Predigt in der Reihe "Engel" in der Heiliggeistkirche Heidelberg, 10.08.2025 (Prälatin Heide Reinhard)

Liebe Gemeinde,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Gäbe es doch nur mehr Engel. Engel, die den Löwen den Rachen zuhalten. Engel, die der Gewalt wehren. Engel, die mäßigen, wenn andere in Streit geraten, die an den Verhandlungstischen für Frieden plädieren, die sich dem Hass im Internet widersetzen, die dafür sorgen, dass Kinder nicht geschlagen und misshandelt werden, die helfen, wenn Menschen verletzt werden,     die Schutz und Geborgenheit geben, denen, die hilflos sind, die gefährlichen Schwarz-Weiß-Parolen kluge Argumente entgegenhalten, die nicht mitmachen, wenn andere gemobbt, diffamiert, erniedrigt und ausgegrenzt werden,
 
Gäbe es nur mehr Engel, so mein erster Gedanke beim Lesen der Geschichte von Daniel in der Löwengrube. Die Löwengrube, Sinnbild der großen Bedrängnis, für Menschen, die einem übel wollen.
„Ich liege mitten unter Löwen; verzehrende Flammen sind die Menschen, ihre Zähne sind Spieße und Pfeile und ihre Zungen scharfe Schwerter“, klagt der Beter, die Beterin in Psalm 57 ihre Not angesichts verleumderischer, hetzerischer, gewaltsamer Worte.
 
Daniel wird in seiner großen Not bewahrt, weil den Löwen Einhalt geboten wird, weil sie – mächtige Tiere – ihre Macht und Gewalt nicht ausleben, im Gegensatz zu den Menschen in der Geschichte. Denn Daniel ist in dieser Grube nur, weil König Darius, machtverliebt wie er war, seine Macht absolut gesetzt hat und dem deshalb alle menschlichen Maßstäbe abhandenkamen.
 
Daniel war einer der wichtigsten Vertrauten des Meder-Königs Darius, angesehen und in seinem Fürsten-Amt als einer von drei Vertretern des Königs im Staat, gut und wohl sehr erfolgreich. Andere wollen ihm Böses, können ihren Neid nicht eingrenzen. Sie versuchen, ihm irgendeine Schuld nachzuweisen, eine Verfehlung, ein illoyales Verhalten gegenüber dem König.
„Aber sie konnten keinen Grund zur Anklage und kein Vergehen finden; denn er war treu, (….) Da sprachen die Männer: Wir werden keinen Grund zur Anklage gegen Daniel finden, es sei denn wegen seiner Treue zum Gesetz seines Gottes.“
Sie überreden den König zu einem willkürlichen, absolutistischen Gesetz.
„Es sollte ein königlicher Befehl gegeben und ein strenges Gebot erlassen werden, dass jeder, der in dreißig Tagen etwas bitten wird von irgendeinem Gott oder Menschen außer von dir, dem König, allein, zu den Löwen in die Grube geworfen werden soll.“
 
Das Gesetz, das Darius daraufhin erlässt und das absurderweise nur für einen Monat gelten soll, kommt der Aufhebung der Religionsfreiheit gleich, die bisher galt. Alle Bitten, Denken und Trachten, das Äußere und das Innere müssen nun ganz und gar auf den König ausgerichtet werden. Ein absolutistischer Machtanspruch, das Despoten bis heute auszeichnet, egal wo auf der Welt.
Ein Symbol-Gesetz, das den König neben, ja über Gott stellt. Eine Selbst-Erhöhung, auf die Darius sich einlässt, weil es ihm schmeichelt. Macht macht verführbar und wenn sie mit Willkür und Selbstüberhöhung einhergeht, wird sie zur Gefahr für andere.
 
Gesetze sind notwendig, keine Frage. Gute Gesetze schaffen Rechts-Sicherheit, sie regeln das Zusammenleben unterschiedlichster Menschen, sie schützen die Schwachen, begrenzen politische Gewalt, sichern Gerechtigkeit und Frieden und verhelfen zum Ausgleich bei unterschiedlichsten Interessen.
Als vor mehr als 76 Jahren das Grundgesetz für Deutschland verabschiedet wurde, geschah dies im Bewusstsein der schrecklichen und mörderischen Herrschaft des Nationalsozialismus, unter dem Millionen Menschen schutz- und rechtlos waren. Deshalb wurden in den ersten 20 Artikeln unveränderliche Grundrechte formuliert. Dazu gehören die Achtung der Menschenwürde, die Meinungs- Gewissens- und Religionsfreiheit. Die in den ersten Artikeln formulierten Grundrechte begrenzen politische Macht und sind eine Folge der Anerkennung der Menschenwürde eines jeden Einzelnen.
 
