Hoffnungsverwandt – Impuls über familiäre Bande

Tisch geschmückt für Weihnachtsessen

Traugott Schächtele

Ich habe eine richtig große Verwandtschaft. Sechs Geschwister. Ein Dutzend Nichten und Neffen. Jede Menge Onkel und Tanten. Und eine noch viel größere Zahl an Cousins und Cousinen. Wenn die Großfamilie alle paar Jahre zum Familientreffen zusammenkommt, tragen wir alle ein Zeichen aus welcher Verwandtschaftslinie, aus welchem „Stamm“ wir kommen. Damit wir uns leichter zuordnen können.
 
An ganz vielen Orten, an die ich komme, stoße ich auf Menschen, mit denen ich verwandt bin. Ich bin in der Fremde. Und bin doch gleich irgendwie daheim.
 
Mit Maria und Josef könnte das in Bethlehem doch ähnlich gewesen sein. Womöglich ist es, neben der von Augustus erzwungenen Klärung der Steuerlasten, auch eine Reise an den Ort, an dem Josefs Familie ihre Wurzeln hat. Vor dem Aufbruch in die familiäre Zukunft versichert sich Josef seiner Herkunft. Familiäre Wurzelpflege. Maria hatte das zuvor schon ähnlich gemacht. Und ihre Cousine Elisabeth besucht.
 
Über Advent und Weihnachten steht die Familie oft höher im Kurs als sonst im Jahr. Mit allen Begleiterscheinungen, die die Pflege familiärer Bande so mit sich bringt.
Im weiteren Sinn kommen für mich in dieser Jahreszeit auch andere familiäre Bande zum Tragen. Ich spüre, dass ich noch zu einer ganz anderen Familie gehöre. Der Familie, die sich von der Geschichte einer ganz großen Hoffnung miteinander verbunden weiß. Mitten in herausfordernden Konflikten, die derzeit wahrhaftig nicht nur mich belasten, fühle ich mich weltweit den Menschen verbunden, die sich mit dem Zustand der Welt nicht abfinden wollen. Die gemeinsam miteinander hoffnungsverwandt sind. Weil alle davon überzeugt sind, dass sie Grund haben, von der Zukunft Großes zu erwarten. „Familia Dei“, Familie Gottes, nannten das diejenigen, die für uns die Urahnen dieser Hoffnungsfamilie sind. In ihrer Geschichte möchte ich ankommen und mich darin bergen. Gerade dann, wenn es in der eigenen Familie an Weihnachten auch mal wieder drunter und drüber geht.
 
  

Prof. Dr. Traugott Schächtele

Prälat i.R.

Zur Person:
Geboren 1957 in Wolfenweiler (Markgäflerland), verheiratet, fünf erwachsene Kinder. Nach Abitur und Zivildienst Theologiestudium in Freiburg, Tübingen, Basel und Heidelberg; nach dem Lehrvikariat in Karlsruhe-Wolfartsweier Pfarrvikariat in Rheinau-Freistett und Ettlingen; in Ettlingen (Luthergemeinde) dann von 1992 bis 1998 Gemeindepfarrer, danach bis 2007 hauptamtlicher Dekan im Kirchenbezirk Freiburg; im Anschluss daran Professor an der Evangelischen Hochschule in Freiburg (Systematik/Homiletik) sowie Landeskirchlicher Beauftragter für den Prädikantendienst.
Von 2010 bis 2023 Nachfolger von Ruth Horstmann-Speer Prälat für den Kirchenkreis Nordbaden.