Kennen Sie das Lied noch: Danke für diesen guten Morgen? Ich bin sozusagen mit diesem Lied aufgewachsen. Als ich 1964 geboren wurde, da war es gerade von Martin Gotthard Schneider gedichtet worden. Er hatte auch die Melodie dazu geschrieben. Und er war ein Badener. In Konstanz am Bodensee geboren, Bezirkskantor in Freiburg und später Landeskantor für Südbaden. Es gibt noch mehr Lieder im Gesangbuch von ihm. Zum Beispiel „Der Gottesdienst soll fröhlich sein“ (169), „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ (609) oder „Zwischen Jericho und Jerusalem“ (658). Allesamt Lieder, die lange Zeit in unseren Gottesdiensten rauf und runter gesungen wurden.
Schneider war später auch Lehrer und Professor an der Hochschule für Kirchenmusik, Freiburg und erhielt sogar den Verdienstorden der Bundesrepublik. Aber keines seiner Lieder ist wohl so bekannt geworden wie das Lied „Danke“. Bereist 1961 gewann es den Tutzinger Wettbewerb für neue geistliche Lieder. Der Botho-Lucas-Chor nahm sich des Liedes an und gab eine Schallplatte mit dem Danke-Lied heraus, die schnell die ersten Plätze der Hitparade eroberte. Eine Zeitlang konnte man das Lied auf allen Radiosendern hören. 1962 schaffte es das Lied sogar auf die Titelseite der BILD-Zeitung. Das heißt schon was. Dahin kommen sonst nur Skandalgeschichten, aber keine Kirchenlieder.
Also: Haben Sie das Lieder früher auch mit Begeisterung gesungen? Vielleicht machen Sie das ja heute noch, obwohl das Lied ein wenig aus der Mode gekommen ist, wie mir scheint. Manchen kommt es etwas abgedroschen vor und den Titel „modernes Kirchenlied“ kann es auch kaum mehr tragen. Lieder von vor über 60 Jahren sind in unserer schnelllebigen Zeit eben nicht mehr modern.
Und auch damals hat das Lied nicht nur Begeisterung ausgelöst, sondern auch Kritik und Ablehnung. Kirchenmusiker urteilten schnell über ihren Kollegen, er habe ein Lied geschaffen, das musikalisch simpel und ohne Substanz sei. Ein Kirchenschlager untersten Niveaus. Und Theologen haben die Theologie des Liedes als flach und naiv bezeichnet. Das Lied hat trotzdem überlebt.
Aber ich kann die Kritik auch verstehen. Ich tue mich mit den Formulierungen des Liedtextes auch an einigen Stellen schwer, z.B.: „Danke, wenn auch dem größten Feinde ich verzeihen kann“.
Ganz so einfach ist das mit dem Verzeihen und Vergeben nicht.
Können die Menschen, die Missbrauch erfahren haben, ihren Tätern vergeben? Niemand darf das erwarten oder sogar fordern. Sie haben ein Recht auf ihren Schmerz, ihren Zorn und auf Gerechtigkeit.
Können die Familien in der Ukraine, deren Häuser zerbombt wurden oder deren Männer und Söhne im Krieg gefallen sind, den russischen Soldaten vergeben? Auch das darf niemand erwarten oder gar fordern. Auch sie haben ein Recht auf ihren Schmerz und ihren Zorn und Gerechtigkeit.
Und die Angehörigen der israelischen Geiseln? Und die Kinder im Gazastreifen?
Dem Feind verzeihen zu können, das singt sich nicht so einfach. Es braucht einen langen Weg, den Gott mit uns geht.
Aber dann fällt mir auch auf, dass es im Lied heißt: „Wenn auch dem größten Feinde ich verzeihen kann“. Wenn! Im Sinne von „falls“. Falls das irgendwann möglich ist, dann ist es wohl tatsächlich eine Gabe Gottes. Ein Wunder, wenn Heilung geschieht und Vergebung denkbar wird.
Und noch an einer Stelle bleibe ich hängen. Auch das singe ich nicht so einfach: „Danke für meine Arbeitsstelle“. Ich kann dafür wirklich danken. Ich empfinde es als ein Privileg Pfarrer sein zu dürfen und für die Missionarischen Dienste Verantwortung zu haben. Aber neben mir arbeiten Menschen, die leiden jeden Tag. Unter Überbelastung, Mobbing, Fremd- und Selbstausbeutung, Überforderung… Sie fühlen sich vom Arbeitgeber allein gelassen, gehen in die innere Emigration und sehnen die Rente herbei. Nein, der Dank für die Arbeitsstelle singt sich nicht von allen leicht.
Ich habe meine Anfragen an das Lied. Vielleicht ist es längst unmodern und aus der Zeit gefallen. Aber es hat mich begleitet in meinem Leben bis heute. Vor allem ist es mir wertvoll geworden, als ich einmal verstanden habe, was der Hintergrund des Liedes ist. Der Text geht nämlich zurück auf ein Dankgebet von französischen Arbeiterpriestern. Diese Priester haben in den 50er und 60er Jahren ihre Studierstuben und Kirchen verlassen und sind hinaus in die Fabriken des Landes gegangen, um dort zu arbeiten. Sie haben den Schweiß und den Dreck und den Gestank der Fabrikarbeit kennengelernt. Sie haben das einfache und oft harte Leben der französischen Arbeiter geteilt. Haben mit ihnen die täglichen Mühen und Sorgen und Träume und ihren Glauben geteilt. Aus ihren Erfahrungen heraus sind eine ganze Reihe von Gebeten entstanden. Eines dieser Gebete diente auch Martin Gotthard Schneider als Vorlage für sein Lied.
Hier einige Ausschnitte: „Danke, Herr, danke! Danke für das Wasser, das mich wachgemacht hat, für die Seife, die so gut riecht, für die erfrischende Zahnpasta. Dank für den Müllabfuhrwagen und die Männer, die ihn begleiten. Dank für Jakob, der mir seine Feile geliehen hat, für Fritz, der mir eine Zigarette geschenkt hat. Danke für jeden „Guten Tag“ den mir einer gewünscht hat, für jeden Händedruck, für jedes Lächeln. Dank für den Buben, dem ich zusah, wie er auf dem Gehsteig gegenüber spielte. Dank für das Dach, das mich beschützt, für das Licht, das mir leuchtet, für die Melodie aus dem Radio. Dank für den Blumenstrauß, das kleine Meisterwerk auf meinem Tisch.“
Wenn ich das lese, dann werde ich still und demütig. Da kann ein Mensch aus einfachsten Verhältnissen danke sagen für die kleinen Dinge seines Alltags. Es sind nicht die großen Ereignisse, es sind keine spektakulären Wunder, die ihn dankbar machen. Dieser Fabrikarbeiter schaut seinen Tag an und dann klagt er nicht über die harte Arbeit und den geringen Lohn und die schlechten sozialen Bedingungen, - und er hätte allen Grund dazu. Nein! Er findet tausend Anlässe zum Danken.
Mich beschämt das, weil ich mich so oft beim Klagen ertappe. Diese Dankbarkeit für die vielen kleinen Dinge des Lebens, die Gott mir schenkt, möchte ich mehr lernen. Mehr danken. Weniger maulen. Mehr loben, weniger klagen. Hinsehen und entdecken, womit ich beschenkt bin. Es ist so viel. Auch heute wieder.
