Wolfgang Schmidt freut sich auf mehr unverplante Zeit

Der Oberkirchenrat blickt zum Abschied in den Ruhestand auf seine Zeit im EOK und die Zukunft religiöser Bildung

Karlsruhe, (26.01.2026). Wenn Wolfgang Schmidt ab Februar in seinen Kalender blickt, wird er sich vor allem über eins freuen: unverplante Zeit. „Ich mache mir zwar keine Illusionen, dass ich dann einen leeren Terminkalender habe. Aber ich werde dafür sorgen, dass das Terminaufkommen massiv reduziert sein wird“, sagt der Oberkirchenrat und Ständige Stellvertreter von Landesbischöfin Heike Springhart. Ende Januar geht der dann 66-Jährige in den Ruhestand. Seit 1. September 2019 leitet er als Oberkirchenrat das Referat „Bildung und Erziehung in Schule und Gemeinde“. Zuvor war er von 2012 bis 2019 Propst an der Erlöserkirche in Jerusalem.

OKR Wolfgang Schmidt
Herr Schmidt, wenn Sie auf Ihre Zeit als Oberkirchenrat blicken. Was waren für sie die prägendsten Momente?
Wolfgang Schmidt: „Das sind nicht unbedingt die besten. Ich komme im September 2019 aus Jerusalem zurück und im März 2020 beginnt Corona. Das heißt: Im Grunde genommen ist die ganze Phase, die man am Anfang einer neuen Tätigkeit hat, weggefallen - das Vernetzen, Reinkommen, Leute kennenlernen. Was stattdessen eingekehrt ist, war die digitale Welt. Auf einmal kam das Thema Homeoffice auf. Ich hatte damals zu Hause kein Arbeitszimmer vorgesehen, weil es nur sieben Minuten bis in den EOK waren. Es war klar: Ich arbeite im Büro. Jetzt habe ich mein Arbeitszimmer. Da sitze ich mehr am Schreibtisch als im EOK. Das Zweite ist, dass vom ersten Tag an die Themen Reduktion und Transformation im Mittelpunkt standen. Jetzt haben wir mit den jüngsten Sparbeschlüssen der Landessynode einen gewissen Abschluss. Es ist fast wie ein Kreis, der sich schließt, auch wenn die Prozesse die Kirche noch lange weiterbeschäftigen werden.“
 
Welche positiven Aspekte werden Ihnen trotz der schwierigen Begleitumstände in Erinnerung bleiben?
Schmidt: „Ich finde, dass im Referat 4 die bisherigen Reduktionsprozesse recht gut gelungen sind. Niemand ist auf der Strecke geblieben. Das hängt damit zusammen, dass ich hier eine sehr vertrauensvolle Kollegialität erlebt habe.“
 
Was haben Sie persönlich aus Ihrer Zeit in der Kirchenleitung mitgenommen?
Schmidt: „In allen anderen Arbeitsfeldern, in denen ich beruflich tätig war, habe ich nie so sehr das ,Aufeinander-Angewiesen-Sein‘ erlebt wie hier. Als Gemeindepfarrer hat man einen Ältestenkreis, aber man lenkt doch die Geschicke selbst sehr stark. Dann war ich in der Erwachsenenbildung tätig in Freiburg. Da sucht man sich seine Themen. Als Propst in Jerusalem ist man sehr verantwortungsvoll unterwegs, aber auch irgendwie allein. Der Kirchengemeinderat hat dort keine große Mitsprache, die Gremien sitzen in Hannover.  In meinem jetzigen Amt habe ich hingegen das Zusammenspiel erlebt - wie sehr das ineinandergreifen muss und was passiert, wenn es mal nicht ineinandergreift.“
 
Welche Erfahrungen aus ihrer Zeit als Propst in Jerusalem haben Sie in ihrer Arbeit hier in Baden beeinflusst?
Schmidt: „Die Herausforderungen dort sind so groß, dass man, wenn man sie halbwegs gemeistert hat, mit mehr Gelassenheit in eine andere Führungsposition gehen kann. Das war eine gute Vorbereitung. Nach einigen Jahren an dieser Position hat man automatisch ein anderes Standing.“
 
Blicken wir auf den Bildungsbereich. Wie sehen Sie die Zukunft der religiösen Bildung in Schule und Gemeinde. Braucht es heutzutage noch den Religionsunterricht?
Schmidt: „Wir sind am Beginn eines größeren Umbruchs. Ich sage am Beginn, weil an vielen Stellen das Bisherige noch trägt. Oft kann der l Religionsunterricht noch stattfinden, weil über 30% Konfessionslose am Unterricht teilnehmen. Das ist eine Chance, die Kirche an anderen Stellen nicht so ausgeprägt hat – mit Menschen zu arbeiten, die nicht der Kirche angehören, aber trotzdem ein Interesse haben. Was für den Religionsunterricht gilt, gilt genauso für die non-formale Bildungsarbeit. Die Erwachsenenbildung erreicht ein Spektrum von Menschen, die den ersten Zugang nicht über Kirche oder Kirchenmitgliedschaft zu uns finden, sondern über ihre Bildungsinteressen. Ähnliches gilt auch für die offene Jugendarbeit.“
 
Sie sagen, dass wir vor einem Umbruch stehen. Ist der konfessionelle Unterricht etwas, von dem man sich aus Ihrer Sicht langfristig verabschieden sollte?
Schmidt: „In den gesellschaftlichen Diskussionen spielt das Stichwort Diversität eine große Rolle. Vielfalt ist eine Stärke einer liberalen Gesellschaft, aber ich erlebe oft, dass das beim Blick auf den Religionsunterricht nicht mehr gelten soll. Dann kommt schnell der Gedanke, der das Gemeinsame bemüht, statt zu sagen, das bereichert doch, wenn wir hier die verschiedenen Traditionen in Form der unterschiedlichen Konfessionen einbringen können. Insofern stehe ich hinter dem Motto, das wir als vier Kirchen in Baden-Württemberg geprägt haben: konfessionell, kooperativ, kontextuell.  Konfessionell, aber nicht konfessionell exklusiv, sondern konfessionell kooperativ – und dann noch kontextuell eingebettet.“
Blicken wir auf die Gesamtgesellschaft: Welche Rolle sollte Kirche ihrer Meinung nach in gesellschaftspolitischen Diskursen einnehmen?
Schmidt: „In sozialen Fragen und der Sozialpolitik hat Kirche den klaren Auftrag, für die Benachteiligten zu sprechen. Dann gibt es ethische Fragen, in denen oft die Eindeutigkeit nicht weiterführt. Da hat meines Erachtens die Kirche die Aufgabe, Diskurse zu moderieren oder zu initiieren. Die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre machen aber auch deutlich, dass das Diskursive an Grenzen stößt. An manchen Stellen ist dann auch eine klare Grenzsetzung in öffentlichen Debatten notwendig.“
 
Welche Pläne haben Sie, wenn Ihnen ab dem Frühjahr mehr freie Zeit zur Verfügung steht?
Schmidt: Seit meiner Rückkehr aus Jerusalem bin ich Vorsitzender des Jerusalemvereins im Berliner Missionswerk. Ich erlebe immer wieder, wie das so nebenbei laufen muss, obwohl eigentlich noch viel mehr Engagement möglich und gefragt wäre. Dieses Engagement bleibt. Dann möchte ich zu Zeiten verreisen, in denen keine Ferien sind. Und es wird mit drei Kindern und fünf Enkelkindern mehr Raum für die Familie vorhanden sein und Zeit mit meiner Frau.