Du bist ein Gott, der mich sieht

Mädchen blickt mich durch eine Lupe an

Michaela Deichl

Gedanken zur Jahreslosung 2023 

„Du bist ein Gott, der mich sieht“, so heißt die Jahreslosung für 2023. Wie schön, zu lesen und zu hören, dass Gott mich sieht. Es ist der tiefe Wunsch vieler Menschen gesehen und wahrgenommen zu werden. Der Wunsch, dass jemand versteht, wie es mir geht und für mich da ist. Ein Gott, der sieht, was ich brauche. Er kennt meine Not, meine Sehnsucht und meine Hoffnung. Manchmal drängt sich in Notlagen jedoch die bange Frage auf: Bekommt Gott wirklich mit, wie es mir geht?
 
Ja, das tut er. Da bin ich ganz sicher. Er ist ein Gott, der uns sieht. Er sieht Menschen in persönlichen Notlagen oder durch Krieg und Naturkatastrophen bedroht. Er sieht Menschen, die für Freiheit und Gleichberechtigung kämpfen. Er sieht Leid und Elend, Angst und Verzweiflung. Wo immer Menschen an ihre Grenzen stoßen, ist Gott an ihrer Seite. Er sieht, was all diese Menschen brauchen. Er schenkt Kraft und Mut, er trägt und tröstet. Er zeigt Wege, schickt Menschen, die helfen und eröffnet neue Möglichkeiten. Gott stärkt unsere Hoffnung, dass sich etwas verändern kann.
 
So hat auch Hagar es erlebt. Sie ist es, die auf eine himmlische Begegnung mit den Worten reagiert: „Du bist ein Gott, der mich sieht“. Hagar ist die Magd von Sarah, der Frau Abrahams gewesen. Die unfruchtbare Sarah sucht sich Hagar als Leihmutter aus. Im Alten Orient damals war so etwas nicht ungewöhnlich. Als Hagar tatsächlich schwanger wird, führt das zu schweren Konflikten. Die Situation eskaliert und die schwangere Hagar flieht in die Wüste. Da schickt Gott einen Engel als Boten zu ihr. Die Geschichte wendet sich.
 
Es tut so gut, zu erleben und darauf vertrauen zu können, dass Gott für mich da ist. Er ist da - in jedem Moment, wenn ich traurig bin, wenn ich nicht weiß, wie es weitergeht, wenn ich an mir selbst zweifle oder mich frage, was das alles hier eigentlich soll. Gott sieht mich, wenn mir Unrecht widerfährt oder ich mich ängstlich unter meiner Bettdecke verkrieche. 
 
Gerade in solchen Momenten kann mir das Wissen um seine Gegenwart Ruhe schenken. An Hagars Erfahrung kann ich anknüpfen und hier und heute erleben, dass Gott auch für mich da ist. Er will mir den Rücken und die Hoffnung in mir stärken. So vieles in meinem Leben geschieht ungesehen und ungehört, so manches Gefühl und so manches, was wir tun. Aber Gott - er hat uns im Blick. Weil das so ist, können wir etwas verändern: an unserer inneren Haltung, in unserem Leben und in unserer Welt. Gottes Gegenwart kann uns stark und mutig machen.
 
„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ In diesen Satz Hagars können wir einstimmen und uns damit auch in Erinnerung rufen, dass Gott da ist. Und vielleicht wird uns dann der eine oder andere Moment einfallen, in dem sich eine Situation zum Guten hin verändert hat oder wir selbst plötzlich mit einer neuen inneren Haltung weitergegangen sind. Das hilft uns zu sehen, wie Gott auf unterschiedliche Weise in unserem Leben wirkt. Vertrauensvoll kann ich mich öffnen, ihn entdecken, ihm begegnen und seine Spuren in meinem Leben erkennen. Ich sehe, wie und wohin er mich führen will und was er mir für meinen Lebensweg schenkt. 
 
Mögen die Worte Hagars wie ein Motto über unseren Wegen durch dieses Jahr stehen. Wir können diese Wege gehen, im Vertrauen, dass Gott uns sieht. Und wir können andersherum lernen, das zu sehen, was Gott in unserem Leben wirkt und bewirkt.