Predigt zum Chorfest in Emmendingen, 05.07.2025 (Prälat Marc Witzenbacher)
Biblische Grundlage: Apostelgeschichte 16,23-40
Liebe Festgemeinde,
liebe Sängerinnen und Sänger,
liebe Gäste hier auf dem Marktplatz!
Es ist Nacht.
Dunkel. Still. Schwer.
Zwei Männer sitzen im Gefängnis. Ihre Füße in schweren Holzblöcken. Kein Licht, kein Trost, keine Aussicht.
Und dann – mitten in dieser Nacht – heißt es in der Apostelgeschichte:
„Paulus und Silas beteten und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten ihnen zu.“
Was für ein Satz! Da sitzen zwei, die allen Grund hätten zu schweigen – und singen.
Nicht, weil alles gut ist. Sondern gerade, weil es dunkel ist.
Ein Lied in der Nacht. Ein Klang gegen die Verzweiflung. Ein bisschen Trotz gegen das Elend.
Nicht mit Orgel, Posaunen oder Flügel – vielleicht einfach nur mit heiserer Stimme.
Kein Konzert, aber Glaube – singend im Duett.
„Und die anderen Gefangenen hörten ihnen zu.“
Da wird Musik zur Hoffnungskraft.
Sie tröstet nicht nur – sie verbindet. Sie öffnet nicht nur den Mund – sondern auch die Her-zen.
Wir kennen das doch: Ein Lied im Radio – und plötzlich singen wir mit.
Beim Kochen, im Auto, unter der Dusche. Ein Lied, das uns trägt.
Man muss nicht perfekt singen – man darf einfach.
Unsere Chorleiter*innen hören bitte kurz weg:
Beim Singen zählt nicht die Technik – sondern das Herz. Was uns innerlich bewegt.
Singen tut gut – und ist sogar gesund!
Wir atmen tiefer, der Körper schüttet Glückshormone aus, der Puls beruhigt sich.
Und wenn wir im Chor singen, synchronisiert sich sogar unser Herzschlag – im besten Fall mit dem des Dirigenten.
Wer singt, stärkt nicht nur die Lunge, sondern auch die Seele.
Man könnte es fast wie ein Rezept verschreiben:
Chorsingen – einmal pro Woche, möglichst in guter Gesellschaft.
Ich kann das nur bestätigen – wenn ich in meinem Kirchenchor in Freiburg mitsinge, aktuell mit Psalmen von Mendelssohn-Bartholdy.
Heute feiern wir nicht nur das Singen.
Wir erinnern auch an Albert Schweitzer – 150 Jahre wäre er geworden.
Ein Mann mit vielen Gaben: Theologe, Musiker, Arzt.
Einer, den Jesu Botschaft genauso prägte wie Bachs Musik.
Sein berühmter Satz:
„Ich bin Leben, das leben will – inmitten von Leben, das leben will.“
Auch Schweitzer kannte Dunkelheit.
Er ging bewusst dorthin, wo es schwer war – nach Lambarene.
Zwischen Krankheit, Armut und kolonialen Spannungen lebte er – getragen von Musik.
Ein Leben, das singt. Manchmal auch in schiefen Tönen.
Aber ehrlich. Mutig. Überzeugend.
Ich glaube: Genau das ist christliches Singen.
Nicht nur Ausdruck der Freude – sondern Widerstand gegen die Nacht.
Ein Lied ist wie ein Licht.
Wir singen gegen das Verstummen, gegen die Angst, gegen das Gefühl: „Es bringt doch alles nichts.“
Denn wer singt, glaubt noch an Möglichkeiten.
An Gott, der neue Perspektiven schenkt.
Lebendig – ist der Glaube, der singt.
Klar – ist das Zeugnis, das sich nicht versteckt.
Wunderbar – ist das Lob Gottes, das Mauern zum Beben bringt.
In der Apostelgeschichte sogar ganz wörtlich:
Ein Erdbeben. Türen springen auf. Ketten lösen sich.
