Kennen Sie die „Affenfalle“? In südostasiatischen Ländern wie Vietnam, Laos oder auch auf den Philippinen gibt es seit Jahrhunderten einen Trick, um Affen zu fangen. Die Makaken Affen, die dort leben, lieben reife, süße Bananen über alles. Also nehmen die Bauern eine große Kokosnuss, höhlen sie aus und legen eine süße Banane hinein. Außerdem schneiden sie ein Loch in die Kokosnuss, das gerade so groß ist, dass ein Affe seine Hand hineinstrecken kann. Dann hängen sie die Affenfalle in einen Baum und warten. Meist dauert es gar nicht lange, bis ein Makake kommt, den süßen Geruch der Banane riecht und seine Hand durch das enge Loch in die Kokosnuss streckt. Der Affe greift sich die Banane und jetzt ist er gefangen. Das Loch der Kokosnuss ist nämlich so eng, dass er seinen Arm nicht mehr herausziehen kann, wenn er gleichzeitig die Banane umklammert. Im Grund müsste der Affe die Banane nur wieder loslassen, um sich zu befreien. Aber das kann der Affe nicht. Er liebt die Banane zu sehr, um sie loszulassen und seinen Arm aus der Falle zu ziehen. Er ist gefangen.
Nicht nur Affen haben Probleme mit dem Loslassen. Mir fällt es auch schwer.
Jedes Mal, wenn ich meine Dienststelle gewechselt habe, musste ich umziehen. Und das bedeutete: Loslassen. Verantwortung loslassen. Das Pfarrhaus, in dem ich mit meiner Familie Jahre gelebt habe, loslassen. Die vertrauten Orte und Plätze loslassen. Menschen, die mir lieb geworden sind, loslassen.
Auch meine Kinder habe ich nur schwer loslassen können, als sie ausgezogen sind, um ihr eigenes Leben zu leben.
Ach, und dann habe ich im letzten Jahr mich von einem Teil meiner theologischen Bücher getrennt. Es gab einfach nicht mehr genug Platz im Regal. Also habe ich Bücher verschenkt und entsorgt. Obwohl ich schon jahrelang diese Bücher nicht mehr gebraucht habe und sicher nie wieder hinein schauen würde, es fiel mir schwer, sie loszulassen.
Kennen Sie das? Haben Sie auch Orte, Menschen und Dinge loslassen müssen und es hat richtig weh getan?
Es gehört wohl zu einer unserer wichtigen Lebensaufgaben, dass wir das Loslassen lernen. Doch es ist eine der schwersten.
Mein Leben lang muss ich loslassen. Mein Elternhaus. Meine Eltern, wenn sie alt werden und sterben. Freundschaften, die sich auseinanderentwickelt haben. Manche haben auch erlebt, wie ihre Ehe zerbrochen ist. Das bedeutet nicht nur einen Menschen loslassen, den man einmal sehr geliebt hat, sondern auch die Träum, die damit verbunden waren. Die Lebensentwürfe. Das ist schwer.
Und während ich älter werde, merke ich: Nicht alles, was ich mir für mein Leben erträumt habe, hat sich erfüllt. Ich muss Lebensträume loslassen.
Manches würde ich auch gerne loslassen, ich schaffe es aber nicht.
Verletzungen, die mir Menschen zugefügt haben, und die ich immer noch mit mir trage. Enttäuschungen, die ich erlebt habe. Schlechte Angewohnheiten, die ich nicht losbekomme.
Es ist wie bei der Affenfalle: Ich halte so vieles fest und bin davon gefangen. Ich schaffe das Loslassen viel zu wenig. Sie auch?
Was mir hilft, hier und da loszulassen, ist das Vertrauen, dass ich hinterher nicht mehr leeren Händen dastehe. Ich lass etwas los, um etwas Neues zu bekommen. Wenn ich meine Hände leer mache, dann sind sie offen, Neues zu empfangen.
Ich habe Dienststellen losgelassen, um an neuen Orten neue Aufgaben zu übernehmen und neue Menschen kennen zu lernen. Ich habe Freundinnen und Freunde gewonnen, denen ich nie begegnet wäre, wenn ich nicht Altes losgelassen hätte.
Übrigens gilt das auch für meinen Glauben: Mein Glaube hat sich durch die Jahre hindurch auch verändert. Mein Verständnis von Gott ist anders geworden. Ich habe alte Gottesbilder und Überzeugungen loslassen müssen und habe neue gefunden. Vielleicht habe ich Gott besser kennengelernt. Auf jeden Fall nochmal anders und ganz neu. Aber dafür habe ich alte Überzeugungen loslassen müssen.
Und dass wir gerade in unserer Kirche so vieles loslassen müssen, was uns lange vertraut war, weil sich fast alles in unserer Kirche ändert, das muss ich kaum betonen. Aber ich will auch hier daran glauben, dass leere Hände neu gefüllt werden können. Ich weiß zwar noch nicht, wie das Neue in unserer Kirche aussieht, aber ich glaube daran, dass Neues kommt. Unsere Kirche wird anders, neu, wir werden staunen. Nur: Wir müssen auch loslassen. Raus aus der Affenfalle.
Ich denke an Jesus. Er hat einmal gesagt: Neuer Wein gehört in neue Schläuche. Die alten Schläuche müssen wir loslassen, entsorgen, damit das Neue einen Platz hat. Für mich hat das übrigens viel mit Himmelfahrt zu tun. Letzten Donnerstag haben wir das gefeiert. Und mit Pfingsten. Kommt am nächsten Sonntag. Himmelfahrt ist der Moment des Loslassens. Die Jünger müssen den auferweckten Jesus endgültig loslassen. Sie hatten ja schon bei seinem Tod gedacht, dass sie ihn verloren hätten. Aber dann kam Ostern und die Begegnungen mit ihm als dem Auferstandenen. Noch einmal gab es eine Zeit der ganz besonderen Begegnungen. Aber an Himmelfahrt ist es vorbei. Endgültig. Jesus geht und die Jünger müssen loslassen. Aber auch hier ist es so: Ohne Loslassen nicht Neues. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Jetzt gehe ich zu dem zurück, der mich gesandt hat. Euer Herz ist mir Traurigkeit erfüllt. Aber glaubt mir: Es ist das Beste für euch, wenn ich fortgehe. Denn wenn ich nicht wegginge, käme der Beistand nicht, der Heilige Geist“.
(nach Joh.16,5-7)
Ohne Weggehen Jesu kein Kommen des Geistes. Ohne Himmelfahrt kein Pfingsten. Ohne Loslassen kein neues Beschenktwerden.
Ich sehe noch etwas: Zwischen dem Loslassen Jesu an Himmelfahrt und dem neuen Beschenktwerden mit Gottes Geistkraft an Pfingsten liegen 10 Tage. 10 Tage mit leeren Händen. 10 Tage, wo das Alte schon losgelassen ist und das Neue noch nicht da. Solche Zwischen-Zeiten sind nicht einfach auszuhalten. Trotzdem möchte ich den Mut haben, immer wieder raus aus der Affenfalle zu kommen. Das Loslassen möchte ich üben. In meinem Leben. Auch in meinem Glauben. Neues erwarten. Unterwegs sein zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.
