Predigt zum Jubiläum 1700 Jahre Nicänum in der Stadtkirche Baden-Baden, 20.07.2025 (Prälat Marc Witzenbacher)

Biblische Grundlage Matthäus 9,35–10,1
 
Schwestern und Brüder! 
Jesus zieht durch die Städte, lehrt, heilt – und bleibt nicht unberührt. Er sieht die Menschen, erschöpft, orientierungslos, „wie Schafe ohne Hirten“. Und da steht dieses Wort:
σπλαγχνίζομαι – splanchízomai.
Ein Erbarmen, das tief aus dem Innersten kommt. Aus dem Herzen Gottes. Ein Mitleid, das nicht stehen bleibt – sondern bewegt, aufrichtet, sendet.
Diese Bewegung – vom Sehen zum Erbarmen, vom Erbarmen zum Handeln – ist der Herzschlag des Evangeliums. Und sie ist auch der Herzschlag der Kirche. Denn wo Christus uns bewegt, da werden wir gesandt – miteinander.
325 n. Chr. in Nicäa: Die Kirche steht an einer Wegscheide. Nach Jahrhunderten der Ver-folgung ist sie plötzlich öffentlich akzeptiert – durch das Ende der Christenverfolgungen unter Kaiser Konstantin. Aber innerkirchlich ist sie zerrissen: Wer ist Christus? Ein göttliches Wesen unter vielen? Geschaffen oder gezeugt? Ist er Gott – oder nur gottähnlich?
In dieser Spannung ringt die Kirche um ihre Mitte. Und sie sagt:
„Wir glauben an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn [...] wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater.“
Dieses Bekenntnis war kein theologisches Schulprogramm, sondern ein Akt der Einheit – gegen die Versuchung, Christus zu relativieren. Die Kirche bekennt: Unsere Hoffnung ist nicht eine Idee. Unsere Mitte ist eine Person: Jesus Christus.
Und auch heute ist das nötig: In einer Zeit, in der Glaube oft zur Privatsache wird, in der Einheit leicht mit Beliebigkeit verwechselt wird, in der Wahrheit nicht selten als intolerant gilt.
 
Das ursprüngliche Bekenntnis von 325 war ein Anfang. Es wurde rund 60 Jahre später auf dem Konzil von Konstantinopel (381) er-weitert – zum sogenannten „Nicaeno-Constantinoplitanum“, das wir in der Liturgie oft als das „Große Glaubensbekenntnis“ sprechen.
Dort wurde der Glaube an den Heiligen Geist ausgefaltet – „der Herr ist und lebendig macht“, „ausgeht vom Vater“, „gesprochen hat durch die Propheten“.
Weil die Kirche erkannt hatte: Der Heilige Geist ist nicht die Randfigur der Trinität, sondern Gottes lebendige Kraft in der Gegen-wart.
Und so ist dieses Bekenntnis nicht nur ein Rückblick, sondern eine Bewegung nach vorn:
•               Christus als Fundament
•               der Geist als Kraftquelle
•               die Kirche als Werkzeug der Einheit
 
Damals war das Bekenntnis ein Schutzschild gegen Spaltung. Das kann es heute auch wieder sein – und ein Kompass in der Verwirrung.
Bekennen heißt: Ich stehe – öffentlich – für Jesus Christus ein. Nicht nur als Vorbild, als spirituelle Figur. Sondern als den, der selbst Gott ist, der rettet, der heilt, der sendet.
Das Bekenntnis war damals riskant – und ist es heute wieder. Denn wer Jesus als Herrn bekennt, widerspricht allen Ideologien, die sich an Gottes Stelle setzen.
Dieses Bekenntnis ist nicht harmlos. Es ist ein Widerspruch gegen Gleichgültigkeit, Egoismus und menschenverachtende Macht.
Und es ist auch: ein Widerspruch gegen die Vereinzelung des Glaubens. Denn Jesus sendet seine Jünger nicht als Einzelkämpfer, sondern als Gemeinschaft.
 
