Predigt zur Entwidmung der Zachäuskirche in Freiburg, 07.12.2025 (Prälat Dr. Marc Witzenbacher)

Liebe Gemeinde,
es ist so weit. Die Zachäuskirche wird entwidmet. Das Gebäude, das vielen von Ihnen Heimat war, das Generationen begleitet und Glauben, Hoffnung und Gemeinschaft geprägt hat, verliert heute seine kirchliche Funktion. Wir nehmen Abschied – von Mauern, von vertrauten Räumen, von einem Stück Lebensgeschichte.
Doch wir nehmen nicht Abschied von dem, was hier gewachsen ist. Das bleibt. Es geht mit uns, es prägt uns und wird uns auf neuen Wegen begleiten.
In den 1960er-Jahren entstand der Stadtteil Landwasser. Menschen zogen hierher, suchten Wohnungen, Nachbarschaft und Zukunft. Mitten in dieser neuen Siedlung wuchs kirchliches Leben. Evangelische und katholische Gemeinde haben dazu beigetragen, dass Landwasser ein lebendiger, sozialer Stadtteil wurde.
Jahrzehntelang war diese Kirche ein Zentrum evangelischen Lebens:
  • ein Raum für Gottesdienste, Kinderkirche, Chorproben und Konfirmandenarbeit,
  • ein Ort für Gespräche, Seelsorge, Unterstützung und Gemeinschaft,
  • ein Ort, an dem Menschen ihren Glauben tastend, fragend, lachend und weinend leben konnten.
Die Architektur – entworfen von Lothar Dogerloh, geprägt von der Klarheit der Nachkriegsmoderne und seit 1993 mit einer Orgel der Architektengruppe F70 ausgestattet – wollte genau das ermöglichen: Raum schaffen für Gemeinschaft, Raum für Gott, Raum für das Leben. Taufen und Trauungen, Konfirmationen und Segnungen; stille Gebete und klagende Tränen; Lachen, Musik, Jugendgruppen und Feste – all das hat dieser Kirche Gesicht gegeben. Für viele war sie ein Stück Himmel in Landwasser. 
In diese Situation und Stimmung hinein hören wir heute auf Worte aus dem 21. Kapitel des Lukas-Evangeliums:
Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wo-gen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.
 
Jesus spricht von Erschütterungen, von Zeichen an Sonne, Mond und Sternen, von Angst und Unsicherheit. Vieles davon kommt uns vertraut vor – gesellschaftlich, politisch, kirchlich, persönlich. Und wir erleben ja heute eine solche Erschütterung. 
Und doch sagt Jesus gerade in solche Zeiten hinein: „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Das ist ein Adventswort – ein Wort für Menschen, die loslassen müssen, für Gemeinden in Veränderung, ein Wort für uns heute in Landwasser.
 
Wir entwidmen heute die Zachäuskirche. Das tut weh, weil hier so viel Gutes geschehen ist und weil ein Stück Heimat geht. Aber wir verlieren nicht, was in diesen Mauern gewachsen ist: die Gemeinschaft, der Glaube, das Vertrauen und die Hoffnung, die hier genährt wurden. All das geht mit uns. Darum werden wir gleich im Anschluss den vielen Menschen danken, deren Engagement dieses kirchliche Leben getragen hat – in Gottesdiensten und Musik, in Kinder- und Jugendarbeit, in Gruppen, Kreisen und stillen Diensten. Ihr Einsatz hat diese Gemeinde geprägt. In ihrem Tun wurde Gottes Verheißung lebendig. Dafür danken wir von Herzen und bitten um Gottes Segen für ihren weiteren Weg.
Gottes Verheißungen sind nicht an Steine gebunden, sondern an Menschen. Wir bleiben Gemeinde – auch wenn wir neue Räume finden, uns an anderen Orten treffen und Strukturen sich verändern. Kirchliches Leben wird weitergehen, vielleicht anders als früher, vielleicht leiser oder flexibler, aber getragen von derselben Liebe Gottes. 
 
Diese Kirche wird nicht einfach leer stehen. Sie erhält eine neue, wichtige Aufgabe: Als Schlafstätte für obdachlose Menschen wird sie in den Wintermonaten Schutz, Wärme und Sicherheit bieten – bis zu 25 Menschen. Ein Ort, an dem Menschen einst Gott, Hoffnung und Geborgenheit suchten, wird nun jenen dienen, die all das am nötigsten brauchen. Das ist ein tiefes biblisches Zeichen. Zachäus – der Namensgeber dieser Kirche – war ein Mensch am Rand, einer, der Schutz und einen neuen Weg suchte. Und Jesus sagte zu ihm: „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ So kann auch dieses Haus künftig ein Ort sein, an dem Christus einkehren kann – in Gestalt der Menschen, die hier Schutz finden. Vielleicht liegt darin ein neuer Segen für diesen Ort. Advent ist die Zeit, in der wir neu lernen, was Hoffnung bedeutet: nicht die Hoffnung, dass alles bleibt, wie es war, sondern dass Gott Zukunft schenkt; dass sein Licht stärker ist als unsere Dunkelheit; dass aus Abschieden neue Wege wachsen können.
 
Jesus sagt: „Wenn dies alles geschieht, dann richtet euch auf.“ Wir dürfen traurig sein. Aber wir dürfen zugleich getröstet sein: Gottes Wort vergeht nicht. Gottes Gegenwart vergeht nicht. Gottes Liebe vergeht nicht.
Was hier geschehen ist, bleibt in unseren Herzen. Es wirkt weiter in unserem Glauben und in unserer Gemeinschaft – wie eine Melodie, die verklungen ist und doch in uns weiterklingt, wie eine Kerze, die erlischt und doch viele andere Kerzen entzündet hat.
 
Liebe Gemeinde,
Gott geht mit uns – in neue Räume, neue Formen von Kirche, neue Aufgaben und neue Wege. Und Gott bleibt auch hier: in dieser Kirche, die nun Menschen Schutz bietet; in diesem Stadtteil, der sich weiter wandeln wird; in jedem Menschen, der Hoffnung sucht. So nehmen wir Abschied – dankbar für das, was war, und voller Vertrauen in das Wort Jesu: „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.