Und die Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, weil Religion, weil Glauben den Menschen im Innersten betrifft. Existentiell. Deshalb betet auch Daniel trotz des Gesetzes weiterhin zu seinem Gott.               Er kann nicht anders, man könnte auch sagen, der Glaube an Gott bewahrt Daniel davor Menschen anzubeten.
Daniel wird denunziert. Der König möchte ihn nicht bestrafen, sucht nach einem Ausweg. Doch er lässt sich einreden: Nachgeben ist Schwäche und diese Vorstellung von Macht, macht ihn unbarmherzig.
„Aber die Männer kamen wieder zum König gelaufen und sprachen zu ihm: Du weißt doch, König, es ist das Gesetz der Meder und Perser, dass alle Gebote und Befehle, die der König beschließt, unverändert bleiben sollen. Da befahl der König, Daniel herzubringen. Und sie warfen ihn zu den Löwen in die Grube.“
 
In der Geschichte Die Christin und die Löwen erzählt der Schweizer Schriftsteller Robert Walser davon, dass eine junge Christin, von Kaiser Nero den Löwen vorgeworfen wurde.     Aber die Löwen verschonen sie, weil sie ihre Unschuld erkennen und die Ungerechtigkeit der Mörder nicht ertragen. „Von seiner Kraft nicht Gebrauch zu machen, kam ihm neu vor, zu erlösen schien ihm begehrenswerter als sie selbst.“
Der Löwe – ein unzweifelhaft starkes Tier wird bei Walser zum Sinnbild, dass es auch anders geht, dass Macht auch Schwachheit erkennt und sich anrühren lässt, mit anderen Worten also, barmherzig und damit menschlich wird.
 
Die Geschichte von Daniel in der Löwengrube ist eine Lehrgeschichte im Blick auf die Frage nach dem Umgang mit politischer Macht. Macht ist ja per se nichts Schlechtes, sie spielt in allen menschlichen Beziehungen eine Rolle. Sie ist im besten Sinne Gestaltungsmacht.  
 
Darius wird zum Negativ-Beispiel, wie Macht kippt ins Despotische. Und um das zu erkennen, hilft es Gretchenfragen an Mächtige zu stellen wie: Wie hältst du es mit den Freiheiten? Welchen Wert haben Religions- Gewissens- Meinungsfreiheit? Wie ist dein Menschenbild? Wie nutzt du deine Macht?               Ist sie begrenzt, dient sie dem Guten?
 
Politik lebt vom Diskurs und eine Vielfalt politischer Meinungen gehören zu einem demokratischen Staat. Um gute Entscheidungen in schwierigen Fragen muss gerungen werden. Aber solche Grund-Fragen helfen bei der Einschätzung, wie Politikerinnen und Politiker bis heute mit Macht umgehen.
 
Ob Darius seinen Fehler erkennt, wird nicht ganz klar. Aber er hofft darauf, dass Daniel überlebt. Er geht am nächsten Morgen hin zur Grube und ruft hinein:           „Daniel, du Knecht des lebendigen Gottes, hat dich dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, auch erretten können von den Löwen?“ 
Und die Antwort lautet Ja. Daniel wird gerettet, weil Gott – wie Darius erkennt – ein lebendiger Gott ist, der aus der Grube in die Weite und Freiheit führt, der dem Tod widerspricht und der dem Leben zugewandt ist. Gott ist ein barmherziger Gott, der Macht nicht absolut setzt, dessen Macht sich am Kreuz zeigt, ohnmächtig, in der Solidarität mit den Geschundenen und Schwachen. Der seine Macht einsetzt für das Leben, für Frieden und Gerechtigkeit. Das Ja aus der Grube entspricht dem Hoffnungs-Ja des Ostermorgens, als die Frauen am Grab zu hören bekommen. Christus lebt, das Böse und Bedrohliche hat nicht das letzte Wort.
 
Daniel wird in der Löwengrube, in größter Bedrängnis durch den Engel Gottes bewahrt.     Engel können im Alten Testament verstanden werden als Boten Gottes, die im Sinne Gottes reden und handeln oder als Gottes Gegenwart selbst. Beides ist denkbar. Und egal wie – der Gewalt, der Daniel durch Anfeindung, durch Einschränkung seines Glaubens, durch Rechtlosigkeit, durch Diffamierung ausgesetzt ist, wurde Einhalt geboten, er wurde gerettet.
 
Vor einigen Jahren hatte die Wochenzeitschrift Die ZEIT eine Rubrik, die überschrieben war mit Das war meine Rettung. Darin erzählten Menschen, wie sie aus für sie bedrückenden, belasteten, gefährlichen Situationen herauskamen. Bei vielen war das möglich, weil andere für sie eintraten, Verständnis hatten oder vor Verfolgung schützten. Der Deutschlehrer, die Großmutter, eine Nonne, ein Arzt, Freunde, eine Nachbarin, allesamt Hoffnungsgeschichten.  
Es gibt also doch immer wieder Engel, die im Sinne des lebensspendenden Gottes wirken. Schülerinnen oder Schüler, die nicht mitmachen, wenn Mitschüler gemobbt werden,  Journalistinnen oder Journalisten, die durch kluge Fragen, undemokratische Politiker oder Politikerinnen entlarven, Menschen, die sich engagieren im interreligiösen Gespräch, Ansprechpartnerinnen, die sich in Beratungsstellen, in Frauenhäusern, in diakonischen Einrichtungen um Geschlagene und Traumatisierte kümmern. Menschen, die Organisationen gründen gegen den Hass im Internet, wie z.B. Love-Storm.
Sie alle bannen die Löwengefahr, das macht Hoffnung.
Amen