„Reminiscere – Erinnere dich!“

Arngard Uta Engelmann
"Reminiscere - Erinnere dich!" Welch ein starker Name eines Sonntags!
Mit dieser Aufforderung bringt der 2. Sonntag in der Fastenzeit etwas Kraftvolles mit sich – und legt damit gleichzeitig eine Antwortspur für die Fragen dieser Tage:
Was ist es genau, dem wir in der Fastenzeit nahekommen wollen?
Was ist es, woran wir festhalten wollen – „fastan“, wie es im alten Deutsch heißt? Wovon nicht ablassen?
„Erinnere dich, Gott, unser Herr, an deine Barmherzigkeit“. „Reminiscere, Domine, misericordiam tuarum“. Der Sonntagsname zitiert das Psalmwort Psalm 25,6. Eindringlich bittet der Psalmbeter Gott, sich an seine Barmherzigkeit zu erinnern.
Im Hebräischen ist das Wort für „Barmherzigkeit“ eng verwandt mit dem Wort für „Gebärmutter“ (rächäm). Im übertragenen Sinne beschreibt „Barmherzigkeit“ also einen Raum des Lebens, einen Raum des Ankommens, einen Schutzraum, in dem menschliches Leben geborgen ist, genährt wird. Einen Ort des Aufgehobenseins, für Reifung, für Wachstum. Einen Zeit-Raum zur Entwicklung. Gottgewollt.
In diesen Tagen, in denen der Atem angehalten wird und sich Lähmung und Hektik zugleich angesichts des Weltgeschehens unser und der Politik bemächtigen, da fühle ich mich besonders hineingenommen in diese Bitte:
schenke Du, Gott, einen Schutzraum für das Leben, erinnere Dich deiner Barmherzigkeit.
Und während ich mir diese alten Worte leihe, „Erinnere dich, Gott!“, werde ich dadurch selbst erinnert: an die Liebe Gottes, die nicht will, dass Menschen preisgegeben werden, verloren gehen. Werde erinnert an die Liebe Gottes, die nicht auf Sieger oder Unterlegene bei einem Krieg oder in einem Konflikt aus ist, sondern den Frieden will. Entwicklungsraum für jedes Leben.
Ich werde erinnert an die Liebe Gottes, die auch mir solche Barmherzigkeit ins Herz legt und die Mitwirkung daran zutraut. In Schutzräumen für das nackte Überleben, an Orten der Geborgenheit nach den Erfahrungen von Gewalt, in Hilfsgüterlieferungen, in offenen Türen, deren Anblick Seelen nach den Kriegsschrecken aufatmen lässt, in Gesten des Willkommens entdecke ich sie.
Wenn ich mir die alten Worte der Erinnerung Gottes an seine Barmherzigkeit leihe, denke ich aber auch an andere Schutzräume für das Leben – und bitte inständig darum:
Angesichts der Gewalt durch Waffen und unaussprechlichen menschlichen Leids, angesichts der hastigen Aufrüstungsvorhaben als scheinbar zwingende Logik, angesichts des Lärmens von Waffenschmieden bitte ich um den Schutzraum zum Nachdenken, den notwendigen Zeit-Raum für Austausch, um die Elastizität für Komplexes, um Kraft, immer wieder und wieder Friedensverhandlungen zu unternehmen.
Ich bitte um das abwägende Ausloten von Möglichkeiten und Gesprächskorridoren, das Aushalten der Zumutungen dabei, um den Geist der Besonnenheit, um Kreativität für Wege des Friedens.
Und hoffe bei all dem, mich durch die Bitten selbst darauf je neu zu besinnen.
Daran halte ich fest, lasse mich erinnern durch diesen Sonntag.
Erinnere dich, Gott, Deiner Barmherzigkeit.
Sei barmherzig, Gott, und erinnere uns an Dich.
Aus Psalm 25:
Zeige mir, Herr, deine Wege,
lehre mich deine Pfade
Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich,
denn du bist der Gott meiner Hilfe
und auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
Denke, Herr, an deine Barmherzigkeit
und deine Gnaden, die seit Ewigkeit sind.