Und nicht nur das Gefängnis bebt – auch ein Mensch gerät ins Wanken: der Gefängniswärter.
Er sieht die offenen Türen, denkt: Alles ist verloren.
Doch dann eine Stimme:
„Tu dir nichts an! Wir sind alle noch da!“
Niemand ist geflohen.
Paulus und Silas singen nicht nur – sie bleiben. Sie handeln aus Glauben und Mitgefühl.
Und das verändert etwas.
Aus Pflicht wird Glaube. Aus Angst Hoffnung.
„Er freute sich mit seinem ganzen Haus, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.“
Was in jener Nacht geschieht, zeigt, wie Gott wirkt:
Nicht durch Gewalt, nicht durch Druck – sondern durch Begegnung.
Durch Klang. Nähe. Ein gesungenes Wort.
Das Evangelium ist keine Theorie. Kein Dogma.
Es ist Kraft, die sich Raum schafft – im Herzen, im Alltag, im Gefängnis.
Auch wenn wir nur halblaut mitsummen – hinter unserem Lied erklingt eine größere Melo-die:
Die Melodie Gottes.
Der singt, bevor wir glauben.
Der ruft, bevor wir antworten.
Der Hoffnung weckt – selbst wenn wir keine Stimme mehr haben.
Darum ist Singen im Glauben kein Beiwerk.
Es ist ein Echo dieser göttlichen Stimme, die sagt:
Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir.
Vielleicht denkt jemand:
„Klingt schön – Musik, Hoffnung, Licht… aber ist das nicht naiv?“
Ich glaube: Nein.
Das Lied von Paulus und Silas war kein Schlager.
Es war ein Lied mit Ketten an den Füßen.
Ein Lied aus der Dunkelheit.
Glaube kennt die Nacht.
Er kennt Schmerz, Angst, Schuld, Krankheit – und bleibt dennoch ehrlich, wenn er singt.
Christlicher Glaube ist keine rosarote Brille.
Er ist der Blick durch Tränen hindurch – auf einen Gott, der selbst leidet, schweigt, stirbt.
Und uns genau deshalb glaubwürdig zur Seite steht.
Wer singt, sagt nicht: „Alles ist gut.“
Sondern vielleicht:
„Ich weiß nicht, wie es weitergeht – aber ich höre nicht auf zu hoffen.“
„Ich bin verletzt – aber nicht allein.“
Singen im Glauben ist Mut.
Ein Ton, der zittert – und gerade deshalb berührt.
Albert Schweitzer sagte:
„Das einzige Glück, das wir haben, besteht darin, dass wir für andere Menschen Licht sein können.“
Vielleicht ist genau das unsere Aufgabe:
Singen – damit Licht hörbar wird.
Damit Hoffnung klingt. Damit Leben spürbar wird – mitten im Alltag, mitten im Herzen.
„Gemeinsam auf dem Weg – Gott ist dabei“ – so heißt das Lied, das wir gleich singen.
Und das ist mehr als nur ein Titel – es ist ein Bekenntnis:
Wir sind nicht allein unterwegs.
Nicht im Chor, nicht im Glauben, nicht im Leben.
Gott geht mit – in Dur und in Moll.
Und wo unser Lied an Grenzen stößt, trägt vielleicht jemand anders weiter.
Und so wird unser Singen zu einem Netz aus Klang, das hält – auch wenn jemand gerade nur flüstern kann.
Das Lied bittet:
„Gib du uns Mut und Leidenschaft – und hilf uns, Neues zu wagen.“
Das ist auch unser Gebet:
Dass unser Singen nicht am Notenständer endet.
Sondern weiterklingt – als Mut im Alltag.
Als Leidenschaft für das Gute.
Als Echo der Botschaft:
Wir sind von Gott geliebt – und getragen.
Gemeinsam unterwegs – Gott ist dabei.
So wird unsere Musik Hoffnung, die trägt.
Manchmal leise, manchmal kraftvoll,
aber immer: lebendig, klar und wunderbar.
Amen.
