Predigt in der Reihe "Bilder von Gérard Lattier" in Linkenheim, 23.02.2025 (Prälatin Heide Reinhard)

Liebe Gemeinde,
 
„Ein Spielplatz auf dem Friedhof – das geht doch nicht! Das stört die Trauernden, das Lachen und Toben hat dort keinen Platz.“ So und so ähnlich lauteten viele besorgte und empörte Stimmen als in Karlsruhe vor vielen Jahren über die Planung eines Spielplatzes auf dem Hauptfriedhof, mittendrin zwischen den Gräbern, diskutiert wurde. Heute ist dieser von dort nicht mehr weg zu denken.
 
Es ist ein besonderer Spielplatz: wenn man hineingeht, dann sind da durchaus Spielgeräte zu sehen. Aber sie funktionieren nicht: Die Schaukel kann nicht schaukeln, kein Trampolin federt, keine Wippe wippt. Fest, starr, tot ist alles. 
Über eine Brücke kommt man in einen zweiten Bereich. Hier ist nun alles möglich: wippen, schaukeln, hüpfen - lachen. Hier wird alles wieder lebendig.
 
Foto des Kunstwerks Laisse les morts
Gérard Lattier: Laisse les morts

Quelle: Gérard Lattier

Tod und Leben nebeneinander. An diesen Spielplatz musste ich denken beim Betrachten des Bildes von Gérard Lattier und seinen eigenen Gedanken dazu. 
„Lass die Toten ihre Toten begraben“. Der Titel bezieht sich auf die Worte Jesu, von denen der Evangelist Matthäus im 8. Kapitel seines Evangeliums berichtet:
Als aber Jesus die Menge um sich sah, befahl er, hinüber ans andre Ufer zu fahren. Und es trat ein Schriftgelehrter herzu und sprach zu ihm: Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst. Jesus sagt zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Ein anderer aber, einer seiner Jünger, sprach zu ihm: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus spricht zu ihm: Folge mir nach und lass die Toten ihre Toten begraben! (Matthäus 8,18-22)
 
„Lass die Toten ihre Toten begraben.“ Das ist erst einmal ein harter Satz. Unbarmherzig klingt das. Denn Verstorbene würdig und angemessen zu begraben, ist etwas Wichtiges. Es bedeutet Fürsorge über den Tod hinaus und zeigt, dass wir Menschen ihre Würde auch über den Tod hinaus zusprechen. Es macht uns menschlich und eine gute Bestattung hilft beim Trauern.
Von daher ist es schon wichtig, zu sehen, in welchem Zusammenhang Jesus diesen Satz sagt. Es geht um die Radikalität der Nachfolge, des Glaubens. „Die Füchse haben Gruben und die Vögel … Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ Glauben bedeutet, nichts in der Hand zu haben. Auf Hoffnung hin leben. Mit einfachen Worten gesagt: sich darauf zu verlassen, dass Gott gnädig ist und dass er da ist, in den Höhen und Tiefen des Lebens.
Um diese zutiefst persönliche Dimension geht es in diesen Worten Jesu.
 
Glaube ist damit keine spirituelle Auszeit oder ein Hobby, die ich mal experimentell einplane, keine Lebensphase, die wieder vorübergeht und Kirche ist letztlich auch kein Verein. 
Damit meine ich nicht, dass sich der eigene Glauben nicht auch verändert im Laufe des Lebens. Das tut er, genauso wie die eigene Sprache und Praxis des Glaubens. Und auch wie nah oder fern jemand dem aktiven kirchlichen Leben ist, sagt nichts über den Glauben eines Menschen aus.
Denn Glauben bedeutet, sich auf diesen menschenfreundlichen Gott einzulassen, und zwar durchaus mit allen Zweifeln und Fragen, mit allem Widerstreitenden. 
Oder anders gesagt: Glauben bedeutet, mit Gott eben nicht fertig zu sein. Sondern die Frage nach Gott im Lebens-Spiel drin lassen. 
 
„Lass die Toten ihre Toten begraben“, mit diesem Satz nimmt Jesus aber auch mit hinüber zu sich, mit in das Leben. So wie im Bild von Gérard Lattier, das in zwei Hälften geteilt ist:
Auf der Seite des Lebens ist es hell und grün, überraschende, fröhlich und muntermachende Dinge sind möglich: Tiere, die Musik machen, Kinder werden geboren und freuen sich des Lebens, Menschen leben friedlich zusammen und haben Raum in ihren Orten.
Seine eigenen Erfahrungen im Ohr verstehen wir das Bild und das Evangelium, auf das er sich bezieht, noch viel besser: Wie er mit seiner Mutter jeden Sonntagnachmittag auf dem Friedhof von Sainte Baudile war, am Grab seines Vaters den Schmerz der Mutter miterlebt hat und vermutlich wahrgenommen hat, wie sie darin versinkt: „Mama, meine liebe Mama! Komme bitte du mit mir! Zum Leben müssen wir gehen.“
 
Wer einen geliebten Menschen verloren hat, trauert, fühlt sich einsam, das Leben fällt schwer und das Normal-alltägliche um einem herum scheint wie eine andere Welt, an der man nicht unbeschwert teilnehmen kann. Und – zwar gut gemeinte – Sätze, wie: „Das wird schon. Das Leben geht weiter. Mach doch dies oder das.“ helfen nicht unbedingt. Trauernde sagen manchmal auch, dass sie Druck verspüren, möglichst schnell die Trauer hinter sich zu lassen. Trauern sieht bei jeder und jedem anders aus, braucht unterschiedlich lange Zeit. 
 
