Aua! - Impuls

Knie eines Kindes, nach Sturz aufgeschürft

Gabriele Hartlieb

Lena ist zwei Jahre alt und die Tochter meines Kollegen Tobi. Neulich ist sie ganz erschüttert vom Kinderturnen zurückgekommen, erzählt er. Er sieht ihr unglückliches Gesicht, als sie an der Hand ihrer Mutter nach Hause kommt, und fragt: „Hast du dir wehgetan? Hast du ein Aua?“, und sie nickt heftig. – „Wo ist denn das Aua, Lena? Am Bauch?“  - Lena schüttelt den Kopf.  – „Sind es die Füße?“ – Die sind es auch nicht. – „Ist das Aua am Kopf?“ – Auch da scheint der Schmerz nicht festzumachen zu sein, und auch nicht an den Armen, den Knien oder dem Rücken. Mein Kollege ist besorgt und ratlos: Was für ein Schmerz quält seine Tochter? Schließlich sagt sie: „Ganze Lena aua!“
 
Und die Mutter, die dabei war, berichtet: Lena hat sich gar nicht selbst verletzt. Ein anderer Junge aber ist aus vollem Lauf gefallen und hat nach seinem Sturz markerschütternd laut geweint. Das hat Lena wehgetan. Dass einer neben ihr plötzlich laut schreit vor Schmerz, hat auch sie im Innersten getroffen. „Ganze Lena aua“.
Wie erschütternd für sie und ihre Eltern, dass man einen fremden Schmerz so deutlich spüren kann. Wie gut Lena zum Ausdruck bringen konnte, was das mit ihr gemacht hat.
 
Mich beschäftigt dieses Erlebnis, weil es so eindrücklich eine unmittelbare menschliche Reaktion zeigt auf den Schmerz, den jemand neben mir hat und einfach hinausschreit.  Lena fühlt den Schreck, das laute Weinen, das Unglück des Jungen ganz als ihren eigenen Schmerz. Sie ist jetzt noch klein, gerade mal zwei; später wird sie leichter unterscheiden können zwischen sich und anderen. Sie wird lernen, wie sie anderen helfen kann, wenn ihnen etwas wehtut – und wie sie sich selbst davor schützen kann, dass der Schmerz anderer bei ihr ganz körperlich wird. Vielleicht ist alles Laute für Lena unangenehm und sie war darum so erschüttert. Vielleicht ist sie aber auch besonders schmerzempfindlich, wenn es um andere geht, besonders mitfühlend.
 
Was für eine wichtige Eigenschaft! Mitlachen, mitweinen, mitfühlen, mitschweigen, mithelfen: das stärkt den Zusammenhalt. Mitgefühl ist eine Fähigkeit, ohne die das Zusammenleben von Menschen nicht gelingt. „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden“: aus der Bibel, von Paulus stammt der Satz. Wenn jemand mitfühlt, spüre ich: Ich bin nicht allein. Wir sind miteinander verbunden. Und zwar nicht nur, wenn es um schöne Gefühle geht – sondern auch da, wo es wehtut.
 
Empathisch sein: eine tolle Eigenschaft. Zusammen mit der Widerstandfähigkeit, um sich von den vielen schmerzhaften Gefühlen in der Welt nicht überschwemmen zu lassen. Das weiß Paulus offenbar auch: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde Böses mit Gutem!“ Ich denke, Lena hat das Zeug dazu.
 
  

Gabriele Hartlieb

Stadtkirchenarbeit Freiburg