Die Gegend, aus der ich komme (und die ich drum ganz gut kenne), die ist – naja – ein bisschen austauschbar. So wie um Rastatt herum sieht es anderswo in der Oberrheinebene auch aus: Ein paar Hügel hier und da, dahinter Berge, die gerade noch so genannt werden können, viel Wald und Feld, Städte und Dörfer, die Autobahn und die B3. So sieht es vielleicht auch im Thüringen aus, in Hessen irgendwo und in Norddeutschland (wenn ich den Schwarzwald, die Vogesen und den Rhein mal kurz wegdenke) – nichts Spektakuläres jedenfalls.
Das mag „diese Gegend“, in der zur Weihnacht die Hirten ihre Herden hüteten, auch nicht gewesen sein: etwas Besonderes. Eine Gegend halt. Wie es hunderte andere gibt. „In dieser Gegend“ finden sich keine besonders anmutigen Auen, keine wunderhübschen Hügelketten, keine pittoresken Seen, hoch aufragende Berge – so dass es für weihnachtliche Engelscharen ein besonderes Vergnügen sein müsste, „herzuzutreten“ und zu verkünden, was es eben zu verkünden gibt. Nichts dergleichen – jedenfalls beschreibt Lukas nichts davon (Lukas 2, 8-14).
Und doch ist es nicht irgendeine Gegend, in die sich Gott hineinbegibt, um als Mensch geboren zu werden. Nein, denn „diese Gegend“ ist: Menschengegend. Sie ist der Ort, da Hirten arbeiten, da sie ihr Dasein fristen, die Landschaft, in der sie zuhause sind; eine raue Gegend mag es gewesen sein, karges Land, heiß und schattenlos am Tage, bitterkalt in der Nacht. Hätte Gott es sich nicht etwas gemütlicher machen können? Nein. Denn wo Menschen zuhause sind, will er zuhause sein.
Das macht „diese Gegend“ dann aber doch zur besonderen. Wir Menschen haben unsere je eigenen Gegenden: in denen wir unsere Geschichten erleben, in denen wir unsere Wunden und unser Glück erfahren, in denen wir uns auskennen – oder auch nicht, wenn Menschen auf der Flucht sind, weil ihre Gegend unwirtlich geworden ist. Sicher ist: Seit Gott „in dieser Gegend“ damals angekommen ist, ist keine Menschengegend mehr gottlos. Und die Botschaft der Engel gilt auch hier.
(Sogar in der Gegend um Rastatt …)
Kirchenrat i. R.
Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung