Pflügen oder grubbern

Dagmar Zobel
„Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“. Der Wochenspruch für diese Woche (Lukas 9, 62) hat mich angeregt, über das Pflügen nachzudenken.
Es ist März. Die Bauersleute müssen nach dem Winter wieder aufs Feld und ackern, damit wir alle übers Jahr gut versorgt werden. Sie müssen den Boden für die Saat bereiten, möglichst effektiv und nachhaltig. Ich habe mir sagen lassen, dass sich da heutzutage die Frage stellt: pflügen oder grubbern? Also: die Erde tief lockern und wenden, wie das beim Pflügen geschieht oder nur leicht die Oberfläche auflockern, wie man das mit dem Grubber macht.
Das radikalere Pflügen hat den Vorteil, dass dadurch die Unkrautbildung gehemmt wird, die Nährstoffe im Boden auch in die oberen Schichten gelangen und mehr Raum für die Pflanzen zum Durchwurzeln bereitet ist.
Das flachere Grubbern schont das Bodenleben mit Regenwürmern und anderem Getier, fördert die Humusbildung, erhält die Struktur und schützt vor Erosion, ist also eine eher konservierende Bodenbearbeitung.
Beides, das Pflügen und das Grubbern hat also Vor-, aber auch jeweils Nachteile.
Die Fachleute mögen mir meinen dilettantischen Blick verzeihen, aber ich finde die Fragestellung auch in Hinblick auf unsere kirchliche Bodenbearbeitung spannend.
Worauf legen wir unser Augenmerk? Brauchen wir eine tiefgreifende Lockerung von verfestigten Strukturen, damit neue Saat aufgeht, die sich entfalten kann? Riskieren wir damit das Durcheinanderwirbeln des gewachsenen Bodenlebens und mögliche Erosion?
Oder sollen wir versuchen, das Gewordene möglichst schonend zu bewahren, die Arbeit und den Nutzen der Bodenlebewesen würdigen, die gefestigten Strukturen nutzen und darauf die neue Saat auszubringen?
Pflügen oder grubbern – diese Alternative kommt in so manchen Entscheidungen, die wir in den kirchlichen Veränderungsprozessen zu treffen haben, immer wieder in den Blick.
Ob wir pflügen oder grubbern - was ist es eigentlich, was wir aussäen können, welches Saatgut steht uns zur Verfügung und was wird gebraucht, damit alle gut versorgt werden können?
Beim Propheten Hosea lesen wir: „Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maß der Liebe. Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den Herrn zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt.“ (Hos 10,12)
Gerechtigkeit säen – ein großes Vorhaben! Doch wir werden in dem, wie wir als Christenmenschen in dieser Welt leben können und was wir auch in diesen Tagen tun sollen, immer wieder darauf gestoßen: Gerechtigkeit und Liebe zu üben, zu säen, zu ernten.
Die ganze Bibel ist eigentlich eine Anleitung, Gottes Gerechtigkeit in der Welt Raum zu geben: die Geschichten von Versöhnung, von Nächstenliebe und dem Schutz der Fremden, Geschichten von der Würde des Menschen und der Solidarität mit den Armen und Schwachen, das Einstehen für Frieden, weil das Leben kostbar ist und von Gott geliebt, die Zuversicht, dass wir dank der Gerechtigkeit Gottes durch Jesus Christus eine Zukunft haben und diese Zukunft schon begonnen hat. Nichts muss bleiben, wie es ist, auch wir nicht.
Ganz praktisch und konkret offenbart uns Gott seine Gerechtigkeit, die wir in der Welt verbreiten sollen, nicht nur in gewohnten Bahnen, sondern eben auch auf neuen Feldern. Pflüget ein Neues. Auch in unserer Kirche gibt es immer wieder Umbrüche, in denen Altes zu Ende geht und Neues sich ankündigt. Aber der Auftrag bleibt: Gerechtigkeit zu säen, Gott zu suchen und sich danach zu sehnen und auszurichten, dass Gott kommt und selbst Gerechtigkeit regnen lässt über uns.