Aber es gibt auch das andere, dass Menschen sich in ihrer Trauer verlieren und gar nicht mehr ins Leben zurückfinden. Mir hat einmal eine Frau erzählt: Sie habe nach dem Tod ihres geliebten Mannes lange – viel zu lange gebraucht, bis sie in der Wohnung etwas verändern konnte. Zugleich lähmte sie das. Sie sagte: „Das Um-/Neu-gestalten der Wohnung war total wichtig, befreiend. Es tut nicht gut, in einem Museum wohnen.“
So ging es wohl auch dem kleinen Gérard Lattier mit seiner Mutter. Kinder trauern ebenfalls, aber anders. Es hätte ihm wohl gutgetan, wenn seine Mutter ihn gesehen hätte, wieder ab und an mit ihm fröhlich gewesen wäre, irgendwann einen guten Abschied von ihrem Mann gefunden hätte.
„Komm mit mir, auf die Seite des Lebens.“ Der Satz „Lass die Toten ihre Toten begraben“ antwortet auf diese Sehnsucht Gérard Lattiers. Christus, der in die Nachfolge, zum Glauben ruft, ruft auf die Seite des Lebens. Was diese ausmacht, illustriert die rechte Bildhälfte: Licht und Wärme, Freude, friedliches Leben. 
 
Und alles, was diesem Leben dient, sind Hoffnungswege, die aus dem Dunkel herausführen: wenn Menschen satt werden, wenn Kinder, die in schwierigen familiären Situationen aufwachsen, gut begleitet werden durch Hilfe von außen, aber auch wenn es Orte gibt, an denen unterschiedliche Menschen sich begegnen und kennen lernen können. 
 
„Lass die Toten ihre Toten begraben.“ Christus ruft auf die Seite des Lebens. Wenn ich auf die linke Hälfte des Bildes schaue, dann sind da nicht nur Gräber zu sehen. Im Hintergrund ist der Himmel verdunkelt durch Rauch. Flugzeuge werfen Bomben ab, die Zerstörung bringen. Es gibt nicht nur den natürlichen Tod, der uns alle betrifft. Es gibt auch den Tod verursacht durch Krieg und Gewalt, die Menschen einander antun. 
So ist der Ruf Christi auf die Seite des Lebens auch ein Ruf zur Abkehr von Gewalt und Friedlosigkeit. Denn alles, was dazu führt, dass Menschen Gewalt angetan wird, dient nicht dem Leben. Dies gilt im Kleinen, Alltäglichen wie im Großen, Gesellschaftlichen. Dies gilt für alle Formen von Gewalt. Angefangen bei beschimpfenden und beleidigenden Worten.
 
Viele verstehen nicht, weshalb wir als Kirche, auch als badische Landeskirche hier immer wieder – auch öffentlich und unabhängig von Wahlen – mahnen, uns einsetzen für ein gerechtes, demokratisches und friedliches Miteinander gerade auch in unserem Land. Doch dies hat grundlegend mit dem Glauben an den lebendigen Christus zu tun, der Menschen nicht ausgrenzt, sich fürsorglich zeigt, sich identifiziert mit den Armen und Schwachen. 
Von Christus her gilt es aufmerksam zu sein, wenn Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechtes, ihrer Herkunft, ihrer Religion verachtet werden, wenn Menschenwürde relativiert und missachtet wird, wenn durch populistische Parolen polarisiert wird.
Denn all das führt nicht zu einem gerechten und friedlichen Miteinander, auf dem Demokratien beruhen. Wo Brücken zur Verständigung gesucht werden, wo Menschen sich gegen Hass wenden, wo für Verstehen gesorgt wird, wo Trauernde getröstet werden, Traumatisierte begleitet werden, da werden Wege auf die Seite des Lebens gespurt.
 
Lass die Toten ihre Toten begraben, wende dich ab von der Gewalt, Christus ruft auf die Seite des Lebens. Im Bild von Gérard Lattier nimmt Christus den Jungen, nimmt er uns fürsorglich mit, hin zum Leben.  Aus Wort und Bild spricht die Hoffnung, dass Gewalt und Unfrieden nicht das letzte Wort haben und hoffnungslose Situationen nicht ausweglos bleiben.
Das erinnert mich wieder an den Spielplatz auf dem Karlsruher Hauptfriedhof. Er ist ein wichtiger Ort für Kinder, die trauern. Hier findet Trauerbegleitung statt. Er zeigt, dass es möglich ist, wieder ins Leben hineinzufinden. Für mich ist er auch ein schönes Bild für Ostern, für die Hoffnung, dass das Dunkel vorübergeht und das Leben siegt.
Amen.