„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ - Jahreslosungsfahne 2023 in Langensteinbach

Jahreslosungsfahnr 2023 in Langensteinbach von Beate und Ulrich Heinen.
Jahreslosungsfahnr 2023 in Langensteinbach von Beate und Ulrich Heinen.
Wieder hängt eine neue Jahreslosungsfahne vom Kirchturm, die uns mit ihrem Bild und dem Bibelspruch aus Genesis 16,13 durch das Jahr begleiten will.

Das Bild haben Beate und Ulrich Heinen für uns gemalt. Beate Heinen ist Ihnen vielleicht bekannt durch ihre jährlichen Weihnachtsbilder oder ihre Spruchgrafiken.

Auf den ersten Blick ist die Fahne nicht gleich voll zu erfassen. Wie bei so manchen Dingen im Leben müssen wir öfters hinschauen.
Zunächst fällt auf, dass das Bild hauptsächlich in den Farben Blau, Rot und Schwarz gemalt ist. In der Ikonografie ist Blau die Farbe für das Himmlische, Rot die Farbe für das Irdische – und ja, in unserem Bild vermischen sich diese beiden Farben auch immer wieder zum Lila: da
gehen Himmel und Erde ineinander über.
Und dann ist da die Trennung zwischen der rechten und der linken Hälfte.
Auf der rechten Seite ist eine Menschenmenge zu sehen: zum Teil gesichtslos hasten die Menschen dahin. Nur eine Frau, ein Mann und ein Kind im unteren Teil haben konkrete Gesichtszüge.
Sind es die vielen Menschen weltweit, die auf der Flucht sind?
Und finden wir uns vielleicht auch in ihnen wieder, wenn wir oft durch unser Leben hasten,
von einem Termin zum anderen, von einem Event zum nächsten? Wenn wir mitlaufen im Strom der Menschenmenge? Wenn wir uns nicht wahrgenommen fühlen?
Im Gegensatz zu der Bewegung auf der rechten Seite ist auf der linken Seite als Ruhepol ein Gesicht zu sehen: Christus sieht uns an.
Ernst? Liebevoll? Rätselhaft? Fragend?
Ganz unterschiedlich können wir es empfinden. Auf jeden Fall ist da etwas zu spüren von einer Ruhe und Verlässlichkeit; aus all unserer Unruhe und Hast dürfen wir dort ankommen und einfach sein.

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ So sagt es uns die Jahreslosung aus der Abrahamsgeschichte. Dieser Ausspruch stammt von Hagar, einer Frau, einer Sklavin, einer Randfigur der Gesellschaft.

Die ägyptische Hagar (sie hat ja eigentlich gar keinen Namen; denn ‚Hagar‘ heißt einfach „die Fremde“) erlebt die Nähe Gottes in einer Situation, in der sie ganz am Ende ist, körperlich und seelisch: Sie war Sklavin bei Abraham und Sara. Deren Ehe war kinderlos geblieben, ob-
wohl Gott Abraham einen Sohn und eine reiche Nachkommenschaft versprochen hatte. Nun hatten Abraham und Sara ein Nachwuchs- und ein Glaubensproblem. Sara schlug Abraham deshalb vor, dass er mit der Sklavin Hagar zusammen ein Kind zeugen solle – eine damals üb-
liche Vorgehensweise. Und Hagar wird schwanger von Abraham. Das Verhältnis der beiden Frauen wird zusehends schwieriger, sie demütigen und verachten einander und es gipfelt darin, dass Hagar es nicht mehr aushält und in die Wüste flieht. In der Wüsteneinsamkeit findet sie eine Quelle, die Erquickung für einen kurzen Moment schenkt. Und dann hört sie die Frage: „Hagar, Magd Saras, wo kommst du her und wo willst du hin?“ Sie sieht einen Engel. Der Engel spricht ihr Mut zu. Er schickt sie zurück unter den Schutz Abrahams. Aber zuvor gibt er ihr eine Verheißung – gerade so, wie auch Abraham eine Verheißung bekommen hatte: Du sollst eine zahlreiche Nachkommenschaft haben. Diese Zusage eröffnet ihr Zukunft; sie weiß, dass ihr Leben weitergehen wird und sie erkennt voller Staunen: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (Und sie wird dann durch ihren Sohn Ismael zum Stammvater der Araber.)

„Wo kommst du her und wo willst du hin?“ - Gesehen werden, wahrgenommen werden, das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wie gut tut es, gefragt zu werden: „Wie geht es dir?“ – wenn es nicht nur eine dahingesagte Floskel ist. Es helfen keine allgemeinen, schnell dahingesagten Redewendungen, sondern wir brauchen Menschen, die uns wahrnehmen in unserer Persönlichkeit, die uns zuhören und mit uns ernsthaft auf die Suche nach Antworten und Lebensmöglichkeiten gehen. Wir brauchen ein weites Herz füreinander. Und manchmal
reicht auch ein ehrlicher und mitfühlender Augen-Blick.

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ – Ich wünsche Ihnen, dass Sie dies auch immer wieder spüren dürfen: Gott sieht mich, er sieht mir in die Augen und in mein Herz hinein und er schickt immer wieder Menschen, die es gut mit mir meinen – und manchmal schickt er auch
mich selbst zu einem anderen Menschen.
 
Reinhild Prautzsch