80 Jahre EKD – „Wir sind auf Zusammenarbeit angewiesen“
Karlsruhe, (01.09.2025). Vor 80 Jahren wurde bei der ersten Konferenz evangelischer Kirchenführer die EKD als Zusammenschluss lutherischer, reformierter und unierter Landeskirchen gegründet. Klaus Engelhardt war von 1980 bis 1998 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden und von 1991 bis 1997 EKD-Ratsvorsitzender. In einem Interview erinnert sich der 93-Jährige an die ersten Jahre der EKD und schätzt ein, welche Bedeutung sie für die Evangelische Kirche bis heute hat.

Landesbischof in Ruhe Klaus Engelhardt
Können Sie sich an die frühen Jahre der EKD erinnern und wie haben Sie diese damals erlebt?
Klaus Engelhardt: Zwei Erinnerungen werden lebendig. Wir erlebten die Nachkriegszeit, es gab wenig zu essen und zu kaufen. 1947 wurde ich konfirmiert. Meinen Konfirmandenanzug erhielt ich aus einer amerikanischen Spende über das Evangelische Hilfswerk. Das Evangelische Hilfswerk war mit der EKD im August 1945 in Treysa gegründet worden. Die EKD brachte damit gleich zu Beginn zum Ausdruck, dass sie diakonische Verantwortung in schwerer Zeit wahrnimmt und dass sie bereit ist, sich am äußeren und inneren Aufbau des Landes zu beteiligen. Am Ende der Weimarer Republik war die evangelische Kirche weitgehend in der nationalkonservativen, demokratiekritischen Schmollecke gestanden. Jetzt zeigte das biblische Motto des Propheten Jeremia „Suchet der Stadt Bestes“ eine Wende an und wurde zu einem Leitwort, an der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft aktiv mitzuwirken.
Eine zweite Erinnerung aus der damaligen Zeit: Es gab heftige Diskussionen über die „Stuttgarter Schulderklärung“ des neugebildeten Rates der EKD vom Oktober 1945. Ein Schlüsselsatz lautet: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“ Die einen begrüßten diese Erklärung, andere lehnten sie entschieden ab. Sie wandten sich gegen eine Kollektivschuld. An anderer Stelle heißt es: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Die konkrete Schuld an der Shoa, die millionenfache Ermordung von Jüdinnen und Juden, wurde nicht beim Namen genannt. Das war ein Versäumnis. Tiefsitzender Antisemitismus wurde auch in den Folgejahren nur zögerlich aufgearbeitet.
Wie haben Sie die EKD in Ihrer Zeit als Ratsvorsitzender 1991 bis 1997 wahrgenommen?
Klaus Engelhardt: Es war der erste, jetzt wieder gesamtdeutsche Rat nach der Wiedervereinigung. Durch die intensiven Partnerbeziehungen der westdeutschen Landeskirchen mit ostdeutschen Landeskirchen während der 40-jährigen Teilung unseres Landes hatten wir einander kennengelernt. Jetzt saßen wir im Rat beisammen und hatten die Aufgabe „Kirche nach der Wende“ zu gestalten. Wir kamen aus unterschiedlichen Situationen. Im Westen war es Kirche in einem weltanschaulich neutralen Staat, der Religionsfreiheit gewährte; im Osten war es Kirche, die von staatlicher Seite unter kritischer Beobachtung stand. Im neugebildeten Rat begegneten wir uns bei bestimmten Fragen und Entscheidungen anfangs mit „geschwisterlichem Misstrauen“. Aber wir entdeckten schnell, dass durch die jahrelange Ost-West-Partnerschaft zwischen unseren Landeskirchen Vertrauen gewachsen war, das uns im Rat geholfen und zusammengeführt hat. Wenn es Kontroversen gab, verliefen sie in der Regel nicht an der Grenzlinie Ost-West, sondern sie waren durch unterschiedliche theologische Positionen quer durch den Rat bestimmt.
Welche Bedeutung hat die EKD für die Evangelische Kirche heute?
Klaus Engelhardt: Alle Landeskirchen sind auf der Suche nach neuen Strukturen, in denen sich kirchliches Leben unter neuen Bedingungen entfalten kann. Ein weites Feld! Ich will eines besonders betonen: Die EKD kann helfen, vor selbstgenügsamem Provinzialismus der Landeskirchen bewahrt zu bleiben. Jede Landeskirche hat ihr eigenes geistliches Gepräge. Wir sind angesichts einschneidender Veränderungen auf Zusammenarbeit angewiesen, nicht nur in Strukturfragen, sondern auch in gegenseitiger theologischer Ermutigung durch das je eigen geprägte Bekenntnis von lutherischen, unierten und reformierten Landeskirchen.
Wie bringen wir die vielfältige Botschaft von Jesus Christus in unsere Welt, in der sich Misstrauen ausbreitet und bis ins öffentliche Leben zu gefährlichen Verwerfungen führt?
EKD – das bedeutet: Kirche kann nicht Kirche Jesu Christi sein, wenn sie es nicht in enger Verbundenheit mit anderen Kirchen ist – vor Ort mit anderen Gemeinden – in der EKD mit anderen Landeskirchen und mit anderen Konfessionskirchen – ökumenisch mit der weltweiten Christenheit.