Wenn Corona und Impfen zum Streit führt

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Beim Gespräch über den Sinn von Corona-Maßnahmen oder zum Thema Impfen kann es schnell zu einem Schlagabtausch kommen, bei dem Argumente, Statistiken, medizinische Informationen hin und her wechseln, und keine Übereinstimmung zu finden ist. Besonders schlimm sind solche Corona-Streitereien, wenn wir mit Menschen aneinandergeraten, die uns wichtig sind und mit denen wir uns verbunden fühlen. Wie soll man sich in Corona-Streit-Situationen verhalten?
Wie in allen Konfliktgesprächen ist es wichtig, die andere Position nicht abzuwerten, sondern zu respektieren. Wenn jemand Angst vor einer Impfung hat, dann mag diese Angst für mich nicht verständlich sein – aber ich sollte deshalb meinen Gesprächspartner nicht verspotten. Auch wenn die andere Person für mich nicht nachvollziehbare Positionen vertritt, darf ich den Respekt vor ihr nicht verlieren. Und das äußert sich auch in Wortwahl und Tonlage.
Ein Austausch von Argumenten, Zahlen und Fakten mag sinnvoll sein, oft leidet das Gespräch aber darunter, dass es gar keine gemeinsame Fakten- und Argumentationsbasis gibt. Hier hilft nur ein Ausstieg aus dem Schlagabtausch – vielleicht mit einer überraschenden Frage oder der Bitte, von eigenen Erfahrungen zu erzählen.
Beieinander bleiben – trotz Differenzen
Oft ist es so, dass hinter Fakten, Behauptungen und Argumenten ein tieferliegendes Anliegen steckt: Menschen wollen selbst entscheiden was sie mit ihrem Körper machen. Oder sie haben Angst vor langfristigen Folgen. Oder sie sind wütend, dass ihre Freiheit eingeschränkt wird. Manchmal ist es einfacher, diese Anliegen zu verstehen und über sie ins Gespräch zu kommen, als über Argumente und Behauptungen auf der Faktenebene.
Und schließlich wird es immer wieder auch zu dem Punkt kommen, wo man sich nicht verständigen kann. Dann bleibt nur, diese Differenz auszuhalten, auch wenn das schmerzhaft ist, und dennoch die Beziehung nicht abzubrechen, einander weiterhin mit Respekt zu begegnen, sich durch das Gespräch über andere Themen auch wieder zu vergewissern, dass es immer noch eine gemeinsame Basis gibt. Nur wenn wir aneinander festhalten, wird es möglich sein, dass Corona-Streitereien nicht zu einer Spaltung von Familien, Freundeskreisen, Gemeinden und der Gesellschaft führen. Einander auch im Streit Achtung und Respekt zu erweisen – das ist gelebte Nächstenliebe.
Gibt es Grenzen des Akzeptablen?
Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, erleiden gegenwärtig deutlich mehr Einschränkungen als Geimpfte. Dass sie darüber frustriert und empört sind, lässt sich nachvollziehen. Wo aber nehmen Frust und Empörung problematische Züge an?
Nicht akzeptabel ist es, wenn Menschen die erlittenen Einschränkungen etwa mit der Benachteiligung und Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten in der Nazizeit vergleichen. Das ist deshalb nicht akzeptabel, weil damit das Leid der Opfer des Naziregimes auf eine Weise verharmlost wird, die verkennt, was damals wirklich an Gewalt und Unrecht geschehen ist. Niemand, der sich nicht impfen lassen will, wird hier mit Gefängnis bedroht, verliert Hab und Gut, muss Gewalt oder gar Tod befürchten. Diese Unterscheidung muss deutlich bleiben.
Manchmal behaupten Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, sie würden zu Opfern von Diskriminierung, und vergleichen den Staat, der Nicht-Immunisierte von bestimmten Aktivitäten ausschließt, mit dem DDR-Regime. Und auch der Kirche, welche die Corona-Regeln anwendet, wird manchmal Diskriminierung vorgeworfen – und das in einem Jahr, in dem die Jahreslosung lautet: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Joh.6,37).
Schutz vor Corona ist keine Diskriminierung
Aber bedeutet die Umsetzung der Corona-Regelungen wirklich Diskriminierung? – Diskriminierung ist dort gegeben, wo Menschen benachteiligt werden aufgrund eines Sachverhalts, der nichts mit dem Ausschluss zu tun hat. Wenn ein Mensch wegen seiner dunklen Hautfarbe nicht Kirchenältester werden könnte, dann wäre das eine Diskriminierung, die nicht nur dem Grundgesetz, sondern auch unserer biblischen Grundorientierung widerspricht. Wenn ein Mensch aber nicht Ältester werden kann, weil er kein Kirchenmitglied ist und es auch nicht werden möchte, dann ist das keine Diskriminierung, sondern von der Sache her geboten. Ungeimpfte von bestimmten Aktivitäten auszuschließen, da sie sich und andere leichter mit Corona infizieren können als Geimpfte, ist deshalb keine Diskriminierung.
Die Opposition gegenüber den staatlichen Corona-Regelungen führt manchmal auch dazu, dass Menschen den Staat als Überwachungsstaat und als Diktatur brandmarken. Auch hier wäre aus kirchlicher Perspektive Vorsicht geboten. Sicher ist es auch für Christenmenschen erlaubt und manchmal sogar geboten, staatliche Regelungen zu kritisieren oder sich gegen eine übergriffige Staatsgewalt zu stellen. Bisher wurde die Corona-Politik der Bundes- und Landesregierungen allerdings im Großen und Ganzen von einer Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen – das ist Zeichen für gelebte Demokratie. Und der Mehrheit vorzuwerfen, sie verhalte sich diktatorisch, zeugt selbst von mangelndem Demokratieverständnis.
Wie sich positionieren zu Spaziergängen?
In manchen Städten und Dörfern finden seit einiger Zeit Demonstrationen und sogenannte Spaziergänge von Gegnern der Corona-Regelungen statt. Wie sollten sich Kirchengemeinden dazu verhalten?
Zunächst einmal ist es wichtig, das Recht auf Demonstrations- und Versammlungsfreiheit zu achten – solange solche Demonstrationen und Versammlungen gewaltfrei ablaufen.
Zunächst einmal ist es wichtig, das Recht auf Demonstrations- und Versammlungsfreiheit zu achten – solange solche Demonstrationen und Versammlungen gewaltfrei ablaufen.
Aufstehen gegen Rechts
Aber es kann auch wichtig sein, ein öffentliches Zeichen dafür zu setzen, dass eine große Zahl von Menschen die Corona-Regelungen und die Politik der Regierungen anders bewerten. Manchmal kann es wichtig sein, die Straße nicht den Corona-Kritikern zu überlassen. Insbesondere dann, wenn diese die Verärgerung über Corona-Regelungen dazu nutzen, um Verunsicherung zu verbreiten, um für rechtsextreme Positionen zu werben und um gegen die demokratische Ordnung und den Staat zu mobilisieren. Dabei sollte eine direkte Konfrontation und Abwertung der Corona-Gegner vermieden werden. Stattdessen sollte deutlich werden, wofür Kirche steht: Für den Schutz der Schwachen, für Solidarität, für Zusammenhalt. Dabei gilt es, Formen zu nutzen, die Geist der Gewaltfreiheit atmen: Menschenketten, Schweigestunden mit Kerzen, Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Pandemie und die besonders durch sie Belasteten im medizinischen Bereich.
Herr Dr. Matthias Kreplin
Oberkirchenrat / Leiter des Referats 1 "Verkündigung in Gemeinde und Gesellschaft"