Entsperren Sie ihr Smartphone durch Gesichtserkennung? Nutzen Sie zuhause einen Saugroboter? Lassen Sie Apples Siri oder Amazons Alexa Fragen beantworten? Haben Sie schon von ChatGPT Texte schreiben lassen? Das sind nur einige Beispiele, bei denen KI (Künstliche Intelligenz) zum Einsatz kommt. Doch was ist das eigentlich KI, wie beeinflusst sie unser Leben, wo sind die Grenzen und was hat das mit Kirche und Theologie zu tun? Ein Experte für solche Fragen ist Dr. Gernot Meier. Er ist Beauftragter für Ethik und Theologie der Digitalisierung in der Evangelischen Landeskirche in Baden. Wir haben ihn zum Thema befragt.
Wie Künstliche Intelligenz unseren Alltag beeinflusst

Lebensfragen & Lebenformen
Was ist KI oder Künstliche Intelligenz und wo kommt sie zum Einsatz?
Gernot Meier: Eine Definition der EU lautet: „Künstliche Intelligenz ist die Fähigkeit einer Maschine, menschliche Fähigkeiten wie logisches Denken, Lernen, Planen und Kreativität zu imitieren.“ Grob gesagt ist die KI ein Oberbegriff für viele Formen von Datenanalyse und -aufbereitung. Maschinen werden anhand sehr großer Datenmengen trainiert, Muster zu erkennen, um Vorhersagen zu treffen und verschiedene Schlüsse zu ziehen. In einem autonomen Fahrsystem kann die KI z. B. unterscheiden, ob es sich bei dem Gegenstand auf der Straße um ein Straßenschild, einen Motorradfahrer oder einen Frosch handelt.
Zur Anwendung kommt die KI z.B. bei der Gesichtserkennung, bei autonomen Fahrsystemen, für die Spracherkennung oder um Texte zu generieren. In der Medizin wird sie unter anderem in der Diagnostik zur Interpretation von Röntgenbildern oder bei der Suche nach Krebszellen genutzt. Dies mit sehr guten Ergebnissen. Oder auch die wichtige Frage: Wieviel Energie brauchen wir morgen zwischen 11:39 und 12:04 Uhr? Das sind nur einige von sehr vielen Beispielen.
Was sind die Grenzen von KI?
Gernot Meier: Die Grenzen des maschinellen Lernens von Künstlicher Intelligenz sind im Moment noch nicht zu erkennen. Die Möglichkeiten in der Medizin, der Technik, der Agrarindustrie, in der Verwaltung, in der Rechtsprechung, der Öffentlichkeitsarbeit, der Wirtschaft sind immens und werden weiter ausgebaut werden. In Robotern verbaute KI kommt schon jetzt zum Einsatz, wo es darum geht, standardisierte Aufgaben zu erledigen. Künftig werden wir ganz selbstverständlich mit Maschinen zusammenarbeiten. Ein Beispiel: In einem Produktvideo einer Firma, die Roboter baut, wird Folgendes gezeigt: Ein Handwerker auf einem Gerüst benötigt ein Werkzeug. Er „sagt“ seinem Roboter, dass er das Werkzeug bringen soll. Und der Roboter holt wie selbstverständlich das Werkzeug, klettert selbstständig auf das Gerüst und gibt dem Mann das Werkzeug. Solche Maschinen werden zum Einsatz kommen, wenn Aufgaben für den Menschen zu eintönig oder zu gefährlich sind. Das, was nun gerade diskutiert wird, ist vielleicht die Oberfläche einer Revolution, die genau so große Auswirkungen haben wird, wie der Klimawandel.
Welche Risiken hat der Einsatz von KI?
Gernot Meier: Maschinen „lieben“ Vereinheitlichung, Modularisierung, klare Strukturen und Workflows. Abläufe, in die der Mensch nicht eingreift. Strukturen ohne den sogenannten „Human Override“, in der der Mensch die Kontrolle über eine KI behält und jederzeit in die Entscheidungen der KI eingreifen kann.
Ein Beispiel: Im Überwachungsstaat China wurde eine Person zu Unrecht beschuldigt, dass sie mehrfach bei Rot über die Straße gelaufen sei. Die Person konnte nachweisen, dass sie nie an den Orten war, an denen das angeblich passiert war. Der „Schuldige“ wurde bald erkannt: Ein Foto der Person war als Werbung auf einem Omnibus angebracht. Der Algorithmus hatte das Foto fälschlicher Weise als diese Person identifiziert. Die KI hat dann schnell gelernt. Aber das Problem lag im Konzept der Software: Die Programmierer:innen hatten in der Überwachungssoftware keine Schnittstelle eingebaut, wo die Behörden rechtzeitig hätten eingreifen können. Die Möglichkeit, sich gegen die Maschine oder den Workflow zu entscheiden (Human Override) war hier überhaupt nicht vorgesehen. Deshalb gehört meines Erachtens zu jedem Ablauf die Möglichkeit der Ausnahme. Denn genau das können im Moment nur Menschen bearbeiten. Alles andere können die „Blechkisten“ besser.
