„Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“ (Lukas 2, 30-32). Das sagt der alte Simon im Angesicht des Knaben Jesus. Der alte Simon, der weiß, dass sein Leben zu Ende geht. Dennoch sieht er hoffnungsvoll in die Zukunft. Da ist ein Licht, da ist Heil, ganz unabhängig davon, wie lange er noch leben wird.
Und ich frage mich: Wie sehe ich die Zukunft?
Der Blick in die Nachrichten erzählt mir, dass uns ein kalter Winter oder eine teure Strom- und Gasrechnung oder beides bevorsteht.
Schaue ich mir Science Fiction an wie Blade Runner oder Oblivion, so haben sie meist einen düsteren Grundton. Die Welt ist unlebbar geworden - mit ein paar winzigen Ausnahmen natürlich.
Oder ich male mir aus, wie unsere Kirche in nicht allzu ferner Zukunft aussieht. Während die Nation am Sonntagmorgen joggt, frühstückt oder ausschläft, trifft sich ein kleines Grüppchen in einem Wohnzimmer zum Gottesdienst. Die Kirchengebäude sind verkauft, die Gemeinden aufgelöst. Die Geschichten der Bibel werden im Deutschunterricht als eigene Gattung nach den Märchen behandelt. Religiosität gibt es zwar noch, aber jeder glaubt anders.
Bei diesem Blick in die Zukunft frage ich mich, was bleibt jenseits unserer Kirchlichkeit?
Was bleibt, wenn dem christlichen Glauben die gelebte Gemeinschaft abhandenkommt?
Was bleibt, wenn personale Gottesbilder erodieren, christologische Sühnopfervorstellungen gänzlich unverständlich geworden sind?
Was bleibt, wenn Gnade, Buße, Rechtfertigung klingen wie Worte aus einer Arkandisziplin?
Ich bin keine Hellseherin, aber auch keine Pessimistin. Deshalb suche ich nach einer Perspektive, nach einem kleinen Guckloch, wie man in Südbaden sagt, durch das weiterhin göttliches Licht und Heil in unsere Gegenwart scheint. Und wir, die wir im Lichtkegel dieses Gucklochs stehen, finden Worte, Geschichten, Ideen, um zu beschreiben, was wir durch dieses Guckloch sehen.
Und was sehe ich da?
Vielleicht keine institutionalisierte Kirche im heutigen Sinne, aber etwas, das der Kulturwissenschaftler Ingo Reuter eine „christliche Weltsicht“ nennt (Ingo Reuter: Jenseits von Religion und Kirche. Versuch über das Christentum, Würzburg 2021).
Die christliche Weltsicht ist das, was wir einbringen können jenseits aller Religion und Kirchlichkeit. Da haben wir etwas zu bieten, das den Nerv trifft in einer Welt, die fast ausschließlich nach neoliberalen Marktlogik funktioniert. Die christliche Weltsicht legt den Finger in die Wunde dieser Marktlogik. Sie macht uns von Objekten dieser Marktlogik wieder zu Subjekten unseres eigenen Lebens.
Und wie geht das?
In einer Welt jenseits von Religion und Kirchlichkeit geht es nicht mehr darum, was wir für wahr halten oder woran wir glauben. Aber es geht weiter darum, dass wir Geschichten erzählen, in denen Menschen einen Sinn für ihr Leben erkennen. Geschichten, bei denen sie sagen: Dafür lohnt es sich zu leben. Dafür stehe ich gerne jeden Tag auf. Dafür will ich meine Energie einsetzen. Dafür will ich Kinder in diese Welt setzen und sie großziehen.
Unsere christliche Tradition ist voll von solchen Geschichten. Vier will ich skizzieren:
Das ist erstens die Geschichte von einer Welt, in der der Mensch nicht Herrscher über die Natur ist, sondern Verwalter und Bewahrer. Er selbst ist ein Teil dieser Schöpfung, nicht mehr und nicht weniger. Fridays for future lässt grüßen.
Da sind zum Zweiten Geschichten von einem Leben, das sich nicht selbst machen kann, sondern verdankt. Die Bibel erzählt die Geschichte von Gott, der das Leben einhaucht. Die Erkenntnis: Ich wurde gemacht ohne mein Zutun. Das befreit mich davon, mich ständig selbst erfinden und beweisen zu müssen. Das Prinzip dahinter lautet Gott, Zufall oder einfach das Unverfügbare, das Unaussprechliche.
Da sind drittens Geschichten von dem Mann aus Galiläa, der jegliche zwanghafte Vorstellung davon durchbricht, wie Leben sein muss. Er wendet sich gerade an die Menschen, die gescheitert sind, die rausfallen aus einer Gesellschaft, in der es darum geht, mitzuhalten und sich anzupassen. Ob das Leben wert ist, gelebt zu werden, entscheidet sich daran, ob wir fähig sind, Momente von Liebe, von Anerkennung, von Mitgefühl oder von Einssein mit der Welt zu leben.
Da sind zuletzt die Geschichten von Menschen, die davon berichten, wie die Botschaft von der Absage an das Recht des Stärkeren weiterlebt. Diese Botschaft steht immer wieder neu auf, sie lässt sich nicht töten. Das sehen wir zur Zeit in der Ukraine. Auferstehung sagen wir als Christen dazu.
All das sind Geschichten, die eine bestimmte Sicht auf diese Welt zeigen. Und ich bin davon überzeugt, dass es sich lohnt, diese Geschichten weiterzuerzählen in einer Welt jenseits von Religion und Kirchlichkeit. Uns steht die Aufgabe an, sie zu übersetzen in eine säkulare Sprache und mutig zu sagen: Für mich bieten sie das wirkmächtigste Konzept, um diese Welt zu verändern. Sie stärken in mir die Vision, dass Menschen inmitten der ganzen Schöpfung in Frieden leben können, dass ihr Leben einen Sinn hat, dass sie Teil eines sinnhaften Ganzen sind.
Ob es dann noch eine Kirche als Organisation braucht oder ob sich die sichtbare Kirche vollends eine unsichtbare, aber wirksame Kirche verwandelt hat – ich weiß es nicht. Aber ich wünsche mir, dass ich dann, ähnlich wie der alte Simon sagen kann: Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.
