"GAIA lässt uns anders auf die Welt blicken, schenkt uns einen neuen Blickwinkel. Sie lässt uns einen Schritt zurücktreten. Heraus aus der Welt und aus der Enge der eigenen Zusammenhänge.
Der Blick, den Luke Jerram uns schenkt, ist der Blick, der sonst Astronaut*innen vorbehalten ist, die unseren Planeten aus dem Weltall heraus bestaunen durften und dabei den sogenannten „Overview-Effekt“ erlebten. Diese Astronauten berichten davon, dass dieser Anblick atemberaubend und unvergesslich war, und dass ihnen in diesem Moment bewusst wurde, dass unser Planet im wahrsten Sinne des Wortes einmalig ist – und gleichzeitig sehr verletzlich. Und sie berichten davon, dass dieser Augenblick, als sie die Erde „von außen und als Ganzes“ wahrnehmen konnten, ihr Leben verändert hat. „Die Erde ist so klein,“ so beschreibt der Astronaut Russell L. Schweickart den Anblick unseres Planeten aus dem Weltraum, „dass man sie mit dem Daumen zudecken kann – ein so kostbarer Fleck im Universum. Und man erkennt: Auf jenem kleinen, blau-weißen Ding befindet sich alles, was uns wichtig ist – Geschichte, Musik, Poesie, Kunst, Tod und Geburt, Liebe, Tränen, Freude, Spielen. Aus dieser Perspektive wird dir klar, dass du dich in diesem Augenblick verändert hast, dass da etwas Neues ist.“
Luke Jerrams Anliegen ist es, diesen einmaligen und atemberaubenden Anblick einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auch, um uns die Verletzlichkeit und die unbedingte Schutzwürdigkeit unseres Planeten vor Augen zu führen.
Neben der unvergleichlichen Schönheit ist die Verletzlichkeit ein Merkmal des blauen Planeten, derer sich die Astronauten bei seinem Anblick bewusst werden. „Beim ersten Blick zum Horizont der Erde stockte mir der Atem. Nicht dass mich die Krümmung der Horizontlinie überrascht hätte, es war vielmehr die königsblaue Farbe der Atmosphäre, die mich verzauberte. Doch wie dünn war die lebenserhaltende Schicht! Hier war der Moment, von dem alle Astronauten erzählt hatten, die vor mir geflogen waren (…) Die Erde lag ausgebreitet unter uns. Ihre Schönheit war hinreißend – keine Sprache kann es beschreiben, doch wie verletzlich sah sie aus“, so notiert es der Wissenschaftsastronaut Ulf Merbold (Columbia-Flug November 1983).
Verletzlichkeit ist zugleich ein Thema, das sich unmittelbar mit dem Kirchengebäude verbindet, in dem GAIA in Karlsruhe zu sehen ist. Die Evangelische Stadtkirche am Marktplatz wurde im Jahr 1944 bei einem Fliegerangriff getroffen und bis auf die Grundmauern zerstört. Erschütternde Bilder und Berichte zeugen davon. Der „Friedensengel“, der oben auf dem Kirchturm den Wind anzeigt und dabei mit seinem ausgestreckten Ölzweig der Stadt Frieden bringen soll, stürzt bei jenem Angriff 72 Meter in die Tiefe und zerbirst. Ein Schock für Karlsruhe.
Die Stadtkirche trägt die Signatur der Zerbrechlichkeit, wenngleich sie – 80 Jahre nach ihrer Zerstörung – natürlich längst wieder aufgebaut ist und der „Friedensengel“ hoch oben längst wieder in alle Himmelsrichtungen weist, die Windrichtung anzeigt und – wer weiß – vielleicht auch Frieden über die Stadt bringt. Mich bewegt der Gedanke, dass dort, wo noch die wenigen originalen Überreste der ursprünglichen Stadtkirche stehen, nun GAIA schwebt.
Bei der Betrachtung von GAIA wird auch deutlich: Unsere menschlichen und menschengemachten Grenzen und Begrenzungen, die das weltpolitische Geschehen und unser Miteinander auf dem Planeten Erde tagtäglich so sehr bestimmen – vom All aus gesehen, gibt es sie nicht. Allenfalls topografische und damit naturgegebene Begrenzungen, seien es Gebirgszüge, Flüsse, Wüsten oder Meere, sind erkennbar. Eine Einteilung in Nationen und Mächte und - weiter gedacht - in Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft – aus der Distanz des Weltalls heraus betrachtet, gibt es sie nicht.
Für mich bekommt der Begriff „Weltanschauung“ im Zusammenhang mit GAIA eine ganz neue Bedeutung – eine neue Weite. Und es wird mir bewusst, dass bei der „Weltanschauung“, dem Blick auf GAIA, die „Weltanschauungen“ zurücktreten, kleiner und weniger bedeutend werden.
Und gleichzeitig zeigt der Blick von außen auf die Welt, wie dann doch alles Leben miteinander zusammenhängt. Wie sehr alles Leben voneinander abhängt und wie kunstvoll es miteinander verwoben ist.
„GAIA – Erlebe das blaue Wunder“ ist bewusst nicht als innerkirchliches Projekt konzipiert, sondern es lebt davon, dass viele mitmachen und mitgestalten. In dem Bewusstsein, dass wir es nur gemeinsam schaffen können, den blauen Planeten zu bewahren und so für nachfolgende Generationen als wertvollen Schatz und Lebensgrundlage zu erhalten."
Auszug aus Konradblatt 37/2024 (www.konradsblatt.de)
GAIA kann in der Ev. Stadtkirche Karlsruhe bis zum 6. Oktober 2024 täglich von 13.00 bis 22.00 Uhr besichtigt werden. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen: www.gaia-in-karlsruhe.de