Liebe Festgemeinde,
stellen Sie sich einen Moment vor, unsere Orgel hätte ein Gedächtnis – nicht nur für Töne, sondern für alles, was sie erlebt hat. Dann würde sie heute nicht einfach nur neu klingen. Sie würde erzählen. Vielleicht nicht laut und nicht sofort. Eher so, wie eine Orgel selbst beginnt: mit einem leisen Atem, kaum hörbar – und doch schon voller Leben.
Sie würde erzählen von ihrer Bauzeit, in der Johann Andreas Silbermann aus Straßburg mit seiner Werkstatt sie hier errichtete. Die Orgel würde vermutlich erzählen von den Menschen, die sich in der Gemeinderatssitzung vom 13. April 1772 für Silbermann als Orgelbauer entschieden hatten, auch wenn er etwas teurer war, man aber die Versicherung erhielt, dass die Orgel hundert oder zweihundert Jahre halten werde – das ist aufgegangen, wie man heute sieht. Die Meißenheimer wussten eben schon damals, was Qualität bedeutet und wert ist.
Sie würde sicher erzählen von Stimmen, die hier gesungen haben, von Händen, die gespielt haben, von Gebeten, die gesprochen wurden – und von solchen Menschen, die keine Worte mehr fanden.
Sie würde erzählen von den vielen Virtuosinnen und Virtuosen, die sie zum Klingen gebracht haben – darunter auch Albert Schweitzer, ebenso unzählige Schülerinnen und Schüler, die auf ihr das Spielen gelernt haben. Und sie würde sicher höflich viele Misstöne verschweigen.
Und vielleicht würde sie all ihre Erzählungen nicht im Tutti beginnen, sondern ganz leise. So leise wie ein Gebet im Verborgenen.
Damit sind wir mitten im Predigttext. Ich lese aus dem 6. Kapitel im Matthäusevangelium:
5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr be-dürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
Liebe Festgemeinde,
dieser Text wirkt fast wie ein Gegensatz zu diesem Tag. Wir feiern ein großes Jubiläum, hören wieder nach zweieinhalb Jahren den vollen Klang unserer wunderbar renovierten Orgel, erleben etwas Sichtbares und Bewegendes – und Jesus spricht von der Stille, vom Verborgenen, vom Gebet hinter verschlossenen Türen.Aber vielleicht zeigt uns dieser Text den inneren Grundton, ohne den alles andere leer bliebe.
Denn wir feiern diesen Festgottesdienst am Sonntag Rogate. Rogate – betet.
Alles, was heute hörbar wird, hat seinen Ursprung im Nicht-Hörbaren. Alles beginnt im Verborgenen. Wenn wir die Silbermann-Orgel Meißenheim hören, hören wir nicht nur wunderbaren Klang, sondern auch ihre Geschichte. Diese Orgel wurde 1776 für genau diesen Raum gebaut – und ist bis heute die einzige erhaltene badisch-evangelische Silbermann-Orgel und gehört zu den 100 bedeutendsten Orgeln der Welt. Sie können natürlich selbst nun überlegen, welche Position auf der 100er-Skala sie einnimmt…
Sie wurde als schlichte Begleitorgel für den Gemeindegesang konzipiert – und gerade darin liegt ihre Größe: dass sie dient. Dass sie trägt. Dass sie Raum öffnet für das, was oft im Verborgenen zwischen Gott und Mensch geschieht.
Und vielleicht geschieht gerade in der Musik etwas davon besonders tief. Musik ist nicht nur Schmuck des Gottesdienstes. Sie kann selbst Gebet werden. Dort, wo Worte fehlen, kann ein Klang etwas ausdrücken, was sich nicht mehr sagen lässt.
Musik ist gerade deshalb dem Gebet so nah: weil sie uns hineinführt in ein Hören, ein Ver-trauen, ein Sich-Anrühren-Lassen. Im Klang geschieht manchmal etwas zwischen Gott und Mensch, das verborgen bleibt – und doch trägt.
Die Geschichte dieser Orgel ist aber nicht nur eine Geschichte von Schönheit und vollem Klang, sondern auch von Brüchen und Veränderungen. Pfeifen mussten kriegsbedingt 1917 abgegeben werden, spätere Umbauten veränderten den Klang, mehr als einmal bestand die Gefahr, dass man sie durch ein neues Instrument ersetzen würde. Und mit der Zeit verlor die Orgel an Kraft. Man könnte sagen: Sie konnte nicht mehr richtig atmen.
