Predigt zur Entwidmung der Kirche in Kollnau, 29.06.2025 (Prälat Marc Witzenbacher)
Biblische Grundlage: Jesaja 55,8-13
Schwestern und Brüder!
„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR.“ (Jes 55,8)
Ein Satz wie ein Seufzer. Oder wie ein Trost. Oder wie ein Befreiungsschlag – je nachdem, wie man ihn hört.
Heute hören wir ihn hier – in der Kirche in Kollnau. Und das ist nicht irgendein Ort. Es ist ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde. Unsere Geschichte. Ihre Geschichte. Gottes Geschichte mit dieser Gemeinde.
Hier wurden Kinder getauft, Jugendliche konfirmiert, hier wurde getrauert, gesungen, gebetet, gefeiert. Hier wurde Brot gebrochen und Segen empfangen.
Hier haben Kinder gelacht. Chöre gesungen. Und viele haben ihren Glauben vertieft oder wiedergefunden.
Heute sind wir hier, um Abschied zu nehmen. Um diesen Raum aus der Nutzung als Gottesdienstraum zu entlassen. Das ist ein tiefer Schnitt.
Manche erleben ihn als das Ende eines Kapitels, das nicht hätte enden sollen. Sie sind enttäuscht, vielleicht auch wütend oder traurig. Und das ist auch verständlich.
Andere haben sich in den vergangenen Monaten oder Jahren vorbereitet auf diesen Schritt, haben die Entscheidung nach langem Ringen und mit viel Zweifel und Angst im Herzen erwartet, geduldet oder sogar selbst getroffen.
Und wieder andere fragen sich mit Hoffnung und Neugier: Wie geht es weiter? Was kommt nun?
Eines eint uns heute alle: Dieser Ort war, ist und bleibt uns nicht gleichgültig. Diese Kirche ist und bleibt ein wichtiges Kapitel unseres Lebens.
Was sagt uns der Abschnitt aus dem Buch Jesaja, den wir in der Lesung gehört haben, in diesen Abschied hinein?
Jesaja stellt klar: Gottes Wege sind nicht unsere Wege.
Gott denkt anders. Größer. Weiter. Und manchmal auch quer zu dem, was wir für vernünftig oder richtig halten. Er geht andere Wege – und lädt uns ein, ihm auf diesen Wegen zu vertrauen.
Gerade da, wo wir festhalten wollen – an Steinen, an Mauern, an Gewohntem – sagt Gott: Ich bin längst weitergegangen. Ich bin schon bei euch. Dort, wo das Neue beginnt.
Das heißt nicht: Was war, zählt nicht mehr. Im Gegenteil: Es zählt gerade deshalb sehr viel, weil es Frucht getragen hat und die Basis ist für das, was kommen wird.
Was hier über Jahrzehnte gesagt, gesungen, geglaubt und gelebt wurde – das war nicht vergeblich. Es wird weiterwirken. In Ihnen. In den Familien. In der Nachbarschaft. In den stillen Gebeten, die vielleicht nie laut geworden sind. In der Liebe, die Menschen hier empfangen und weitergegeben haben.
Das ist kein billiger Trost, keine fromme Soße auf unbekömmliche – ja sicher auch ökonomisch und strategisch notwendige, aber dennoch harte Entscheidungen.
Jesaja macht uns vielmehr deutlich, was sich als Botschaft durch die gesamte Bibel zieht. Gott denkt weiter, er denkt anders und oft auch nach anderer Logik als wir. Und er ermutigt uns, diesen Gedanken und seiner Logik zu vertrauen.
Was wir im Moment als Verlust empfinden, kann Gott auf seine Weise verwandeln. Vielleicht nicht sofort. Vielleicht nicht so, wie wir es uns wünschen. Aber mit einer Tiefe, die unser Denken übersteigt.
Auch wenn unsere Gedanken kreisen – um Gemeindeentwicklung, um Strukturen, um Zahlen – bleibt Gottes Gedanke bei dem, was Leben schafft. Wie Regen und Schnee vom Himmel fallen, so fällt auch sein Wort in unsere Wirklichkeit – und bleibt nicht ohne Wirkung.
Vielleicht wird aus dem, was heute schwer fällt, morgen etwas wachsen, das wir uns noch gar nicht vorstellen können.
Seit 1966 – fast 60 Jahre – war diese Kirche ein Ort des Segens. Wer durch diese Tür trat, kam nicht nur in ein Gebäude. Er oder sie trat unter ein Zelt, das Schutz bot – für Fragen, für Zweifel, für Freude, für Lob und Klage.
Das Zeltdach der Kirche – eine architektonische Erinnerung daran, dass wir unterwegs sind. Dass Gott mitzieht, selbst dann, wenn wir aus diesem Zelt weiterziehen.
Und so gilt auch für Kollnau, was Jesaja sagt: Gottes Wort ist hier gefallen wie Regen. Es hat Frucht getragen: in Begegnungen, in Freundschaften, in Gebeten, in Tönen der Orgel, in Brot und Wein.