Und ChatGPT?
Gernot Meier: Vielen Menschen ist es nicht klar, dass es sich bei ChatGPT um ein Large Language Model (LLM) handelt. Large Language Models sind Lernmodelle, die auf einer riesigen Menge von Textdaten „trainiert“ werden und Sprachmuster analysieren, um dann Antworten, Texte, etc. zu generieren. ChatGPT fügt extrem gut und genau Sachen aneinander, von dem es aufgrund des Algorithmus „glaubt“, dass sie zueinander passen. So kommt es mitunter vor, dass die KI Antworten gibt, die faktisch falsch sind. Man spricht dann davon, dass die KI „halluziniert“.
Zudem kann eben nur das herauskommen, was die zum Training der Maschine benutzten Datensätze hergeben. Und in diesen Daten können Vorurteile stecken, die sich dann in den Antworten und Texten der Maschine widerspiegeln.
ABER: Die KI lernt, sie berücksichtigt immer größere Datenmengen, mehr Sprachen kommen hinzu und die Programme, die die Daten analysieren, werden immer besser. In den neueren Versionen werden Kontextanalysen eingesetzt. Das „Halluzinieren“ wird künftig weniger werden. Die Frage wird sein, in welchen Kontexten wir künftig KI einsetzen.
Warum sollte sich Kirche bzw. Theologie mit KI beschäftigen?
Gernot Meier: Durch die Digitalisierung wird das Konzept Mensch neuformiert. Für die Theologie stellt sich die Frage, nach welchen Regeln das passiert. Hier haben wir als Kirche etwas zu sagen. Das Menschenbild hat sich schon immer je nach politischem und gesellschaftlichem Kontext verändert und weiterentwickelt. Nehmen wir etwa das Bild der Frau oder auch die heutige Diskussion um Geschlechter und Diversität. Durch die Digitalisierung bekommt das aber noch mal eine andere Qualität. Mit Hilfe der KI können potenziell Strukturen geschaffen werden, die auf eine Vereinheitlichung abzielen. Ein Beispiel ist der Instagram-Algorithmus, der mir etwa als Mann immer wieder Bilder von muskelbepackten Männerkörpern zeigt. Aber: Ich werde nicht so aussehen wie Daniel Craig alias James Bond – so viel Sport kann ich gar nicht betreiben. Soll „man“ sich nach diesem Bild ausrichten und nach Optimierung streben? Viele Menschen sind dafür anfällig, sich solchen Normen zu unterwerfen. Nach einem christlichen Menschenbild ist die Unterschiedlichkeit ein hohes Gut. Der Mensch ist das Bild Gottes, aber Gott hat viele Bilder und ist nicht nur der optimierte Mensch oder das optimierte, normierte Leben.
Welche ethischen Fragen sind damit verbunden?
Gernot Meier: Es geht um solche Fragen wie Vertrautheit, Verlässlichkeit und Vertrauen. Mediziner etwa müssen heute begründen, wenn sie mit der Diagnose durch die KI nicht einverstanden sind. Vertrauen wir jetzt dem Mediziner, dem ja auch Fehler unterlaufen können, oder verlassen wir uns vollständig auf die KI mit der Idee, hier gibt es keine Fehler? Ein anderes Beispiel: Autonome Waffensysteme. Was ist, wenn die mit Gesichtserkennung ausgestattete Drohne von einem autonomen System gesteuert wird, das seine Ziele ohne menschliche Intervention auswählt und angreift? Noch ist es rechtlich so, dass ein Mensch in der sogenannten „Kill Chain“ zwischengeschaltet sein muss. Auch zu solchen Themen müssen wir uns als Kirche verhalten.
In der Veranstaltungsreihe “Unsupervised thinking” in Kooperation mit dem Institut für Machine Learning and Analytics der Hochschule Offenburg hat sich die Evangelische Akademie Baden 2023 mit solchen Fragen beschäftigt. Die Reihe wird im kommenden Jahr fortgesetzt.
Weitere Informationen zur Veranstaltungsreihe "Unsupervised thinking":