Und da begann das, was wir heute neben dem 250. Jubiläum mit großem Dank feiern: 2018 haben sich Menschen auf den Weg gemacht – viele aus der Gemeinde, Restauratoren, Orgelbauer, Fachleute. Sie haben organisiert, gesammelt, getragen. Oft im Verborgenen und ohne großen Auftritt. Sie haben nicht einfach repariert, sondern hingehört, verstanden, neu ausgerichtet. Die Windanlage wurde erneuert, damit wieder Atem da ist. Die Mechanik wurde neu geordnet, damit die Verbindung stimmt. Der Klang wurde behutsam zurückgeführt. Noch ist nicht alles fertig, aber die wesentlichen Schritte sind vollzogen.
Aber diese Orgel wird nicht einfach neu. Sie kommt wieder näher zu sich selbst. Und genau darin liegt die tiefere Bedeutung dieses Tages. Denn was hier geschehen ist, ist auch ein Bild für uns selbst.
Das Gebet, von dem Jesus spricht, ist genau das: nicht zuerst Reden, sondern Ausrichtung. „Euer Vater weiß, was ihr bedürft“ – das heißt: Wir müssen nichts leisten und nichts beweisen. Wir dürfen uns neu orientieren. Das Gebet, das Vaterunser, hilft uns dabei. Das Vaterunser beginnt nicht bei uns, sondern bei Gott: dein Name, dein Reich, dein Wille. Erst daraus heraus kommen unser Brot, unsere Schuld, unsere Angst in den Blick. Es ist, als würde mit diesem Gebet etwas in uns neu gestimmt. Eine leise Restaurierung des Lebens.
Und dieses Ausrichten hat im Glauben eine Mitte: das Kreuz – griechisch „stauros“. Philologisch ist das abwegig, aber ich höre in der lateinischen Restaurierung auch dieses griechische Wort „stauros“, das Kreuz. Am Kreuz zeigt sich Gott nicht in Macht, sondern in Hingabe und verletzlicher Liebe. Nicht fern vom Gebrochenen, sondern mitten darin.
Vielleicht berührt sich das mit dieser Orgel. Auch sie klingt nicht aus Stärke allein. Ihr Klang lebt von Atem, von feiner Abstimmung, von sensiblem Zusammenspiel und Abstimmung der Register. Ohne Wind kein Ton. Und die Bibel sagt: Gottes Geist ist Atem. Tragender Lebenshauch. Leben entsteht nicht aus sich selbst. Es wird geschenkt.
So hat diese Orgel mit ihrem Atem und ihren Tönen über 250 Jahre Menschen getragen – nicht nur die, die stark geglaubt haben, sondern auch die, die gezweifelt haben oder keine Worte mehr fanden. Vielleicht ist das das Schönste, was man von ihr sagen kann: Sie hat getragen. Und vielleicht ist das auch das Schönste, was man von Gott sagen kann.
Und so fügt sich an diesem Tag alles zusammen: der Sonntag Rogate, der uns ruft „Betet“, der Predigttext – und diese Orgel, die uns hören lässt, was das bedeuten kann. In der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ von Johann Sebastian Bach (BWV 147) erklingt am Ende der Choral „Jesus bleibet meine Freude“. Eine Musik, die nicht drängt, sondern trägt.
Und für mich ist gerade das ein Bild für den Glauben: dass Musik uns nicht nur etwas über Gott erzählt, sondern uns hineinzieht in diese verborgene Begegnung mit ihm. Dass ein Choral selbst zum Gebet werden kann.
Und gleich hören wir diesen Choral vom Chor auf der Orgel begleitet, die selbst neu zum Klingen gefunden hat.
Vielleicht liegt genau darin die Freude dieses Tages: dass wir Erneuerung hören können. Dass wir nicht nur von Atem sprechen – sondern ihn im Klang spüren.
Vielleicht hören wir diesen Choral heute anders als sonst: nicht nur als vertraute Melodie, sondern auch als zusammenfassende und er-neuernde Antwort auf all das, was wir heute feiern dürfen:
„Jesus bleibet meine Freude.“
Amen.