Jesaja malt für diesen Auszug, für diesen Weiterzug aus diesem Zelt ein Bild der Hoffnung. Kein Abgesang, sondern ein Aufbruch: „Ihr sollt in Freuden ausziehen und in Frieden geleitet werden.“ (Jes 55,12)
Das ist für uns heute nicht nur Bildsprache – es ist ein ganz konkreter Zuspruch, wenn wir nachher aus diesem Gebäude gehen. „In Freuden ausziehen“ –, das mag komisch, ja vielleicht sogar zynisch klingen, wenn wir doch eigentlich traurig dieses Haus verlassen werden. Aber vielleicht wird es ja doch eine Einladung: nicht fröhlich zu sein im Sinne von oberflächlicher Heiterkeit, sondern tiefen Frieden zu finden im Vertrauen darauf, dass Gott mitgeht und er weiß, wohin dieser Weg führt.
Können Sie sich an einen Moment Ihres Lebens erinnern, an dem Sie bewusst durch diese Kirchentür getreten sind?
Vielleicht zur eigenen Konfirmation. Zur Hochzeit. Zu einem Gottesdienst. Oder einfach nur so. Wie viele Menschen sind durch diese Türen gegangen. Suchend. Fragend. Hoffend. Glaubend.
Vielleicht bleibt Ihnen heute ein ganz wichtiger Gedanke, der Ihnen heute oder einmal zu anderer Gelegenheit in dieser Kirche kam, den Sie mitgenommen haben in den Alltag, in einen neuen Lebensabschnitt. Wie Regen und Schnee nicht leer zurückkehren, sondern die Erde feuchten und fruchtbar machen wird – so ist Gottes Wort. Es kehrt nicht leer zurück. Es geht mit uns. So wie das Wort nicht leer zu Gott zurückkommt, gehen auch wir nicht leer aus dieser Kirche. Auch wenn wir es heute, auch wenn wir es bei anderen Gelegenheiten nicht immer gespürt haben, aber wir haben die Zusage: Ich gehe mit. Ich verlasse euch nicht.
Wenn wir heute miteinander ausziehen, gehen wir in eine neue Zukunft. Ohne diesen Raum als Gottesdienstraum. Aber ganz gewiss nicht ohne Gott.
Was bleibt? Was bleibt, wenn die Kirche entwidmet ist?
Nicht Steine. Sondern das, was hier gewachsen ist: Glaube. Hoffnung. Liebe.
Was bleibt, ist Gottes Zusage: Mein Wort wird tun, wozu ich es sende. Auch wenn das Gebäude leer ist, wird Gottes Geist nicht schweigen.
Und eines ist sicher: Nicht Beton oder Glas oder Holz waren diese Kirche. Sondern wir. Die Menschen. Die Gemeinschaft. Der Glaube. Die Hoffnung. Die Liebe.
Und dieser Glaube bleibt auch. Als Hoffnungsproviant und Stärke auf unserem Weg. Gott geht mit. Der Geist zieht weiter – auch in andere Räume und Kooperationsräume, in andere Zeiten, in neue Formen. Und wir dürfen darauf vertrauen: Der Glaube, der uns hier getragen hat, trägt auch dort - und überall. Bis über den Tod hinaus.
Liebe Gemeinde,
sicher ist das heute nicht der Tag, an dem wir schon alle Perspektiven, auch noch nicht die konkrete Perspektive für dieses Gebäude sehen können. Aber es ist ein Tag, an dem wir noch einmal alles, was war, was hier war, Gott hinlegen dürfen – in Dankbarkeit.
Der Dank für fast 60 Jahre Leben unter diesem Zeltdach.
Der Dank für jedes Wort, das Mut gemacht hat.
Der Dank für jede Träne, die hier getrocknet wurde.
Der Dank für die Töne der Orgel, für das Licht durch die Fenster, für die Stille, für das Gebet.
Der Dank – für Gottes Nähe in all dem.
Und gleichzeitig dürfen wir unser Morgen in seine Hände legen – im Vertrauen.
Denn Gottes Wort bleibt lebendig. Und seine Wege führen uns weiter – durch Kollnau, durch Waldkirch, durch den Kirchenbezirk und unsere Landeskirche, durch das Leben von jedem und jeder unter uns.
Und so passt es gut, dass wir gleich singen werden: „Gott hat das erste Wort, er sprach: Es werde Licht.“ (EG 199)
Gott hatte das erste Wort – damals, als diese Kirche gebaut wurde. Er hatte das erste Wort, als Sie hier das erste Mal diesen Raum besucht, hier Ihr erstes Gebet gesprochen haben.
Und Gott wird auch das letzte Wort haben – über diesen Ort, über unsere Wege, über diese Welt. Aber das Letzte bei Gott ist immer zugleich ein neuer Anfang.
Und deshalb dürfen wir hoffen: Das Licht, das hier einmal leuchtete, wird nicht verlöschen. Es wird weiterstrahlen – in uns. Und durch uns. Und durch Gottes Geist.
Denn Gottes Wort kehrt nicht leer zurück. Ganz sicher.
Amen.
