Gerade habe ich Nachrichten gehört. Unbestreitbar leben wir in Zeiten zwischen Krieg und Terror, Angst und Gewalt. Immer neue Brandherde kommen dazu. Nun lese ich die Jahreslosung: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ Oder in den Worten von Martin Luther: Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen (1. Korinther 16, 14).
Es macht fast den Eindruck, als hätte sich die Losung hierher verirrt. Zwischen all den Grausamkeiten und Lieblosigkeiten der Welt wirkt sie fremd. Aber vielleicht will sich die Liebe ganz bewusst jetzt und hier in Erinnerung bringen: „Vergesst mich nicht. Ich bin ein wichtiger Bestandteil dieser Welt. Ohne mich seid ihr nichts.“ So wie es auch an anderer Stelle in der Bibel zu lesen ist: „…und wenn ich alle Geheimnisse wüsste und allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzen könnte und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts…“ (1. Korinther 13, 2).
Wir sind nichts ohne die Liebe. Mit dem Blick auf das vergangene Jahr und die Turbulenzen in unserer Welt ist es tatsächlich ein guter Zeitpunkt für die Jahreslosung, einen eigenen, neuen Akzent zu setzen. „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“
Diese Worte hat der Apostel Paulus am Ende eines Briefes an die Gemeinde in Korinth geschrieben. Offensichtlich hat es dort an Liebe gefehlt. Es scheint unterschiedliche Vorstellungen gegeben zu haben, wie das, was Jesus wollte, konkret umgesetzt und gelebt werden kann. Das hat u.a. dazu geführt, dass es zu Spaltungen in der Gemeinde gekommen ist. Was eben alles so passieren kann, wenn das, was wir tun, nicht in Liebe geschieht.
Im Gegensatz zu den Geschehnissen in Korinth wirkt das Leben heute noch weitaus bedrohlicher. Kompromisslosigkeit, Machtgier, Selbstüberschätzung und Egoismus stürzen die Welt in Dunkelheit. Menschen beharren starrsinnig auf ihr Recht und verlieren das Wohl anderer völlig aus dem Blick. Angst und Not greifen um sich, Tränen und Klage gehören fast schon zur Tagesordnung. Wie furchtbar. Wie unmenschlich.
„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ Da ist sie wieder, die Jahreslosung mit der Liebe. Nachdrücklich und unermüdlich. Eine Störung im Treiben der Welt. Eben noch die Faust erhoben, das Gewehr gezückt, eine Gemeinheit auf den Lippen, wird die Liebe zum Stolperstein. Hoppla. Was ist das denn? Wie kommt die Liebe denn hierher? Und vielleicht hören wir auch die unausgesprochene Frage: geschieht alles, was du tust, in Liebe? Gegen alle Grausamkeiten, von denen wir tagtäglich in den Medien hören und lesen, stellen die Worte der Jahreslosung unser Handeln infrage. Auf welcher Grundlage gestalten wir unser Leben?
Die Worte der Jahreslosung fordern Beachtung. Innehalten. Aber nicht laut und gewaltvoll, sondern leise, beharrlich und freundlich. Sie werden zum Gegengewicht auf der anderen Seite der Waage.
Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe - das ist im Grunde die kürzeste Zusammenfassung all dessen, wie wir leben und anderen Menschen begegnen sollten. Die kürzeste Zusammenfassung der biblischen Botschaft. Sie sieht in der Liebe eine Grundhaltung, eine innere Einstellung, den Ausgangspunkt für unser Sein in der Welt. Die Liebe hat die Kraft, Menschen und Welt zu verändern. So wie Jesus mit der Kraft seiner Liebe die Welt nachhaltig verändert hat.
Auf dem Weg durch das Jahr erinnert uns die Jahreslosung an die Liebe, die Gott uns geschenkt hat. Sie soll zum Maßstab für unser Denken und Handeln werden. Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. Letztlich ist das eine ganz schöne Herausforderung für unseren Alltag. Immer die Liebe im Blick zu behalten… wie soll das denn gehen? Warum sollen wir das können?
Wir können das, weil Gott uns seine Liebe geschenkt hat. Seine Liebe, in der wir leben, die uns umhüllt wie ein warmer Mantel. Wir sind ein Teil von ihr und Gottes Liebe ist ein Teil von uns. Darum können wir sie auch weitergeben und unsere Dinge in dieser Liebe geschehen lassen. Wir können andere Menschen anerkennen, sehen, was nottut, für den Frieden einstehen, verzeihen, trösten und Gutes erwarten.
Das ist nicht leicht. Es braucht Übung und wird auch nicht immer gelingen. Aber wir haben alles, was wir dafür brauchen. Wir brauchen nur unsere Herzen öffnen und es geschehen lassen. Der Liebe Raum geben. In Begegnungen und in Gedanken, bei Fragen und Entscheidungen – überall kann uns die Liebe leiten.
Am Schluss seines Briefes fasst Paulus zusammen, worauf es ankommt: alles, was ihr tut, geschehe in Liebe. Bleibt dran! Vergesst es nicht! Lebt danach! Ihr habt alle Voraussetzungen, die ihr braucht. - Ja, das haben wir. Denn Gott liebt uns. In seiner Liebe sind wir aufgehoben. Sie trägt und wärmt uns, sie macht stark und mutig. Eben darum kann auch alles, was wir tun, in Liebe geschehen.
