Danke, Thomas!

Kreuzigung

Urte Bejick

Ein Hoch auf den Apostel Thomas! Wenn der eigene Glauben mitunter fadenscheinig wird und Risse bekommt - da gab es einen im Kreise Jesu, dem es ebenso ging.

 
Nein, ich will nicht bis zum Winter warten, um ihm zu danken.  Den kürzesten Tag des Jahres, den 21. Dezember, hat man ihm als Gedenktag zugestanden: Thomas, dem großen Zweifelnden. 
Ja, im Winter, wenn alles grau, kalt und trostlos erscheint, da mögen die Nebel des Zweifels aufsteigen. Aber jetzt, unter singenden Vögeln, strahlender Natur, da muss einer, da muss eine schon Mut haben, zu zweifeln. Und so ist es eine große Weisheit, dass sowohl kurz vor Weihnachten und inmitten des Osterjubels immer auch diese Geschichte erzählt wird: Wie der Apostel Thomas dem Zeugnis der Auferweckung nicht glauben kann, wenn er nicht den Erstandenen selbst sehen kann, anfassen, seine Wunden ertasten (Joh 20,24-29).
 
Ein Hoch auf den Apostel Thomas!
Wo immer das Osterevangelium gelesen wird, wird auch seiner gedacht.
Er ist der Beistand der Depressiven, die das erwachende Frühjahr wie hinter einer Glasscheibe wahrnehmen. Er ist der Nothelfer, wenn nachts die Schlaflosigkeit und das Verzweifeln am eigenen Lebens plagen. Er ist der Fürsprecher aller, die so gerne glauben und vertrauen möchten, aber es nicht vermögen. Er ist der Anwalt der Zögernden, die nicht für sich beanspruchen zu wissen, was getan werden sollte, hätte getan werden müssen. 
Er hat ein Herz für die, die abschätzig „Bedenkenträger“ und „Bedenkenträgerinnen“ genannt werden. Wenn der eigene Glauben mitunter fadenscheinig wird und Risse bekommt- da gab es einen im Kreise Jesu, dem es ebenso ging. 
 
Dank dir, Thomas, denn dein Glauben ist groß.
Ja, Thomas, der gerne „kleingläubig“ genannt wird, denkt die Auferstehung groß. Er lässt sich nicht abspeisen mit Frühlingserwachen, das Leben geht weiter, setzt sich letztendlich durch.
Als Beweis der Auferweckung will er die Wunden Jesu sehen und betasten- sie sind ihm Garanten der Wahrheit, nicht etwa ein wiederhergestellter, heiler, rehabilitierter Leib noch eine wie immer geartete geistige Existenz.
Was wird aus den Wunden- der Gefolterten, wahllos Gemordeten, der seelisch Verletzen und Gedemütigten und den vielen kleinen Alltagswunden? Es ist so widersprüchlich und nicht lösbar: Die Schönheit der Schöpfung und ihre Grausamkeit, Gottes Güte und das Leiden und die Verlassenheit von Menschen, gerade auch derer, die ihn ersehnen und lieben. Das Johannesevangelium fasst diese für uns unfassbare Ambivalenz im Bild des Auferweckten, der seine Wundmale noch trägt, der sich berühren lässt und doch so anders ist, in seiner Verwundung heil und auf dem Weg in Licht und Herrlichkeit.
 
Nur eine Wirklichkeit, die auch Verletzbarkeit in sich birgt und ins Leben bettet, die die Verwundungen der Seelen, der Leiber, der ganzen Kreatur mitleidet und trägt, mag Thomas „Kyrie“ und „mein Gott“ nennen. Welch ein Bekenntnis! 
 
Thomas- groß unter den Aposteln und Apostelinnen. Groß ist er nicht aus sich selbst. Er braucht dazu ein Gegenüber, den auferweckten Christus, der sein Fragen zulässt. Einen Gott, der sich anzweifeln lässt. Einen Glauben, der seinen Bruder Zweifel schwesterlich umarmt, ihn stützt und sich von ihm stützen lässt. Eine Glaubensgemeinschaft, die immer wieder seine Geschichte erzählt.
 
„Sei nicht ungläubig, sondern gläubig,“ rät Jesus zuletzt, nicht allein Thomas, sondern vielmehr uns Leserinnen und Lesern. „Selig, wer glaubt, ohne zu sehen.“ Ich möchte das „glauben“ übersetzen mit „Vertrauen haben“ , auch wenn die sogenannte Wirklichkeit dagegen spricht. Denn ohne Zweifel: Ein Restrisiko bleibt. Sonst wäre Glauben Rechthaberei, Zweifel Kritiklust, Hoffnung keine Hoffnung, Leben nicht Leben. Glauben ist Wagnis und der Zweifel mahnt uns immer wieder, dass Gott nicht selbstverständlich ist. Dafür: Danke, Thomas!
 
  

Dr. Urte Bejick

Theologin/ Bereich Altenheimseelsorge, Abt. Seelsorge/ZfS