiträgen und Musik und gutem Essen, mit Fröhlichkeit und Dankbarkeit.
Eine fröhliche Dankbarkeit bringt auch der Beter, die Beterin von Psalm 108 in den Versen 1-5 zum Ausdruck. Darin heißt es:
Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen. Wach auf, meine Seele! Wach auf, Psalter und Harfe! Ich will das Morgenrot wecken. Ich will dir danken, HERR, unter den Völkern, ich will dir lobsingen unter den Leuten. Denn deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und deine Treue, so weit die Wolken gehen.
„Wach auf meine Seele, ich will das Morgenrot wecken.“ Da kann es jemand nicht abwarten, dass es Tag wird. Dass die Nacht weicht und die Musik laut wird. Im Überschwang traut er oder sie sich zu, Raum und Zeit aufzuheben und den Tag voranzubringen. Das will man manchmal: die Zeit voranschaufeln. Wär´ es doch schon - Weihnachten, Geburtstag, Abreisetag.
Manchmal gibt es diese Tage, da ist die Freude einfach groß, weil endlich das langersehnte Wochenende stattfindet, weil Ferien sind, weil etwas Schönes ansteht. Oder wie Joachim Ringelnatz dichtet: „Ich bin so knallvergnügt erwacht, mit Appetit auf Frühstück und auf Leben.“
Und aus dieser Freude heraus, lässt sich auch Gott danken für all das Gute, das kommt oder war. Für den bestandenen Schulabschluss, den Besuch einer Freundin, die Dorfgemeinschaft, für ein gelungenes Fest, für ein erhaltenes Lächeln. Für die schönen Schleifen des Mains und den Sonnenuntergang, die Liste ist offen…
Der Beter, die Beterin dankt auch, weil er sich von der Grade und Treue Gottes umfangen sieht: „Denn deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und deine Treue, so weit die Wolken gehen.“
So weit der Himmel ist, so weit die Wolken gehen. Unermesslich, unbegrenzt, über Raum und Zeit hinweg, sind Gnade und Treue Gottes.
Vorhin haben wir das Evangelium des heutigen Sonntags gehört. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Mit ihm erzählt Jesus bildhaft von der Haltung Gottes und was Gnade Gottes meint:
Gnade ist der liebevolle Blick Gottes, der sagt: Ich seh und nehm dich, wie du bist, klein oder groß, nah, fremd, mit dem, was dich ausmacht, Mann, Frau, Divers, immer lustig oder oft nachdenklich, zupackend oder ängstlich. Ich nehm dich mit allem, was dich ausmacht. Mit dem Gelungenen genauso wie mit dem, was bruchstückhaft geblieben ist, mit allen guten und weniger guten Erfahrungen deines Lebens. Und sehe dich als wertvollen, geliebten Menschen.
Und die Treue Gottes? Treue ist so etwas wie Verlässlichkeit. Ich kann mich darauf verlassen, dass der, die Andere gut mit mir umgeht. Treue hat also etwas zu tun mit Vertrauen, das ich haben kann. Und Treue bedeutet auch, da bleibt mir jemand verbunden, bleibt an meiner Seite, egal, was kommt.
Von der Treue Gottes erzählt die Bibel in vielen Geschichten. In diesen wird deutlich, dass Gott sich selbst treu bleibt, weil er zu seinen Zusagen steht. Abraham und Sara machen diese Erfahrung, dass Gottes Wort trägt, auf das hin sie losgezogen sind, auch wenn es viele Male nicht so aussah. Genauso erfahren das Mose und das Volk Israel auf der Flucht vor der Unterdrückung in Ägypten. Erfahren die Zuwendung dieses Gottes, der sagt: “Ich bin da.“
Wenn ich etwas über Gottes Gnade und Treue erfahren möchte, dann kann ich aber auch in dieser Kirche auf das Kreuz am Altar schauen. Es ist ein besonderes Kreuz, wie es nur wenige gibt. Aus dem 13. Jahrhundert. Kreuzesdarstellungen wollen nicht abbilden - im Sinne von: so war es - sondern zur Sprache bringen, was sich im Tod Jesu zeigt.
Und hier lächelt Christus. Das stille, freundliche Lächeln erinnert an das Lächeln des neugeborenen Jesuskindes auf Weihnachtsdarstellungen und damit an die Weihnachtsbotschaft: Fürchtet Euch nicht, der Heiland ist geboren, sanftmütig und friedenstiftend!
Es ist ein ruhiges, sanftes Lächeln, das über die Situation hinausweist. Das mir zusagt: Fürchte Dich nicht, ich bin da, in den Abgründen des Lebens, teile Freud und Leid mit dir, bin da, auch in schwierigen und schmerzhaften Situationen, auch im Tod.
Gottes Gnade und Treue umfangen uns. Darauf können wir uns verlassen in den Zeitläufen des Lebens.
Vielleicht fällt uns das nicht immer leicht. Zweifeln gehört zum Glauben unbedingt dazu. Und manchmal sind Fragen wichtiger als Antworten.
Manchmal, in der Rushhour des Lebens, ist Gott vielleicht auch nicht so wichtig.
Er ist manchmal unter der Zeit-Tünche des Alltags verborgen, aber sein Wort ist tragfähig in dem Auf und Ab unseres Lebens.
Er ist treu da und umfängt uns mit liebevollem Blick. Das gilt auch in die Zukunft hinein.
Amen.
