Wohlwollen - Impuls über Vergebung

Mann und Frau umarmen sich

Urte Bejick

Ich bin mitten im Umzug. 150 Kisten einpacken, auspacken. Warum muss ich immer wieder so viel mitschleppen? Weil Erinnerungen dranhängen, oder?
 
Wir tragen außer Bücher- und Geschirrkisten auch anderes mit uns herum: Erinnerungen, gute und schlechte, Kränkungen, Verletzungen. Muss ich das alles mitschleppen? 
Ich bin oft etwas nachtragend. Und dann stelle ich mir einen dicken Adligen vor, der fröhlich voranschreitet und ich beladen mit Rucksack und Koffern hinterher. Das belastet. Aber wie werde ich den Ballast los? An den Straßenrand stellen mit dem Schild „zu verschenken“ - das geht wohl nicht.
 
Etwas weg geben, ver-geben. Vergebung, wie kann das aussehen? Darüber erzählt die biblische Geschichte über die Versöhnung der Brüder Esau und Jakob (Gen 33, 1-4.10-12).  
 
Jakob hat den eigenen Bruder um sein Erbe betrogen. Nach Jahren der Flucht kehrt er in die Heimat zurück, auch, um dort dem Bruder zu begegnen.
Esau, so wird er in die Geschichte eingeführt, ist kräftig, grob, ein Jäger, der sich im Wald wohlfühlt und er ist etwas einfach gestrickt. So einer reagiert doch mit Vergeltung, nicht mit Großzügigkeit. Denn schließlich ist er von seinem Bruder nicht nur um das Erbe betrogen worden, sondern um den väterlichen Segen. Den Segen, der mit den Vorfahren verbindet, den Segen über Tun und Lassen, den Segen auf dem Lebensweg. 
Weiter wird berichtet, dass Esau dennoch seinen Weg gegangen ist, dass er es auch ohne väterliches Wohlwollen zu Wohlstand bringt. Er braucht keine Rache, keine Vergeltung. Das ist sein Segen, der in ihm gewachsen ist.
 
Vergeben, versöhnen ist ein Grundgebot unserer Religion. Das kann aber kein Befehl sein. Um Vergebung kann nur gebeten werden, sie ist nicht einklagbar und kein Automatismus. Es gibt Verhältnisse und Schuldzusammenhänge, die wir als Menschen nicht mehr lösen können. Vergebung als Pflichtübung entehrt dann die Opfer und nimmt auch Tätern und Täterinnen die letzte Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. Menschliches Vergeben ist in diesem Fall zu klein. Vergeltung und Rache aber auch. 
 
Auch bei Esau und Jakob ist das mit der Versöhnung nicht so einfach. Es wird erwähnt, dass Jakob Rinder, Schafe und Geld als Wiedergutmachungsgeschenk vorausschickte, aber befürchtete, Esau könne seine Familie und seine Begleiter töten. Vor der Begegnung mit dem Bruder ringt Jakob am Fluss mit einem Dämon, einem Engel - oder ist es Gott? Er geht erneut gesegnet, aber auch versehrt aus dieser Begegnung hervor. 
Und auch Esau traut dem Frieden nicht ganz. Wer weiß, was der kleine Bruder wieder vorhat? Er kommt mit 400 Männern. 
 
Das Ringen, die Bitte um Vergebung und dann das Weinen beider. Denn alles, was geschehen ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Beide Seiten, Opfer und Täter sind von der Vergangenheit geprägt. Es bleibt nur noch das Anerkennen des Schmerzes - des eigenen und des fremden. Dann können die Kisten aus Erinnerung und Verletzungen abgelegt werden.
 
„Vergebt, wie euch vergeben ist“, sagt Jesus. Vergeben zu können setzt voraus, selbst Vergebung erfahren zu haben.  Auch das darf keine bloße Formel bleiben. Gott vergibt uns Schuld. Wie sich das anfühlt, erfahren wir durch andere Menschen, die uns Versöhnung und Vergebung anbieten, die über unsere Verfehlungen hinwegsehen. Jakob sieht in Esaus Haltung Gott durchscheinen. Und es taucht ein Wort auf: Wohlwollen. Esau hat nicht einfach vergeben und vergessen, aber er hat doch auf ein gemeinsames Wohl gehofft und daher sein Misstrauen überwunden. Es geht um das Wohl. Gedanken an Vergeltung, Notwehr sind legitim, aber was dient dem Wohl, auch der Opfer? In unserer menschlichen Dimension können wir oft manche Verstrickungen nicht lösen, aber immer wieder auf das Wohl aller hoffen und bestehen. Wir können es anmahnen, ersehnen, erträumen und erbeten. Damit Gott über uns zum Strahlen kommt.
 
  

Dr. Urte Bejick

Theologin/ Bereich Altenheimseelsorge, Abt. Seelsorge/ZfS