Manchmal ist es mir zu laut. Neulich bin ich Zug gefahren. Nach einem langen Tag wollte ich nur noch nach Hause – meine Ruhe haben. Zwei Reihen vor mit findet eine laute Unterhaltung über Geldanlagen statt, eine Reihe hinter mir telefoniert jemand. Ohne es zu wollen erfahre ich Dinge, die ich nicht wissen will. Meine Ohren kann ich – anders als meine Augen – nicht schließen.
Von allen unseren Sinnen ist unser Gehör am differenziertesten. Auch im Schlaf nimmt es Geräusche wahr, um uns zu warnen. Eltern von kleinen Kindern können davon ein Lied singen. Blitzschnell nehme ich wahr, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt, was mir bei Gefahren im Straßenverkehr hilft – und nicht nur dort.
Laute Geräusche höre ich sofort und ohne, dass ich es will. Manche stören mich, und manche können sogar krank machen. Die leisen Töne sind eher das Problem. Was habe ich überhört, was habe ich nicht wahrgenommen?, frage ich mich nach einem Streit. Habe ich nicht genau genug hingehört? Und warum hört mein Gegenüber mir nicht zu? Neulich erzählte mir eine Freundin vom Suizid eines Jugendlichen. Seine Eltern werden sich diese Frage stellen: was habe ich nicht gehört? – Und sie werden keine Antwort mehr bekommen. Das ist belastend und schrecklich. Manchmal ist es zu spät, alle Zwischentöne zu hören.
Und manchmal stelle ich meine Ohren auf Durchzug, wie man so sagt. Kinder können das besonders gut. Aber ich schaffe das auch. Wenn es etwas zu hören gibt, das unangenehm werden könnte, oder wenn ich meine, dass ich eh schon weiß, was das Gegenüber sagen möchte. Ich höre ein Rauschen, aber ich höre nicht zu. Ich fühle mich nicht angesprochen – so als wäre ich nicht gemeint.
Auf und zu: aufhören mit dem Reden und Denken; zuhören und hinhören – das ist eine Kunst, die gut tut, mir selbst und anderen. „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht“ (Hebräer 3,15). So heißt der Wochenspruch für den Sonntag Sexagesimä. Gott lässt seine Stimme hören: sein Wort, seine Liebesbotschaft möchte unser Ohr, unser Herz treffen. „Fürchte dich nicht, du gehörst zu mir“, sagt er. Und „ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet“. „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Großzügig breitet Gott seine Botschaft der Liebe aus, und er sagt uns zu, dass sein Wort eine Wirkung hat, die Menschen und Welt zum Blühen bringt (Jesaja 55,8-11). Mit Gottes Worten bin ich gemeint. Manchmal muss ich genau hinhören, damit ich sie nicht überhöre. Denn in der Regel tönt Gottes Wort nicht ohrenbetäubend laut.
Was hilft mir beim Hören?, frage ich mich. Wo muss ich weghören und wo hinhören? Wo bin ich gemeint und wo nicht? Welche Geräusche wollen mich warnen und welche wollen mir gut tun?
Ich will mir Zeit nehmen, gerade jetzt so kurz vor der Passionszeit. Ich will hinhören, mir Gottes Wort sagen lassen und darauf vertrauen, dass es sich durchsetzen wird – auch wenn ich davon manchmal so wenig entdecke.
Vielleicht kann ich dann auch großzügig sein, wenn wieder jemand im Zug von Kochrezepten plaudert. Denn ich weiß ja: das ist für mich nicht gefährlich, und es betrifft mich nicht. Hier bin ich nicht gemeint. Das kann ich getrost überhören. Aber ich will in allem, was ich höre, hinhören. Vielleicht sagt Gott mir etwas. Oder mein Gegenüber offenbart mir seinen Schmerz und seine Not. Und das geht mich an.