Das Nicänische Bekenntnis ist bis heute ein ökumenisches Fundament. Es verbindet orthodoxe, katholische, evangelische und freikirchliche Kirchen.
Es zeigt: Einheit ist möglich – nicht durch Vereinheitlichung, sondern durch Verwurzelung in Christus. Gerade heute, wo die Kirchen mit Mitgliederschwund, Glaubenskrisen und Vertrauensverlust ringen, brauchen wir das gemeinsame Bekenntnis umso mehr.
Nicht als nostalgisches Denkmal, sondern als Zeugnis der Hoffnung.
Aber: Dieses gemeinsame Bekenntnis braucht auch konkrete Schritte. Es genügt nicht, in ökumenischen Gedenkfeiern Einigkeit zu zeigen, wenn im Alltag das Interesse aneinander schwindet. Deshalb gilt:
•               Wir brauchen mehr konkrete Arbeit an der sichtbaren Einheit der Kirche. Nicht irgendwann – sondern jetzt.
•               Wir brauchen mehr Aufmerksamkeit und Rezeption für die Früchte der ökumenischen Dialoge – die theologischen Dokumente der vergangenen Jahrzehnte dürfen nicht in den Regalen verstauben.
•               Wir brauchen mehr gemeinsame Verantwortung in den großen Transformationsprozessen unserer Zeit – in sozialer Gerechtigkeit, Klimaschutz, Digitalisierung, Frieden.
Und wir brauchen eine gemeinsame Kultur der Dankbarkeit für all das gewachsene ökumenische Miteinander – in der Basis, in der Nachbarschaft, in Gemeinden und Partnerschaften weltweit.
Ein Beispiel dafür ist die Arbeit des Evangelischen Bundes, der sich seit Jahrzehnten theologisch fundiert, ökumenisch weitsichtig und kirchlich engagiert für Verständigung, In-formation und Einheit einsetzt – nicht im Modus der Abgrenzung, sondern im Geist der Gemeinschaft.
Denn:
•               Wenn wir gemeinsam beten, wird Gottes Gegenwart spürbar.
•               Wenn wir gemeinsam handeln, wird Gottes Liebe sichtbar.
•               Wenn wir gemeinsam bekennen, wird Christus hörbar – auch für die Welt.
 
Heute ist der 20. Juli. Wir erinnern an den Widerstand gegen das NS-Regime – an Stauffenberg, Bonhoeffer, Dohnanyi.
Sie haben geglaubt – und gehandelt.
Bonhoeffer schrieb: „Nicht der Gedanke, sondern das Tun bringt die Wahrheit zur Welt.“
Auch das ist Bekenntnis: Nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht.
Nicht ausweichen, wenn Wahrheit unbequem wird.
Und auch dieser Widerstand war nicht konfessionell eng, sondern ökumenisch weit.
Das zeigt: Gemeinsames Bekenntnis ist nicht nur innerkirchlich relevant – es ist gesellschaftlich wirksam.
 
Das Nicaeno-Constantinopolitanum ist kein Museumstext. Es ist ein Auftrag: Einheit in Christus. Wahrheit in Liebe. Hoffnung in Tat.
Und es ist kein Zufall, dass genau unser Predigttext Matthäus 9,35–10,1 zur Grundlage für das Motto und die biblischen Texte der Ökumenischen Vollversammlung 2022 in Karlsruhe gewählt wurde: „Christi Liebe bewegt, versöhnt und eint die Welt.“
Diese Wahl war theologisch tief begründet:
Denn in Matthäus 9,35 begegnen wir dem Christus, der nicht distanziert analysiert, sondern mit-leidet, handelt und sendet.
Der Vers beschreibt Jesu ganzheitliches Wirken:
„Und Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in den Synagogen, verkündete die gute Nachricht vom Reich Gottes und heilte alle Krankheiten und Leiden.“
Es ist ein Christusbild, das nicht nur tröstet – sondern herausfordert:
Zur Diakonie, zur Mission, zur Verantwortung.
Und die darauffolgende Aussendung der Jünger ist bis heute paradigmatisch: Christus sendet – und er sendet gemeinsam.
Deshalb war es kein organisatorischer Zufall, sondern eine geistlich begründete Entscheidung, dass dieser Abschnitt das biblische Fundament der weltweit größten ökumenischen Versammlung bildete. Denn er verbindet, was auch ökumenisches Christsein heute ausmacht:
•               Verkündigung der Hoffnung,
•               Heilung der Verwundungen,
•               Sendung in die Welt,
•               Gemeinschaft in Vielfalt.
Die Kirche lebt von dieser Dynamik. Nicht von Strukturreformen, sondern von der Bewegung des Herzens Gottes.
Und dieses „splanchízomai“ – dieses göttliche Erbarmen – ist heute genauso nötig wie damals:
•               in einer zerrissenen Welt,
•               in einer Kirche, die sich immer wieder neu zur Einheit rufen lassen muss,
•               in einer Gesellschaft, die oft lieber spaltet als verbindet.
„Wir glauben an Jesus Christus, den Herrn“ – das ist kein harmloser Satz. Es ist ein Ruf zum Aufbruch. Ein Widerspruch gegen das Schweigen.
Ein Ja zur Wahrheit, zur Liebe, zur Einheit.
Darum singen wir gleich nicht nur ein schönes Lied. Wir beten, wir rufen: „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen“ – nicht als Rück-blick, sondern als Weckruf in unsere Gegen-wart.
Denn was damals galt, gilt heute:
Der Glaube an Christus macht nicht still.
Er macht mutig.
Er verbindet. Und er sendet uns – heute, hier, gemeinsam – in die Welt.
Amen.